Der Fast-Bundesrat ist tot

Alt-Nationalrat Bruno Zuppiger (SVP) ist an einem Herzversagen gestorben. Er hat den tiefstmöglichen Fall erlebt: Als Bundesratskandidat stolperte er über eine Erbschaftsaffäre.

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Bruno Zuppiger galt als Macher. Er war gross, athletisch, Oberst im Militär, wirkte überzeugend und kam mit seiner Zahnlücke, seinem Charme und seinen freundlichen Sprüchen bei den Leuten gut an. In der Nacht auf Freitag ist er zu Hause in Hinwil an einem plötzlichen Herzversagen gestorben, wie sein Arbeitgeber, die EIG in Engelberg, meldet. Die Kantonspolizei hat eine Untersuchung eingeleitet, um festzustellen, wie es zu diesem Todesfall kam. Diese Vorgehensweise ist üblich, wenn ein Tod überraschend eintritt. Bruno Zuppiger wäre am 24. Februar 64 Jahre alt ge­worden.

Zuppiger hat eine steile und typisch schweizerische Karriere als Gewerbepolitiker und Inhaber von vielen Ämtern und Verwaltungsratsmandaten hinter sich. Richtig bekannt wurde sein Name allerdings erst am Tage seines jähen Absturzes. Direkt vor den Bundesratswahlen 2011 – als Zuppiger Eveline Widmer-Schlumpf aus der Landesregierung kippen und der SVP einen zweiten Sitz hätte sichern sollen – veröffentlichte die «Weltwoche» eine Recherche: «Zuppigers Erbsünde». Zuppiger war von einem auf den anderen Tag politisch erledigt, die SVP trat mit Bauernpräsident Hansjörg Walter gegen Widmer-Schlumpf an. Und der schied bereits im ersten Wahlgang aus.

Seit 2011 ein anderer Mensch

Zuppigers Sünde: Er hatte mit einem Mitarbeiter bei der Abwicklung der Erbschaft einer Angestellten 240'000 Franken auf eigene Konten umgeleitet, um einen Liquiditätsengpass in seiner Firma zu stopfen. Zuppiger zahlte das Geld, das für Krebsliga und Pro Senectute bestimmt war, zwar zurück; niemand kam zu Schaden. Er gab die Veruntreuung später zu und akzeptierte das Urteil des Bezirksgerichts: eine bedingte Freiheits­strafe von 13 Monaten.

Seit dem Dezember 2011 war Zuppiger ein anderer Mensch. Sein Prestigeamt als Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes gab er ab, als Nationalrat harrte er noch neun unschöne Monate lange aus. Sein Gang ins Bundeshaus glich einem Spiessrutenlauf, in der SVP-Fraktion war der einst so fröhliche Kollege, Mitjasser und Sprücheklopfer isoliert. Alfred Heer als Präsident der Zürcher SVP machte unverhohlen Druck auf Zuppiger und vereinbarte mit ihm einen Rücktritt, sofern Anklage erhoben oder ein Strafbefehl ausgestellt werde. Erst im September 2012 trat Zuppiger aus dem Nationalrat zurück und überliess seinen Sitz Gregor Rutz.

Kein linientreuer SVP-Soldat

Mit Zuppiger schied ein SVP-Politiker aus, der eigentlich das perfekte Profil gehabt hätte, um Bundesrat zu werden. Leutselig, geerdet in der SVP, aber kein Polterer und Provokateur. Zuppiger war offen für Kompromisse, befürwortete als Gewerbler die Personenfreizügigkeit und war gegen die Masseneinwanderungsinitiative. Hätte er das Zeug zum Bundesrat gehabt? In der SVP gabs Bedenken, dass er, der ursprüngliche CVP-ler, Kirchenrat und Stiftungsrat der päpstlichen Schweizergarde, zu fest mit CVP und FDP kuscheln und womöglich ein zweiter Samuel Schmid werden würde. Und seine Erbschaftsaffäre zeigte halt auch: Je höher ein Mensch aufsteigt, desto brutaler rächen sich Unzulänglichkeiten und Überforderungen.

Die Jahre mit den Russen

Bruno Zuppiger als gutmütiger, loyaler und bestens vernetzter Lobbyist verlor zwar die meisten seiner rund 20 Mandate – und landete trotzdem wieder auf den Füssen. Er heuerte 2012 im steuergünstigen Obwalden bei der Engelberg Industrial Group (EIG) an, wo er zuletzt als Geschäftsführer amtete und für die Umsetzung operativer Projekte zuständig war. VR-Präsident ist der 48-jährige «Mister Volleyball», Volero-Zürich-Boss und GC-Aktionär Stav Jacobi. Eigentümer der EIG ist Jacobis Bruder Dmitry Yakubovskiy, ein ehemaliger russischer Rechtsprofessor, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Moskau mit Infrastrukturentwicklungen reich wurde und heute laut «Bilanz» ein Vermögen von 500 bis 600 Millionen besitzt und in einer riesigen Villa in Engelberg wohnt.

Wie Zuppiger zu den russischen Oligarchen stand, ist nicht bekannt. Auf ihrer Homepage bittet die EIG, aus Pietätsgründen auf Anfragen zu verzichten. Zuppigers ehemalige Nationalratskollegen hatten mit ihm keinen regelmässigen Kontakt mehr; seit seinem Rücktritt habe er die Politik gemieden. Einer seiner längsten Vertrauten, Alt-Nationalrat Hans Fehr (SVP), sagt: «Ich hatte den Eindruck, dass er mit seinem Engagement in Engelberg eine neue Berufung gefunden hatte – doch die alte Last im Rucksack mit der Erbschaftsaffäre hatte er wohl noch immer mitgetragen.»

Zuppiger war verheiratet und hinterlässt fünf Kinder. Von seiner Ehefrau Rösli ist eine besonders schöne Geschichte bekannt. Sie hatte sich als Nachbarin jahrelang als eine Art Zusatzmutter im Haushalt des heutigen Bundesrates Ueli Maurer engagiert. Wäre Zuppiger Bundesrat geworden, hätten zwei Landesväter ihre Hemden von der gleichen Frau gebügelt erhalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.02.2016, 22:32 Uhr)

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