Der Nutzen bleibt fraglich

Für 5 Millionen will die Stadt die Umgebung des Helvetiaplatzes aufwerten und Parkplätze unter den Boden verschieben. Das Projekt ist gut gemeint, vermag aber nicht zu überzeugen.

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Es tönt verlockend: Von einer Flanierzone mit Baumallee sprechen die Befürworter der Helvetiaplatz-Umgestaltung, von einem Quartierplatz und mehr Lebensqualität im gebeutelten Langstrassengebiet. Wer wollte dazu Nein sagen?

Wirklich weniger Suchverkehr?

Auf den ersten Blick scheint die Vorlage, die am 28. September zur Abstimmung kommt, einleuchtend. Da plant die Stadt, in Erfüllung einer SP-Motion, 66 oberirdische Parkplätze in der Molken- und Ankerstrasse sowie in der Kanonengasse aufzuheben und dafür gleich viele Parkplätze in der Tiefgarage unter dem Helvetiaplatz öffentlich zugänglich zu machen. Die Molkenstrasse, wo 14 Kurzzeitplätze bestehen bleiben, soll mit grosszügigen Trottoirs und neuen Bäumen verschönert werden. Kostenpunkt des Projekts: 4,97 Millionen Franken.

Doch bei genauerem Hinsehen wirft das Projekt etliche Fragen auf und nährt Zweifel. Zwar verspricht der Stadtrat, dank der Bündelung der Parkplätze im Parkhaus werde es weniger Suchverkehr geben. Aber genauso gut könnte das Gegenteil eintreten, wenn die oberirdischen Parkplätze wegfallen. Was passiert, wenn die 66 Plätze im Parkhaus abends besetzt sind? Selbst wenn die Tiefgarage ans Parkleitsystem angeschlossen wird, ist das Risiko gross, dass sich dann der Suchverkehr in andere Strassen im Quartier verlagert und das Wildparkieren zunimmt.

Berechtigte Einwände des Gewerbes

Nachvollziehbar erscheinen auch die Bedenken der Ladenbesitzer in der Gegend, welche die Vorlage für gewerbe- und kundenfeindlich halten. Die Aufhebung von 45 der 59 Parkplätze an der Molkenstrasse gehe voll zu Lasten der Gewerbler, der Helvetia-Post und der Marktfahrer, weil die 66 unterirdischen Parkplätze nur eine ungenügende Kompensation seien und die Gehdistanz zu den Geschäften grösser werde.

Tatsächlich kann nicht damit gerechnet werden, dass alle Kunden künftig zu Fuss oder mit dem Veloanhänger an der Molkenstrasse posten werden. Zudem sind unterirdische Parkplätze weniger beliebt, insbesondere bei Frauen. Die Helvetiaplatz-Tiefgarage befindet sich überdies in einer Gegend, wo sich seit Jahren auch Randständige, Prostituierte und Dealer aufhalten. Ob sich Autofahrerinnen wirklich bemüssigt fühlen, ausgerechnet dort in eine Tiefgarage hinunterzufahren?

Widersprüchliche Politik der Stadt

Vor allem unter einem Aspekt ist die Kritik des Gewerbes verständlich: Der Stadtrat verstrickt sich in seiner Gewerbepolitik im Kreis 4 in Widersprüchen. Auf der einen Seite versucht er, mit staatlichen Finanzspritzen aus dem Langstrassenkredit das Kleingewerbe mit allen Mitteln im Kreis 4 zu halten. Schliesslich schafft es Arbeitsplätze, trägt Sorge zum Quartier und belebt es. Auf der anderen Seite macht die Stadt genau diesen Kleingewerblern mit dem geplanten Abbau von Kundenparkplätzen vor deren Haustür das Leben schwer.

Fraglich ist auch, ob das Projekt überhaupt zur Aufwertung des Gebiets beiträgt. Selbst in der SP, die die Ja-Parole gefasst hat, gibt es dazu leise Zweifel. Die Verlegung von Parkplätzen unter den Boden, neun zusätzliche Bäume und breitere Trottoirs schaffen noch nicht mehr Lebensqualität. Im Gegenteil: Gerade in autoarmen Zonen wächst die Gefahr, dass die soziale Kontrolle abnimmt und sich auch Randgruppen breitmachen. Gut möglich, dass sich von der lauschigen Baumallee in der Molkenstrasse künftig auch Randständige wie jene vor der Langstrassenunterführung angezogen fühlen. Zur Belebung und damit auch zur Sicherheit im öffentlichen Raum – gerade an dieser exponierten Lage besonders wichtig – tragen nicht nur autofreie Strassen bei, sondern auch ein gut funktionierendes Gewerbe, das wiederum auf eine gewisse Zahl von oberirdischen Parkplätzen angewiesen ist.

Weltfremd

Weltfremd erscheint schliesslich die Vorstellung, dass ausgerechnet die Molkenstrasse zur Flaniermeile und zum Quartierplatz werden soll. Wer dort, im Schatten des Betonklotz-Amtshauses und in unmittelbarer Nähe der Sexmilieu-Hochburgen flanieren soll, bleibt ein Geheimnis. Und wer hofft, das Milieu im Bermuda-Dreieck und der Freierverkehr liessen sich durch einen «Geranien-Boulevard» (AL-Gemeinderat Niklaus Scherr) an der Molkenstrasse zurückdrängen, setzt sich dem Vorwurf der Blauäugigkeit aus.

Alles in allem wirkt die Helvetiaplatz-Vorlage zwar gut gemeint, aber mit etlichen Schwachstellen behaftet und von Wunschdenken geprägt. Angesichts des fraglichen Nutzens scheinen die knapp fünf Millionen Franken eine wenig sinnvolle Investition zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2008, 22:17 Uhr

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