«Der HB ist das grösste Jugendhaus der Schweiz»
Von Helene Arnet . Aktualisiert am 13.07.2010 14 Kommentare
Artikel zum Thema
Auf Streife: Die Sip-Leute sind viel häufiger spätnachts unterwegs als früher. (Reto Oeschger)
12'200 Personen pro Nacht
Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) führte im Dezember 2002 das Nachtnetz auf seinem Schienen- und Busnetz ein. Er reagierte damit auf die Liberalisierung des Gastgewerbegesetze, welches das Bedürfnis nach öffentlichen Verkehrsmitteln über Mitternacht hinaus stark erhöhte.
Unterdessen gibt es neun Nacht-S-Bahn-Linien und 47 Nacht-Bus-Linien im ganzen ZVV-Gebiet. Die Nachfrage ist seit dem Start um mehr als 170 Prozent gestiegen. 2009 nutzten pro Nacht durchschnittlich 12'200 Fahrgäste das ZVV-Nachtnetz. Auf den Nacht-S-Bahnen fahren jeweils mindestens zwei Zugbegleiter mit, dazu kommen regelmässige Schwerpunktskontrollen und Patrouillen der Bahnpolizei. Zudem sind alle Nachtbusse und die meisten S-Bahnen videoüberwacht. (net)
Stichworte
Zehntausende sind an Samstagabenden in Zürich im Ausgang. Viele von ihnen suchen nicht in Theatern oder Konzerten Zerstreuung, sondern hängen draussen herum. Die ganze Nacht und sehr feucht, aber nicht immer fröhlich. «In den letzten zehn Jahren hat sich das Freizeitverhalten vor allem der Jugendlichen rasant verändert», sagt Michael Herzig, Leiter des Bereichs Sucht und Drogen beim Stadtzürcher Sozialdepartement. Dies hänge massgebend mit dem gut ausgebauten und zahlbaren öffentlichen Verkehr zusammen.
Heute gehen in Zürich viel mehr Jugendliche als früher in den Ausgang, sie kommen oft erst gegen 22 Uhr und bleiben bis in alle Herrgottsfrüh. «Am Wochenende ist der Hauptbahnhof das grösste Jugendhaus der Schweiz», sagt Herzig. Das Einzugsgebiet erstrecke sich bis in den süddeutschen Raum. Hotspots sind der Hauptbahnhof, der See und die Gegend um den Escher-Wyss-Platz.
Flexiblere Einsätze der Polizei
Die Interventionsgruppe Sip Züri wurde vor zwei Jahren um 10 Stellen auf 30 aufgestockt, und sie hat ihre Einsatzpläne grundlegend umgestaltet. Während die Sip-Leute früher hauptsächlich zwischen Mittag und Mitternacht unterwegs waren, sind sie jetzt am Wochenende rund um die Uhr im Einsatz. Die zusätzliche Belastung hat laut Herzig im Team zu heftigen Diskussionen geführt.
Auch die Stadtpolizei ist von der 24-Stunden-Stadt gefordert – und musste sich im Februar harsche Vorwürfe gefallen lassen, weil sie bei den Ausschreitungen, in die eine Reclaim-the-Street-Aktion ausartete, nicht rechtzeitig genügend Leute vor Ort hatte. Laut Stapo-Sprecher Marco Cortesi wirkt sich das veränderte Freizeitverhalten stark auf die Einsatzzeiten der Stadtpolizisten aus. «Unsere Leute müssen extrem flexibel sein.» Zumal neben dem 24-Stunden-Betrieb immer mehr Grossanlässe und Sportveranstaltungen zu bewältigen seien und auch die Grundversorgung gewährleistet sein müsse. Cortesi betont: «Mit dem bestehenden Bestand sind regelmässige zusätzliche Einsätze an Wochenenden und in der Nacht kaum machbar.» Die Strategie, wie mit dieser Ausgehgesellschaft umzugehen ist, sei aber Sache der Stadtentwicklung.
