Der Deutsche, ein Mensch
Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 30.01.2010 2 Kommentare
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Ein Prosit der Gemütlichkeit: Jens Wiese (l.) und Gerald Balzer in der Reithalle. (Bild: Sophie Stieger)
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Unter der «dicken Dame» will er mich treffen, sagt er am Telefon. Kann wohl kein Französisch, der Deutsche. Jens Wiese heisst mein Rendezvous – und das passt mir prima in den Kram. Jens ist ein guter Name für einen Deutschen, Ulf hätte auch gepasst, oder Bodo, Dirk, Kalle. Pünktlich stellt er sich unter den blauen Schutzengel von Niki de Saint Phalle im Zürcher Hauptbahnhof.
Ich gehe auf ihn zu und reiche ihm die Hand zum Gruss: «Guten Abend, Herr Wiese, oder soll ich lieber Schweizerdeutsch mit Ihnen reden, wie es Roger Schawinski im «Club» gefordert hat?»
«90 Prozent der Deutschen würden jetzt antworten: «Tun Sie ja bereits!» Sie meinen nämlich, der Kabarettist Emil spreche Schweizerdeutsch.»
Gerald Balzer stösst zu uns, auch er ist Deutscher. «Ein Fan von mir», sagt Jens, der seit ein paar Jahren auf dem populären Blog www.blogwiese.ch seine Erlebnisse als Deutscher in Zürich beschreibt. Es war meine Idee, dass wir uns Du sagen. Die Schweizer, wird Jens später verständnisvoll sagen, würden sich unwohl fühlen, wenn man zu lange beim Sie bleibe. Das habe mit diesem «Gleichheitsding» der Eidgenossen zu tun: «Wir haben zusammen Militärdienst gemacht, also können wir uns auch duzen.»
«Ich krieg ein Bier!»
«Wo solls denn hingehen?», frage ich die Jungs. Meine Idee für diese Geschichte war es, dass mir die Deutschen ihre Hotspots zeigen, dass sie mich auf eine wilde Kneipentour mitnehmen, dass sie T-Shirts von der deutschen Elf tragen, mir deutsche Oasen in der Zürcher Wüste zeigen, dass ich live mitbekomme, wie die Fräuleins hinter den Tresen die Augen verdrehen, wenn meine Kumpels lauthals sagen: «Ich krieg ein Bier!»
«In die Reithalle», sagt Jens.
Jetzt ist ja das Restaurant Reithalle nicht gerade die «Gröbeiz», dieses fiktive Walhalla gebeutelter Auslandsdeutscher in Zürich. Der Ort bleibt eine Erfindung der «Titanic»-Redaktion. Jens liefert eine Erklärung: Gröbeiz komme von Gröfaz. Das Akronym bedeutet «Grösster Führer aller Zeiten». Hätten wir auch das endlich geklärt.
Auf dem Weg in die Reithalle quasselt Jens ununterbrochen. Beim Löwenplatz sei er einmal mit dem Kickboard gestürzt. Zehn Zentimeter betrug die Fallhöhe, genug, um sich als über 30-Jähriger das Bein zu brechen. Als die Polizei nach seinem Heimatort fragte, antwortete Jens: «Den kann ich Ihnen leider nicht angeben. Aber ich kann Ihnen sagen, wo ich geboren wurde.»
Endlich an der Bar, bestellt Jens ein Pils – und bekommt eine Stange gezapft. «Ich kann eine Stange in die Ecke stellen. Oder jemandem die Stange halten. Trinken tu ich aber ein Pils.»
Gerald bestellt ein Weissbier.
Und Jens beklagt sich über den Qualm: «Ekelhaft. Die Schweiz ist das einzige Land in Europa, wo noch geraucht wird.»
Die beiden IT-Consultants haben Hunger. Jens nimmt den Hackbraten, Gerald Pasta. Keine Nürnberger Pfannkuchen, keine Schwarzwäldertorte, keine Weisswurst. Es läuft nicht rund mit meiner Story, also bohre ich nach:
«Wie ist es denn so, wenn Sie als Deutsche in den Ausgang gehen, werden Sie blöd angemacht?»
«Wenn schon g e h e n wir a u s.»
«Sag` ich ja.»
Gerald: «Ich wurde noch nie angefeindet. Auffallend ist aber: Wenn ich im Coop stehe und den Mund nicht aufmache, ist alles toll. Wenn ich dann aber was sage, gehen bei der Kassiererin oft die Jalousien runter.»
