Zürich
Der Espresso ist in Zürich viel zu teuer
Von Andreas Valda. Aktualisiert am 08.12.2008 16 Kommentare
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Wer in der brandneuen Goethe-Bar im Haus der «Neuen Zürcher Zeitung» einen Espresso bestellt, staunt nicht schlecht. Er kostet 4.80 Franken. Doch das ist längst nicht der höchste Preis in der Stadt: Im Metropol zahlt man 5.20 Franken (bei der Hauptpost), im Sprüngli (an der Bahnhof- und Löwenstrasse) sogar 5.30 Franken. Viel tiefere Preise finden sich an guten Zürcher Lagen kaum. Eine Ausnahme bilden die 3.90 Franken der Café Lounge Bar – fünfzig Meter vom Hauptbahnhof entfernt in der Nähe von McDonald’s. Der Zürcher Durchschnittspreis an guten Lagen beträgt 4.55 Franken.
Höhere Preise in der Deutschschweiz
Die Stichprobe, die der «Tages-Anzeiger» am letzten Freitag in neun Schweizer Städten durchführte, zeigt: In Zürich kostet ein Espresso am meisten, in Lugano mit 2.50 Franken am wenigsten. Günstig ist die Tasse auch in Lausanne (3.30 Franken) und Genf (3.40 Franken). In der Deutschschweiz dagegen sind die Preise durchwegs deutlich höher angesetzt: In Bern liegen sie bei 3.90, in Luzern und St. Gallen bei 4, in Basel bei 4.30 Franken.
Erhoben wurden die Preise jeweils in Gaststätten am Bahnhof, an Haupteinkaufsstrassen, Fussgänger- und Ausflugszonen (am See oder Fluss). In vier Städten variierten die Preise auffallend wenig. Der Unterschied vom tiefsten zum höchsten Preis beträgt nur 15 bis 20 Prozent. Dies ist ein untrügliches Zeichen, dass der Preiswettbewerb nicht scharf geführt wird.
«Die vom ‹Tages-Anzeiger› erhobenen Durchschnittspreise entsprechen sehr genau unseren Erhebungen unter 600 Cafés», sagt Johanna Bartholdi, Geschäftsführerin des Schweizer Cafétier-Verbandes, zur TA-Stichprobe. Den grossen Unterschied zwischen der West- und Deutschschweiz kann auch sie nicht erklären. «Das beobachten wir schon seit langem.» Bartholdi wirft einzig ein, in Genf müssten weniger hohe Mietpreise bezahlt werden als in Zürich, «selbst an besten Lagen». Doch rechtfertigt dies eine Differenz von 1.10 Franken pro Espresso?
Wohl kaum. Die Preisunterschiede sind zu gross, die Mieten sind nur für rund 15 Prozent der Kosten für eine Tasse Espresso verantwortlich. Auch der von Wirten gern angeführte hohe Kaffeepreis schenkt kaum ein. Ein Kilo Bohnen kostet je nach Qualität zwischen 9 und 30 Franken. Daraus lassen sich 130 Espressi brauen. Man rechne: In Lugano werden pro Kilo Kaffee im Schnitt 325 Franken eingenommen, in Zürich dagegen 585 Franken. «Meine Bruttogewinnmarge beträgt 93 Prozent», sagt Adrian Iten. Beim engagierten Berner Cafétier und Röster kostet die Tasse in seiner Adrianos Bar & Café 4 Franken.
Bruttogewinnmarge von 93 Prozent
Vom Bruttogewinn abgezogen werden müssen Miete, Kosten für Maschinen und Mobiliar, Unterhalts- und Reinigungskosten sowie die Löhne. Letztere sind für rund die Hälfe der Kosten verantwortlich. Doch sind die Löhne in Genf tiefer als in Basel, Zürich oder St.Gallen? Nein, sagen Fachleute. «Die Cafétiers zahlen Einsteigern oft die vom Gesamtarbeitsvertrag bestimmten Mindestlöhne», weiss ein Winterthurer Cafétier. 18.60 Franken pro Stunde oder 3300 Franken im Monat. Danach steigen die Löhne nur moderat.
