Der Blackout ist die grosse Ausnahme

Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 28.01.2012 35 Kommentare

Nach der Zürcher Strompanne stellen sich Fragen: Haben die Elektrizitätswerke zu langsam reagiert? Sind die Läden schlecht gewappnet? Oder sind wir Pannen schlicht nicht gewohnt?

Ernstfall am Hirschengraben: Arbeiter am EWZ-Unterwerk.

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Stromausfall legt Zürich lahm

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Solche Sprüche mussten nach der fast dreistündigen Strompanne vom vergangenen Donnerstag kommen: «Bald wie Griechenland», «Das haben wir von den AKW-Gegnern» oder «Ein einziges Kabel darf doch keine moderne Stadt lahmlegen». Die Antworten finden sich nicht am Stammtisch, denn das Stromnetz einer Stadt ist komplizierter als das aufwendigste Strickmuster. Und Strommangel war nicht die Ursache des Blackouts.

Grundsätzlich funktioniert die Stromversorgung in der Schweiz sehr zuverlässig. Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) geben an, dass ein Stromausfall pro Anschluss durchschnittlich nur alle drei Jahre auftritt und 30 Minuten dauert. Dies entspricht einer Verfügbarkeit von 99,99 Prozent. Die Elektrizitätswerke der Stadt Zürich (EWZ) geben an, dass es alle zwölf Jahre zu einem Unterbruch von 5,5 Minuten kommt. Das wäre eine Verfügbarkeit von 99,9999 Prozent. Die beiden Zahlen basieren aber auf verschiedenen Standards.

Diese minime Chance, dass es in Zürich zu einem Stromausfall kommt, ist für die Energieverantwortlichen von Firmen nicht nur gut. Denn sie müssen ihre teuren Notstromsysteme jedes Jahr vor der Geschäftsleitung rechtfertigen. Viele nicht betroffene Haustechniker in Zürich sind deshalb nicht traurig, dass es zum Blackout gekommen ist.

Notstrom innert Millisekunden

Grundsätzlich gibt es bei Firmen zwei Notsysteme: die unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) sowie konventionelle Dieselgeneratoren. Die USV setzen innerhalb von Millisekunden ein und verhindern, dass ein Computer abstürzt oder im Spital die Herz-Lungen-Maschine aussetzt. Sie beziehen den Strom aus Batterien und können Notsysteme wenige Sekunden oder mehrere Stunden versorgen. Dieselgeneratoren brauchen rund zehn Sekunden, bis sie anspringen.

Wie Markus Birrer von der auf USV spezialisierten Firma Newave sagt, wägt jede Firma das Risiko ab. Bei einem McDonald’s lohnt sich eine Notstromversorgung kaum – bei Banken und Spitälern ist sie überlebensnotwendig. Ein paar Beispiele: Tamedia, die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt, hat ein USV, das die wichtigsten Server weiterversorgt, bis der Dieselgenerator einsetzt. Eine Zeitung kann jederzeit gestaltet werden, für die Druckmaschinen und den Koch in der Kantine reichts aber nicht. Ringier hat in Zürich nur USV – in Zofingen steht auch ein Dieselgenerator. Der Umzug der «Blick am Abend»-Redaktion nach Zofingen scheiterte am Verkehr.

Die Kassen zuerst runterfahren

Coop hat gemäss Mediensprecherin Denise Stadler alle Supermärkte soweit mit Notstrom ausgerüstet, dass die Notbeleuchtung funktioniert und die Kassen heruntergefahren werden können. Coop City Bellevue hat ein Notstromaggregat, das am Donnerstag eine geordnete Evakuation möglich machte. Die UBS hat gemäss Andreas Kern ihre Notstromversorgung so organisiert, dass jeder Transfer am Schalter oder am Notenautomaten abgeschlossen werden kann. Die Daten sind in der Zentrale mehrfach abgesichert.

Beim EWZ ergab die erste Manöverkritik gute Noten für die Beteiligten. Gemäss Harry Graf war das brennende Kabel relativ neu. Möglich ist, dass Stromschwankungen wegen eines Kurzschlusses im Unterwerk Katz zum Kabelbrand führten. Der Ausfall des Unterwerks Sempersteig dauerte relativ lang, weil der Rauch abgesogen werden musste. Erst dann konnte eruiert werden, welches der 25 Hochspannungskabel durchgebrannt war. «Wir konnten nicht auf gut Glück mit 150 Kilovolt verschiedene Schaltungen ausprobieren», sagt Graf, «sonst hätten wir viel grössere Schäden riskiert.»

Der Sempersteig ist eines von 15 Unterwerken in der Stadt, die 150 Kilovolt auf 22 oder 11 Kilovolt hinuntertransformieren. Diese Mittelspannung wird in Ringleitungen in 715 Quartier-Trafostationen geführt und dort in 230 und 400 Volt umgewandelt. Haushalte und Geschäfte können auch von anderen Unterwerken bedient werden. «Das bedingt manuelle Umschaltungen an Ort und Stelle und kann mindestens sechs Stunden dauern», sagt Graf. Die Abschaltung des defekten Kabels war somit schneller. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2012, 08:55 Uhr

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35 Kommentare

Werner Wüest

28.01.2012, 15:56 Uhr
Melden 48 Empfehlung

Da wird einmal mehr auf sehr hohem Niveau gejammert. Ich würde die CH-Stromversorgung als eine der zuverlässigsten der Welt bezeichnen. Das gilt auch für andere Bereiche wie die Wasser-Versorgung und Abwasser-Entsorgung, öffentlicher Verkehr, Telekommunikation, Postdienste usw. Pannen kann es immer mal geben, mal grösser mal kleiner - bleiben wir doch etwas abgeklärter. Antworten


Martin Müller

28.01.2012, 15:04 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Wir sind schon sehr verwöhnt. Da passiert einmal ein grösserer Stromausfall und schon stellen wir alles in Frage. Solche Unfälle wird es bei technischen Anlagen immer wieder geben. Selbst mit grösstem Aufwand liessen sie sich nie ganz ausschliessen. Seien wir glücklich, dass sie meist glimplich ablaufen und keine Personenschäden nach sich ziehen. Stromausfall während 2 Stunden. Na und? Antworten



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