Zürich

Der Friesenberg halbiert seinen Energieverbrauch

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 04.03.2011

Ein Quartier probt die 2000-Watt-Gesellschaft: Am Fusse des Uetlibergs soll bis 2050 Abwärme aus Bürogebäuden die Ölheizungen ersetzen.

Artikel zum Thema

Stichworte

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...


Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Der Entscheid ist einstimmig gefallen: Die Generalversammlung der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) hat beschlossen, ihre Wärmeversorgung zu modernisieren – als Beitrag zur Realisierung der 2000-Watt-Gesellschaft. Mit 2200 Wohnungen ist die FGZ die grösste zusammenhängende Wohnbaugenossenschaft in der Stadt Zürich, 5500 Menschen leben dort – die Hälfte der Bevölkerung im Friesenberg.

Das Projekt ist kostspielig: 16 Millionen Franken nimmt die FGZ in die Hand, um bis 2050 ihren Energiebedarf von jährlich 35 auf 15 Gigawattstunden zu senken. Möglich soll dies werden, indem alte Häuser energetisch saniert werden und neu entstehende Gebäude markant weniger Energie verbrauchen als heute. Von den 15 Gigawattstunden entfallen, so sieht es der Plan vor, nur noch 5 auf fossile Brennstoffe, den Rest liefert Abwärme. Als Folge ginge der C02-Verbrauch markant zurück: von 9600 Tonnen pro Jahr auf 870.

Ein umfassendes Abwärmenetz

Herzstück des Projekts ist der Bau eines Abwärmenetzes, das die FGZ-Siedlung wie ein Ring umschliessen wird. Zwar existieren in der Schweiz heute schon Netze, welche die Eigenversorgung mit Energie erhöhen, etwa beim Hotel Dolder (seit 2008) oder dem Dock Midfield (seit 2000); diese sind jedoch kleiner. Nur am ETH-Campus Science City auf dem Hönggerberg entsteht ein ähnlich grosses Netz. Die Beispiele belegen für FGZ-Präsident Alfons Sonderegger, dass Abwärmesysteme in der Praxis funktionieren: «Wir gehen also kein unverantwortliches Risiko ein.»

Ein Glücksfall für die FGZ ist ihre Lage am Fuss des Uetlibergs: In unmittelbarer Nähe befinden sich Grossbetriebe, die grosse Mengen an Abwärme produzieren. Die Swisscom zum Beispiel betreibt in der Binz mehrere Kälteanlagen, um ihre Rechner zu kühlen. Dies erzeugt Abwärme, wovon die Swisscom heute nur einen Teil nutzt, dies vor allem im Winter. Im Sommer hingegen verpufft die Abwärme ungenutzt in die Luft. Diese Energie will die FGZ künftig abzapfen und im Boden zwischenlagern. Geplant ist, die Sommer-Abwärme in drei Erdspeichern mit rund 500 Erdwärmesonden zu konservieren. Ab 2013 will die FGZ im Erdspeicher Grünmatt unweit des Hotels Atlantis 3 bis 5 Gigawattstunden Abwärme lagern.

Vorgesehen ist zusätzlich der Bau von Wärmepumpen. Diese sind nötig, weil die Temperatur im Abwärmenetz zu niedrig ist, um die Häuser direkt zu heizen. Den Strom für die Pumpen liefern neue Fotovoltaikanlagen auf Dächern.

In Verhandlung mit Swisscom

Mit der Swisscom steht die FGZ gemäss Sonderegger «in sehr guten Verhandlungen». Es liege eine Absichtserklärung beider Parteien vor. Sonderegger erhofft sich einen Vertrag über einen Zeitraum von 30 Jahren. Gespräche laufen auch mit der Credit Suisse, die im Uetlihof ihr Verwaltungszentrum betreibt. Weitere mögliche Abwärmelieferanten sind die Kunsteisbahn Heuried und das Spital Triemli.

Die Pläne der FGZ sorgen in Fachkreisen für Aufsehen. Das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich spricht von einem Projekt mit Modellcharakter: «Es ist sinnvoll, den Strom dort zu produzieren, wo er gebraucht wird», sagt Sprecher Harry Graf. Ein reiner Inselbetrieb sei aber nie möglich. Dies gelte für den Friesenberg ebenso wie für die Stadt Zürich oder die Schweiz. Graf betont, es brauche weiterhin kantons- und länderübergreifende Stromnetze, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Zuerst teurer, dann billiger

Am Wohnkomfort werde die neue Wärmeversorgung nichts ändern, versichert FGZ-Präsident Sonderegger. Zu spüren bekommen die Bewohner die Umstellung anderswo: Wegen der millionenschweren Investition muss ein Haushalt in der Startphase fürs Heizen 12 bis 15 Franken mehr zahlen pro Monat. Dies liege jedoch im Rahmen der bisher üblichen Schwankungen, sagt Sonderegger. Die FGZ rechnet damit, dass die Energiekosten mit dem neuen, sparsamen Versorgungssystem langfristig sinken werden. «Zudem steigt die Preisstabilität», sagt Sonderegger. Fossile Energieträger wie Erdöl unterlägen zum Teil enormen Preisschwankungen, zudem dürften sie sich in den nächsten Jahren verteuern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2011, 22:27 Uhr

Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?