Die grosse Differenz zur West- und Südschweiz lässt sich nicht mit höheren Kosten erklären. «Bei einem Zürcher Preis von 4.30 bleiben rund 2 Franken Reingewinn», sagt ein Zürcher Cafétier. Und: «Ich könnte auch mit 1 Franken gut leben.»
Warum nur zahlt der Konsument offenbar gerne mehr? «Der Espresso ist eben ein Lifestyle-Getränk», sagt Maik Kunz, Geschäftsführer des Zürcher Metropol, und betont, dass er für den Preis von 5.20 Franken einiges biete. Ein Tablett, ein Glas Wasser, ein Nuss-Sablé, spezielle Amici-Bohnen («30 Franken das Kilo»), ein Kännchen Rahm und einen Kaffee aus der Kolbenmaschine. Bei jeder Tasse müsse der Kolben geleert und gefüllt, die Portion gepresst und geklemmt werden, bis der Saft rinnt. «Insgesamt fallen neun Handgriffe an, bis das Tablett serviert werden kann. Dieser Aufwand muss bezahlt werden», sagt Maik Kunz.
Unterschiede in der Qualität sind vorhanden, keine Frage. Dennoch stellt sich die Frage: Halten die Cafétiers kollektiv die Preise hoch? Interessant ist das Beispiel St. Gallen: Sechs von zehn angefragten Cafétiers verlangen einen «Rahmzuschlag» von 10 bis 20 Rappen. In den anderen Städten gibt es nichts Vergleichbares. «Eigentlich sollten die Cafétiers ihre Kaffeepreise selbstständig kalkulieren. Doch in der Realität schauen sie häufig, wie die Konkurrenz kalkuliert und passen den eigenen Preis zehn Rappen darunter oder darüber an», sagt Bartholdi vom Cafétier-Verband. Anders gesagt: Der Espressopreis hat wenig mit Kosten zu tun. Die jährlichen Preiserhöhungen sind nicht wirklich begründbar. Wenn in St. Gallen zwei erhöhen, erhöhen alle.
Getränke zahlen Kosten für Küche
Trotzdem verteidigt der Berner Cafétier Iten die hohen Preise: «Sie subventionieren die Küchenleistung. Löhne, Miete, Maschinen. Mit meinen Sandwiches und Salaten, die 6 bis 12 Franken kosten, kann ich gerade die Selbstkosten decken.»
Das sei typisch für die Gastronomie, bestätigt Verbandschefin Bartholdi. «Die Getränke – nicht nur Kaffee, auch Mineral, Cola, Bier und Wein - bezahlen einen Teil der Kosten für die Bereitstellung des Essens.» Der Wechsel zu einer korrekten Kalkulation von Getränke- und Essenspreisen könne beim Kunden aber nicht durchgesetzt werden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.12.2008, 08:53 Uhr
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16 Kommentare
Dass es im Jahr 2008 noch nicht alle verstanden haben, dass einen Café-Haus kein Supermarkt ist, finde ich irgendwie traurig. Dies zeigt allerdings einmal mehr, wie die (veralteten) Cafetier Verbände ihren Kommunikationsaufgaben seit Jahrzehnten verpennt haben. Ein Kaffee-Bohne ist nicht Life-Style. Ein Besuch in ein gestyltes Lokal wie Starbucks oder Metropole ist es aber sicherlich. Ein Kaffee ist für viele Gastro-Betriebe das wichtigste Standbein um unbezahlten Leistungen zu finanzieren. Empörung: 2.00 Reingewinn auf einen Kaffee? Aber was verdient einen Beizer bei z.B. einen Supplèment Salatsauce, für 3 Brotkörbe für einen Salat, für ein zweites Rahm oder fünfte Zukerbeutel? Oder wenn „eine grosse portion Schlaggrahm“ mit der Dessert bestellt wird? Usw. Wollten wir Konsumenten wirklich auf diese Querfinanzierung verzichten und für jeder Extra-Wunsch zahlen müssen? Antworten
Die Peinlichkeit in der Öffentlichkeit mit einer Bierdose gesichtet zu werden, ist mir immer noch lieber als die überrissenen Preise in Zürcher Lokalen. Wie ich sehe, bin ich nicht der Einzige, der sein "Feierabendbier" aus der Dose im Tram und Zug geniesst. Leider haben die Wirte den Wink nicht verstanden und so werde ich mir wohl eine gute Maschine, Bohnen und eine Thermoskanne zulegen müssen. Antworten