Jens: «Der Schweizer kritisiert nicht offen. Er poltert am Stammtisch, wo wir nicht hingehen, oder macht im Tram die Faust im Sack, wenn einer laut spricht.» Er rate aber vom Experiment ab, sich einen BMW mit Frankfurter Zeichen zu leihen und diesen über Nacht im Kreis 5 abzustellen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sei das Resultat ein Lackschaden oder ein Paar zerstochene Pneus.
Gerald: «Es kommt vor, dass man als Scheissdeutscher bezeichnet wird.» Das Deutschen-Bashing sei salonfähig geworden, und die SVP entblöde sich nicht, das Thema weiter zu beackern. Das bereite ihm zuweilen Sorgen.
Wir hätten noch «gern» eine Runde Bier und suchen krampfhaft nach weiteren kleinen interkulturellen Unterschieden. Fündig werden wir beim Entsorgungswesen. Jens findets lustig, dass in der Schweiz Abfallsäcke an der Kasse verkauft werden. «In jedem anderen Land liegen dort die Pornohefte.»
«Bei uns wird das ja pro Tonne abgerechnet: Restmüll, grüne Tonne, Papiertonne», sagt Gerald. Er lebt seit 13 Jahren in der Schweiz, ist mit einer Bündnerin verheiratet, kinderlos. Die Firma holte ihn nach Zürich. Bleiben wollte er ursprünglich zwei, höchstens drei Jahre.
Peinliche Stille am Telefon
Auch amüsiert es Jens, dass in Zürich «das Tram den Vortritt hat». In Deutschland habe «die Strassenbahn die Vorfahrt». In der Schweiz müsse das Tram demnach zu Fuss unterwegs sein. «Solche sprachlichen Extravaganzen finde ich immer noch sehr spannend.»
Trotzdem unterliege er einem Prozess der «Verschweizerung», sagt Jens. Wenn er etwa geschäftlich in die alte Heimat telefoniere, töne das jeweils so:
Banker: «Müller?»
Jens: «Wiese, guten Tag.»
Peinliche Stille.
Jens: «Ich habe die Pause gemacht, damit Sie mir «Guten Tag, Herr Wiese» sagen können.»
In Deutschland komme man ohne Umwege zur Sache, sage, wo der Schuh drücke oder was das Gegenüber für einen tun könne. Der Austausch von Höflichkeitsfloskeln im Geschäftsalltag sei eine typische Schweizer Eigenschaft. Wir kommen nicht weiter, reden einen Abend über Klischees.
In der Schweiz k r i e g e man kein Kilo Roggenbrot, behauptet Jens. Es gebe nur diese 400-Gramm-Brote, die von aussen zwar schwarz aussähen, innen jedoch weiss seien, als hätte sie ein Franzose gebacken.
Oder: In der Schweizer Agglo gebe es keine Kneipenszene. Bülach, da wo Jens wohnt, habe es auf 20`000 Einwohner bloss drei Beizen. In der Region Niederrhein bestehe ein Dorf aus fünf Häusern und drei Kneipen.
Oder: In Deutschland solidarisiere man sich beim Schlangenstehen oder im Stau, frage Wildfremde: «Warum dauert das so lange?» Wohingegen in der Schweiz in solchen Situationen stille Leidensgemeinschaften gebildet würden. Erkundige er sich in der S-Bahn bei seinem Gegenüber nach einem Wort aus der Zeitung, das er nicht verstehe («Muni», zum Beispiel), bekomme er stets freundlich Auskunft. Mache er indes eine flapsige Bemerkung, habe das meist nur böse Blicke zur Folge.
Und so weiter. Der ehemalige Deutsch- und Französisch(!)-Lehrer weiss viel – und erzählt es gerne. Kurz vor zehn muss Jens gehen, sein Flieger nach Kopenhagen starte um sechs, er müsse sich ausruhen. Auch Gerald bricht auf nach Wipkingen.
In der Strassenbahn notiere ich halb enttäuscht, halb beruhigt in meinen Notizblock: «Der Deutsche ist eben auch nur – ein Mensch.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.01.2010, 04:00 Uhr
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2 KOMMENTARE
Der Schweizer bleibt wie er ist und der Deutsche ebenfalls. Kulturen sollte man nicht ändern, nur weil es einigen Herrschaften nicht passt. Nun gibt es eben über die Schweiz nicht soviel zu schreiben - mangels Anzahl der Bevölkerung, der Grösse und der nicht allzu grossen Bedeutung auf der Welt :-)
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