Der Freierbalken wirkt

Eine Barriere beschert den Anwohnern der Zähringerstrasse ruhigere Nächte. Doch die Strassenprostitution wollen sie weiterhin ganz weghaben.

Ein Ärgernis für Anwohner: Prostituierte im Zürcher Niederdorf. (21. April 2011)

Ein Ärgernis für Anwohner: Prostituierte im Zürcher Niederdorf. (21. April 2011)

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Noch bevor es ihn gab, hatte er einen griffigen Übernamen: der Freierbalken. Hohe Erwartungen lasten auf der drei Meter langen, rot-weissen Barriere, die zwischen 19 und 4 Uhr die Zähringerstrasse abriegelt. Sie soll ein halbes Quartier vor Tumulten bewahren.

Der Einstand ist geglückt. Anwohner sprechen von bedeutend ruhigeren Nächten, seit die Barriere letzten Donnerstag zum ersten Mal hinuntergeklappt wurde. All die Gaffer, die mit röhrendem Motor samt lauter Musik um die Häuser kreisten und aus dem Auto heraus Prostituierte anmachten, blieben plötzlich weg. «Die Lebensqualität hat zugenommen», sagt Monika Braumandl, Präsidentin der IG Zähringerstrasse.

Suchverkehr ging auf null zurück

«Der Suchverkehr ist wie erwartet auf null zurückgegangen», sagt Alexandra Heeb, städtische Delegierte für Quartiersicherheit. In den Wochenendnächten hat der Securitas-Angestellte, der die Barriere bedient, je knapp 60 Autos durchgelassen. Die Zufahrt ist Taxifahrern, Anwohnern und Hotelgästen erlaubt. Rund 20 Autofahrer pro Nacht wies er ab. «Es drehten aber sehr viele von sich aus um, als sie die Barriere sahen», sagt Heeb. «Unsere erste Bilanz ist positiv.»

Doch nicht alle freuen sich über den Freierbalken. Die Sperrung schade den Gastrobetrieben im Niederdorf, befürchtet Angelo Pfister, Hotelier und Co-Präsident der Geschäftsvereinigung Limmatquai-Dörfli. Viele Besucher, vor allem Stammgäste, reisten mit dem Auto an, ihnen fehlten nun fast 50 Parkplätze. Für das Polizeidepartement hat sich diesbezüglich gar nichts geändert. Schon vor dem 1. November galt an der Zähringerstrasse ein Nachtfahr- und Parkverbot. Doch daran haben sich gemäss Pfister die wenigsten Autofahrer gehalten.

Bettengeschäft ohne Kunden

Trotz der nächtlichen Beruhigung: Alle angefragten Anwohner und Geschäfte fordern weiterhin ein Verbot der Strassenprostitution. «Gegen die Salons hat niemand etwas, die gibt es hier schon lange. Aber das Ganze muss viel gesitteter ablaufen», sagt Monika Braumandl. Wegen der breiten Berichterstattung habe der Ruf des Quartiers stark gelitten. «Meine Kunden trauen sich nicht mehr hierher», sagt René Kalbermatten, der einen Laden für Gesundheitsmatratzen an der Ecke Häringstrasse/Seilergraben führt. Sein Geschäft sei völlig eingebrochen. «Letzte Woche kam noch ein einziger Kunde. Ohne Ersparnisse müsste ich aufgeben.» Kalbermatten führt den Rückgang direkt auf die Prostitution zurück. Die kriselnde Wirtschaft und der tiefe Eurokurs bewirkten höchstens 15 Prozent der Einbussen.

Weil die Frauen erst ab 19 Uhr vor den Häusern stehen dürfen, macht die Prostitution am stärksten den Hotels zu schaffen. Auf Internetportalen wird gewarnt, die Häuser lägen mitten im «Red Light District». Einem Betrieb hat ein Geschäftskunde deshalb mehrere Hundert Logiernächte gestrichen.

Weitere Einschränkung

Als weitere Massnahme will der Stadtrat die Zeit fürs Freiluft-Anwerben auf 22 Uhr bis 2 Uhr verkürzen. Diese Einschränkung soll gelten, sobald nächsten Sommer der Strichplatz in Altstetten eröffnet wird. «Die Szene hängt eng zusammen. Wir wollen nicht an zu vielen Orten gleichzeitig herumschräubeln. Aufeinander abgestimmte Veränderungen sind sinnvoller», sagt Alexandra Heeb. Aus dem Quartier heisst es, der Strichplatz und die Situation im Niederdorf hätten nichts miteinander zu tun. An der Häringstrasse gebe es keine richtige Strassenprostitution. Die Frauen bändeln draussen an, der Sex passiere aber in Salons. «Der Stadtrat müsste jetzt handeln», sagt Angelo Pfister.

Die Anwohner haben eine weitere Hoffnung. Ein Grossteil der Frauen, die auf den Gassen für Unruhe sorgen, arbeiten im Bordell an der Häringstrasse 17. Dessen Chefin habe illegal ausgebaut und müsse nun mit juristischen Sanktionen rechnen, sagen Anwohner. Das Hochbaudepartement bestätigt dies indirekt. Man kläre derzeit ab, ob sich die Liegenschaft in «baurechtlich korrektem Zustand» befinde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.11.2012, 07:45 Uhr)

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