Was mich irritiert, ist nicht nur die Preisdifferenz zu Lugano. Man erhält dort für den halben Preis nämlich durchs Band einen zehnmal besseren Espresso, mit allem Drumherum, wie in Zürich. Was unsere Cafétiers an Bohnen in die Maschinen einfüllen ist eine Frechheit. Für ca. 20 Franken pro Kilo erhalte im Laden einen sehr guten Kaffee. Macht 16 Rappen pro Tasse. Antworten
Espresso = Lifestyle? Lachhaft Und wenn man ein Sablé zum Espresso serviert, zeugt das von NULL Lifestyle, und von noch weniger Style. In den meisten Cafés ist der Espresso zudem schlecht, und ein Glas Wasser wird auch nicht automatisch geliefert. Ich trinke meinen Espresso schon lange nur noch zu Hause. Antworten
ich hätte gerne mal eine rentabilitätsrechnung von einem medikament, von irgend einem tablettli, crämli oder so, dass kaum unter 10FR in der apotheke zu haben ist..... und vom kaffee spricht man von den 1.10 die da oder dort mehr kostet. die mieten wären 15 prozent höher in zürich, ja und woher soll das geld denn sonst kommen für diese zusätzlichen 15 prozent? Antworten
die Wirte fahren ja auch alle Porsche und die Freundin ein Cayenne um Blumen einzukaufen ..und haben ein Chalet,das muss der Kunde ja Bezahlen. In Paris ist der Espresso also der kleine Cafe 1-1,20 Euro in Spanien 0;90-1;20 und es ist ja die gleiche menge Kaffee und er ist besser als die Bruehe die man in der Schweiz bekommt. Fazit die Paechter der Kaffees leben sehr gut Antworten
Wieder dieses Gejammer, dies zu teuer, das zu teuer! WIR, nur wir Konsumenten haben es in den Händen! Einer hat den Spruch geprägt "stell dir vor es wäre Krieg und KEINER geht hin". Also - die einfachste Lösung,drink deinen Kaffee zu hause. Es braucht Zeit,nimm dir diese Zeit der Konsument, nur der Konsument kann es ändern,siehe ALDI, LIDL = Budget = Prix - Alles braucht seine Zeit. Antworten
Der Preis für einen Espresso, oder einen Kaffe creme oder auch Capuccino ist irrelevant. Die Relevanz ist die Dienstleistung eines Kaffeehauses. Fühle ich mich wohl, habe ich eine nette Umgebung um einmal schnell abzuschalten? Grundsätzlich ist dies alles in der CH für mich nicht gegeben. Grund: Verrauchte Lokale! Ich habe seit langem auswärts nur 2 Kaffees getrunken in Wetzikon. NR-Lokal Antworten
espresso und lifestyle getränk. lächerlich. und wer will schon ein nuss-sablé zum espresso. das ganze lifestyle getue in zürich beweist nur eins: alles ist recht, um möglichst schnell kohle zu machen. und die dummen, die geld haben aber keinen style, fallen noch drauf rein. @jürg gubler: kleiner denkfehler: wers sich nicht leisten kann, muss! es sein lassen. Antworten
Sowas nennt man Marktwirtschaft, es unterliegt dem Gesetz von Angebot und Nachfrage; wer will, der kann, wer nicht will, kann es sein lassen. Das Prinzip sollte aber auf nicht lebensnotwendige Güter beschränkt bleiben! (man denke da an günstigen Wohnraum) Antworten
Als Ich vor 42 Jahren ein Cafe führte kostete ein Cafe creme 80 Rappen. Ok was heute aber verlangt wird ist sehr viel da der Kaffepreis ja auch nicht in dieser höhe gestiegen ist. Es wäre Ratsam den Espresso für 3 Fr. zu verkaufen dann würde der Kunde gerne 2 mal einen Espresso bestellen odre auch mehr. Antworten




E. C.
Wir wissen doch alle wer an diesen Preiswucher schuld oder? Richtig! George Cloony, waht else´s. Antworten