Zürich

Der Mann, der Velounfälle verhindern will

Von Stefan Häne. Aktualisiert am 21.07.2010 14 Kommentare

Markus Hackenfort untersucht, welche Rolle der Mensch bei Unfällen spielt. Seine Erkenntnisse könnten helfen, Zürichs Strassen sicherer zu machen.

Scharfer Beobachter: Unfallforscher Markus Hackenfort am Kreuzplatz. (Bild: Tom Kawara)

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«Triathletin von Lastwagen überrollt und gestorben»: Diese Nachricht hat im Juni für grosse Betroffenheit gesorgt. Und die Frage aufgeworfen, ob die Unfallstelle am Stauffacherquai mit dem Velostreifen zwischen zwei Fahrspuren zu gefährlich ist. Politiker bejahten dies, obschon sich dort seit sieben Jahren keine Karambolage mit Velobeteiligung ereignet hatte. Die städtische Dienstabteilung für Verkehr sah davon ab, die Verkehrsführung zu ändern. Der Unfallhergang ist bis heute nicht geklärt: Hat der Mittelstreifen den Unfall provoziert? War der Chauffeur zu wenig aufmerksam? Wie hat die 48-Jährige die Gefahr der Situation eingeschätzt?

Antworten auf Fragen dieser Art versucht Markus Hackenfort zu geben. Der Verkehrs- und Unfallforscher arbeitet als Forschungsleiter im Zentrum Verkehrs- und Sicherheitspsychologie am Institut für Angewandte Psychologie (IAP) in Zürich. Bis jetzt liege bei Verkehrsunfällen der Fokus auf der technischen Sicherheit, sagt Hackenfort. Dies will er ändern. Er möchte verstärkt den Faktor Mensch beim Unfall ausleuchten und herausfinden, welche Rolle dieser spielt: «Ich schaue ein Stück weit in die Köpfe der Verkehrsteilnehmer rein.» Hackenfort möchte klären, was in den Betroffenen kurz vor dem Unfall abläuft, die Systematik dahinter ergründen und aufzeigen, wie sich die Verkehrssicherheit erhöhen lässt, etwa mit speziellen Warnschildern, einer neuen Spurführung oder anderer Signalisierung.

Eigene Fähigkeit überschätzt

Im deutschen Essen hat Hackenfort 2009 einen Unfallschwerpunkt an einer Kreuzung beobachtet. Akribisch analysierte er während dreier Monate, wie sich die Velo- und Autofahrer sowie die Fussgänger verhielten. Auf diese Weise kristallisierten sich verschiedene Verhaltensmuster heraus. Hackenfort empfahl den Behörden, die Kreuzung mit einer neuen Signalisation und Spurführung zu versehen. Mit Erfolg. Die Zahl der Unfälle hat laut Hackenfort abgenommen.

Sein Wissen möchte der Dortmunder, der seit einem Jahr in Zürich lebt, öffentlichen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen. Daher ist er auf der Suche nach Forschungsförderern; denkbar ist etwa der Fonds für Verkehrssicherheit, eine öffentlich-rechtliche Anstalt mit gesetzlichem Auftrag des Bundesrats. Sicher ist: Die Stadt Zürich will sich als Praxispartner zur Verfügung stellen (siehe Text unten links). Forschungsbedarf ortet Hackenfort vordringlich in drei Bereichen: bei den Velounfällen, den Zusammenstössen von Trams und Fussgängern sowie bei den zahlreichen Unfallschwerpunkten im Stadt- und Kantonsgebiet.

In der Stadt Zürich haben Unfälle mit Velobeteiligung zwischen 2006 und 2009 um 33 Prozent auf über 300 zugenommen, die Tramunfälle mit verletzten Fussgängern um 86 Prozent auf 26. Dieses Jahr hat der Verkehr in Zürich bereits sechs Todesopfer gefordert, je einen Motorrad- und einen Autofahrer sowie je zwei Velofahrer und zwei Fussgänger. Im letzten Jahr waren es insgesamt neun. Das Verkehrsklima in Zürich gilt als rau bis aggressiv. Hackenfort empfindet es als hektisch. Stelle eine Ampel von Rot auf Grün, gehe jeweils subito das Gehupe los, wenn der vorderste Autolenker nicht gleich losfahre. In Deutschland sei diese Ungeduld weniger ausgeprägt.