24-Stunden-Betrieb führt zu Konflikten
Eine eigentliche Taskforce «24-Stunden-Stadt» hat der Stadtrat noch nicht geschaffen, doch stellt der Rund-um-die-Uhr-Betrieb die Stadt vor Zielkonflikte.
So bewirbt Zürich Tourismus die Ausgehmeile Zürich gezielt. Die Clubs der Stadt sind gut besucht, doch gleichzeitig breitet sich auch die «Hängerszene» aus. Denn viele Jugendliche können sich den Aufenthalt in den Clubs nicht leisten. Darum decken sie sich bei Grossverteilern mit Alkohol ein und halten sich draussen auf der Strasse auf. Was die Quartiere mit Lärm und Dreck stark belastet. Zudem bilden sich auch in den Aussenquartieren immer mehr lokale kleine «Hotspots», weil Stadtzürcher die von Auswärtigen überschwemmten Partyszenen meiden. Sip musste deshalb die Einsatzorte ausbauen. Dadurch gerät die Stadt selbst in eine Zwickmühle: Wie viel Festfreude ist zumutbar? Laut Herzig herrscht zurzeit eine restriktive Praxis. «Die Toleranz richtet sich nach den schwächsten Nerven.» Das bedeute, dass ein genervter Nachbar selbst ein offiziell bewilligtes Fest kippen kann.
Vorschlag: Alkoholpreise senken
Noch ein Spannungsfeld hat sich in den letzten Jahren aufgetan: die Frage nach den Alkoholpreisen. Während für die Suchtprävention der Preis für alkoholische Getränke kaum hoch genug sein kann, wäre es laut Herzig für die Stadt besser, wenn Drinks an einer Bar oder in einem Club nicht wesentlich teurer wären als im Supermarkt oder im Tankstellenshop: Im Umfeld der Partyszene gäbe es weniger «Preloading» und Beschaffungskriminalität. Ähnlich wie die Heroinabgabe die Beschaffungskriminalität von Drogenabhängigen reduziert habe.
Laut Herzig ist die Kleinkriminalität in Umfeld des Nachtlebens klar angestiegen. Typisch dafür sei die Raubserie im Klingenpark beim Museum für Gestaltung: Jugendliche haben Jugendliche überfallen, um sich das Eintrittsgeld für die Clubs zu beschaffen. Wenn zugeschlagen wird, wird härter zugeschlagen. Ein Phänomen, das auch Strafrechtsprofessor Martin Killias beobachtet. Er stellt das Phänomen in einen Zusammenhang mit Videofilmen und Computerspielen, in denen unzählige Male vorgeführt werde, wie man Opfer möglichst effizient «wegklatscht». Die Sip-Mitarbeitenden stellen zudem fest, dass viele Jugendliche in Kampfsportarten geübt sind. Diese schulen zwar die Selbstdisziplin, bei den schwarzen Schafen aber führen sie auch dazu, dass sie härter zuschlagen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.07.2010, 21:08 Uhr
Kommentar schreiben
14 Kommentare
Das ist die zukünftige "Elite" unseres Landes!Im HB abhängen,sich voll-laufen lassen, rumpöbeln,Schlägereien veranstalten etc.etc.In der ETH Hönggerberg hat es 1 Hirnforschungszentrum, vielleicht sollten die mal vorbeischauen, um feststellen zu lassen ob noch Hirn gefunden wird. Antworten
Computerspieler bleiben am Wochenende ja zuhause und gamen. Zudem ist die Jugendgewalt in Südkorea und Japan, wo Videospiele Volkssport sind, extrem tief. Diese Vorwürfe sind also haltlos. Bei den Kampfsportarten würde schon eher ansetzen, denn die Schulen hierzulande vermitteln oft nur das Kämpfen und lassen die Ideale dahinter aussen vor. Bashkim Berisha wäre in Thailand nie Thaiboxer geworden. Antworten






