«Der Münsterhof ist schön, aber …»

Seit einem Jahr ist der Platz beim Zürcher Fraumünster autofrei. Was hat sich für die Ladenbesitzer verändert?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Jahr ist es her, seit einer der schönsten Plätze Zürichs komplett autofrei wurde: Der Münsterhof mit modernem Brunnen ist kein Parkplatz mehr, sondern soll zum Flanieren und Verweilen einladen. Acht Millionen Franken hat der Umbau gekostet, zu dem das Zürcher Stimmvolk im Jahr 2003 Ja gesagt hat. Unglücklich darüber waren die Geschäftsinhabern rund um den Platz. Viele befürchteten einen Umsatzrückgang und sahen auf ihre Betriebe negative Auswirkungen zukommen.

Wie hat sich das Tagesgeschäft für die Gewerbetreibendem im letzten Jahr verändert, seit «ihr» umgebauter Münsterhof eingeweiht wurde?

Leder LocherLukas Locher, Geschäftsführer

«In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Das eine ist die Privatperson, das andere der Geschäftsmann. Als Privatperson gefällt mir der Platz gut, er ist visuell beeindruckend geworden. Als Geschäftsführer muss ich allerdings festhalten, dass es für uns nach dem Umbau schwieriger geworden ist. Auf dem Münsterhof halten sich weniger Leute auf als vorher und dies hat natürlich Auswirkungen auf den Umsatz. Wir haben klar weniger Kunden als früher. Natürlich hat das auch mit der Branche und dem wirtschaftlichen Umfeld zu tun, aber der Münsterhof spielt bei diesem Umsatzrückgang sicher auch eine Rolle. Ich habe das Gefühl, der Platz ist von der Bevölkerung noch nicht richtig ‹eingelebt› worden. Das wird sich in Zukunft hoffentlich ändern, wenn auf dem Platz dann jährlich vier bis fünf Events und ein Weihnachtsmarkt stattfinden.»

Chäs-Vreneli Jürg Wartmann, Geschäftsführer

«Ich bin enttäuscht vom neuen Münsterhof. Er hat wenig bis gar kein Grün, über weite Strecken ist der Platz am Tag leer. Der Münsterhof ist tot und hat zu wenig Ausstrahlung. Die befürchteten Umsatzeinbussen sind eingetroffen, sodass ich gezwungen war, Personal zu entlassen. Es fehlen eindeutig die Kunden, die früher ihr Auto auf dem Platz abgestellt haben und einkaufen gingen. Vor dem Umbau kamen Leute, kauften bei mir ein und luden ihre schweren Taschen in ihre Autos. Diese Zeiten sind vorbei. Erschwert hat sich zudem unsere Warenanlieferung, die nun mit einem deutlichen Mehraufwand verbunden ist. Eine Fehlplanung.»

SchuhcaféMarco Bloch, Inhaber

«Für mich ist es ein Privileg, an einem solchen Ort in der Stadt zu arbeiten. Der Platz ist wunderschön geworden, hat mit der Umgestaltung eindeutig gewonnen und hat sich zu einer Attraktion entwickelt. Welchen Einfluss die Neugestaltung auf unseren Umsatz hat, kann ich nicht sagen. Gespannt bin ich auf die Events, die hier durchgeführt werden sollen.»

Zunfthaus zur WaagSepp Wimmer, Zunftwirt

«In unserem Restaurant war vor dem Umbau am Abend eine doppelte Personalbelegung nötig. Dies ist heute überflüssig. Seit der Münsterhof neu ist, fehlen die Spontangäste, die ab 20 Uhr zu uns ins Restaurant kommen, fast völlig. Ich bin schon lange in der Gastrobranche, aber so einen extremen Rückgang habe ich noch nie erlebt. Für die meisten Betrachter ist die Gestaltung des Münsterhofs sicher schön, aber wer hier ein Geschäft betreibt, der bekommt einen anderen Blick von der Realität. Den Wegfall der Parkplätze haben wir als Zunfthaus im letzten Jahr deutlich gemerkt. Ein Restaurant, welches heutzutage seinen Gästen keine Parkplätze anbieten kann, hat einen grossen Nachteil. Für mich ist auch das Verkehrskonzept auf dem Platz nicht durchdacht. Im letzten Jahr kam es bereits zu zwei Unfällen mit E-Bikes.»

Apotheke ParadeplatzFranchina Weber, Apothekerin

«Der Wegfall der Parkplätze hat sich für uns nicht positiv ausgewirkt. Diese Kunden mit den Autos fehlen. Jetzt, ein Jahr seit der Eröffnung, finde ich, dass die Belebung des autofreien Platzes nicht gelungen ist. Es fehlen die Leute, die auf dem Platz verkehren, so wie es zum Beispiel auf einer italienischen Piazza der Fall ist. Es müsste mehr gastronomische Angebote geben, Events, kulturelle Veranstaltungen, Märkte stattfinden, die ein Publikum anlocken, und es fehlt auch an Sitzgelegenheiten.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.04.2017, 12:12 Uhr)

Artikel zum Thema

Der Münsterhof hat sein neues Herzstück

Video Bei Sonnenaufgang ist heute das 12 Tonnen schwere Becken des neuen Brunnens auf den Platz in Zürichs Altstadt gehievt worden. Das wollte zunächst nicht so richtig klappen. Mehr...

Ein nie gesehenes Pflasterstein-Muster in Zürich

Der Münsterhof erhält einen neuen Boden – einen ganz speziellen. Mehr...

Endlich ein richtiger Platz

Analyse Der Münsterhof ist seit dem Umbau einzigartig in der Stadt Zürich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Zusammenhalt: ein Paar hält Händchen während einer Strassenblockade in Caracas, um gegen dir Regierung zu protestieren (24. April 2017).
(Bild: Ariana Cubillos) Mehr...