Umfassende Unfalldaten

Der Wissenschaftler untersucht drei Grössen, die einzeln oder kombiniert zu einem Unfall führen können. Erstens: Der Verkehrsteilnehmer hat zu wenig oder falsches Wissen über die Gefahr. Er schätzt, zweitens, den potenziellen Schaden falsch ein. Und drittens überschätzt er die eigenen Fähigkeiten. Speziell bei Velofahrern sei dies der Fall, sagt Hackenfort. Dies sei jedoch bloss seine persönliche Beurteilung. Harte Fakten soll das Forschungsprojekt auf Zürichs Strassen bringen. Hackenfort will dabei auf die Unfalldaten zurückgreifen, welche die Stadtpolizei Zürich «sehr umfassend» sammelt. Die Detailgenauigkeit sei höher als etwa in Deutschland. Dies sei eine gute Basis für die Studie.

Zentral ist für den Unfallforscher die Frage, ob zwischen objektiver Gefahr und subjektiver Wahrnehmung dieser Gefahr eine Lücke besteht. Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) etwa fährt grundsätzlich nicht über das Central, wie sie im TA-Interview Ende Mai erklärt hat. Was heisst das nun: Ist das Central objektiv gefährlich für Radfahrer? Oder ist es das nur in den Augen Genners?

Raser-Verhalten ändern

Laut Hackenfort schätzen die Leute 70 Prozent aller Handlungen punkto Gefährlichkeit richtig ein. Je 15 Prozent werden über- oder unterschätzt. Auf letztere Kategorie entfallen jedoch 50 Prozent der Unfälle – sie ereignen sich also dort, wo die Verkehrsteilnehmer selber keine Gefahr wittern oder sich von der Technik umfassend geschützt fühlen. Dies kann trügerisch sein. Forscher haben herausgefunden, dass Automobilisten helmtragende Velofahrer mit weniger Abstand überholen als solche ohne Kopfschutz. «Das zeigt, wie gross der Einfluss des Faktors Mensch auf das Unfallgeschehen ist», sagt Hackenfort.

Der Forscher ist überzeugt, dass die Verkehrsteilnehmer ihr Verhalten ändern können, selbst Raser. Die Einschätzung einer Gefahr sei keine Frage des Charakters. Kein Mensch sei grundsätzlich risikobereit. Dies sieht Hackenfort an sich selber: Mit dem Kickboard fährt er täglich an seinen Arbeitsplatz in der Nähe des Kreuzplatzes. Heute fahre er bereits deutlich schneller als noch vor zwei Monaten, sagt er. «Wer unfallfrei unterwegs ist, schreibt dies seinen Fähigkeiten zu und wird mutiger.» Dabei sei es oft reines Glück, das einen Unfall verhindere.

Auf Zürichs Strassen forschen

Erhält Markus Hackenfort grünes Licht für seine Forschungsarbeit, wird er oft auf Zürichs Strassen anzutreffen sein. Er wird mit den Verkehrsteilnehmern vor Ort sprechen und sie fragen, weshalb sie eben so und nicht anders gefahren sind. Bedeutung werden dabei die sogenannten Beinahe-Unfälle erlangen, wie Hackenfort sagt. Sei deren Zahl genügend gross, liessen sich Rückschlüsse auf risikohaftes Fahrverhalten gewinnen und entsprechende Handlungsoptionen ableiten. «Auf diese Weise werden Zürichs Strassen sicherer.»

Auch beim Stauffacherquai will Hackenfort genau hinsehen. Möglicherweise wird er neue Erkenntnisse zum tödlichen Unfall der Triathletin liefern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2010, 10:26 Uhr

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14 Kommentare

Stefan Meier

21.07.2010, 16:39 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich beobachte fast täglich, dass Velofahrer bei Rot über die Kreuzung rasen. Die Velofahrer sollten sich zuerst einmal selber an die Verkehrsregeln halten, dann wäre schon viel für die Sicherheit getan. Antworten


Rudi Meier

21.07.2010, 11:20 Uhr
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Würden sich die Velofahrer/innen korrekt verhalten gäbe es kaum Unfälle. Die haben von Vortrittsregeln keinen blassen Schimmer. Da wird man als rechtsabbiegender Autofahrer von geradeaus fahrenden Velo's rechts überholt und die Leute glauben noch, sie wären im Recht. Natürlich gibt es auch fehlbare Autofahrer aber bei den Velo's dominiert die Anarchie weil sie glauben, etwas Besseres zu sein. Antworten



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