Zürich

Der Polizeikommandant schiesst zurück

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 15.04.2011 7 Kommentare

Philipp Hotzenköcherle wehrt sich gegen Vorwürfe zu seiner Amtsführung. Es könne keine Rede davon sein, dass er sich nicht für mehr Personal einsetze. Der Kommandant der Stadtpolizei will sogar 80 zusätzliche Stellen.

«Ich bleibe so lange am Ball, bis ich diese Stellenprozente trotzdem bekommen werde»: Philipp Hotzenköcherle, Kommandant der Stadtpolizei Zürich.

«Ich bleibe so lange am Ball, bis ich diese Stellenprozente trotzdem bekommen werde»: Philipp Hotzenköcherle, Kommandant der Stadtpolizei Zürich.
Bild: Beat Marti/TA

Die Vorwürfe gegen Hotzenköcherle

Seit heute Freitag werden in der Stadt Zürich keine Ordnungsbussen verteilt. Die Zürcher Stadtpolizisten wollen damit gegen die zunehmende Arbeitsbelastung protestieren. «Die Leute erwarten von der Führung eine Verbesserung des Umgangs mit dem Korps», sagte Werner Karlen, Präsident des Polizei Beamten Verbandes PBV der Stadt Zürich, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch.

Insbesondere Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle steht in der Kritik. Gemäss einem Artikel der NZZ vom Freitag werde ihm vom Korps vorgeworfen, die Stadtpolizei nicht zeitgemäss organisiert und restrukturiert zu haben. Er habe zwar neue Stellen geschaffen, aber am falschen Ort, wie zum Beispiel in den inneren Diensten und im Beschwerdemanagement, heisst es weiter. Hotzenköcherle schiebe gerne den Leiter der Medienstelle, Marco Cortesi, vor, der so anstelle des Kommandanten der Stadtpolizei ein Gesicht gebe.

Der NZZ liegt zudem der Schlussbericht über eine Administrativuntersuchung zur Infostelle der Zürcher Stadtpolizei vor. Zwischen dem 20. November 2009 und dem 26. März 2010 seien hierzu rund 20 Personen befragt worden. Der Schlussbericht sei dem Kommandanten am 9. Dezember 2010 übergeben worden. Die mit der Untersuchung beauftragten Juristen würden die Stimmung in der Infostelle als instabil einschätzen, schreibt die NZZ weiter. Die Zeichen eines Machtkampfes seien unverkennbar und es herrsche gegenseitiges Misstrauen. Das Problem liesse sich lösen, wenn die direkte Führungsverantwortung der ganzen Infostelle einer Person übertragen werde.

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Herr Hotzenköcherle, in einem Artikel der NZZ wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten es verpasst, die Stadtpolizei zeitgemäss zu organisieren und zu restrukturieren. Was sagen Sie dazu?
Mich erstaunt diese Darstellung. Bisher hat man mir Projektitis vorgeworfen. Wir hätten sogar zu viele Reorganisationsprojekte vorangetrieben.

Der Vorwurf lautet, dass Sie die Strukturen am falschen Ort geändert haben.
Das stimmt schlicht nicht. Ich bin seit 30 Jahren im Dienst und weiss, wo die Probleme liegen. Die Stadtpolizei kann nicht nur aus Frontpolizisten bestehen. Damit alles funktioniert, braucht es auch Personen im Bereich der Prävention und der Führungsunterstützung. Sie unterstützt mit ihrer Arbeit die Fronttätigkeit. Sie wahrt die Übersicht und kann die Einsatzkräfte gezielt einteilen. Aber mit den jetzigen 1500 Front-Polizisten haben wir grundsätzlich zu wenig Personal. Wir brauchen 80 Leute mehr, um das Gröbste abzudecken.

Sie wollen 80 Leute mehr und haben beim Gemeinderat nur 15 weitere Stellen beantragt?
Es ist ein Minimum, das ich brauche – quasi die erste Tranche. Wir haben der Rechnungsprüfungskommission mit Zahlen und Fakten die Notwendigkeit jeder einzelnen Stelle belegt. Wir haben 14 Uniform- und Kriminalpolizisten für die Front beantragt. Es wäre nur eine Büro-Stelle in der Abteilung Bewilligungen geschaffen worden. Die Fehlinformation, dass ich vor allem Stellen im inneren Dienst gefordert hätte, macht mich betroffen.

Die 15 zusätzlichen Stellen wurden schliesslich aus dem Budget gestrichen. Was tun Sie jetzt?
Ich bleibe so lange am Ball, bis ich diese Stellenprozente trotzdem bekommen werde! Auch das Parlament muss sich dieser Verantwortung bewusst sein. Bisher habe ich organisatorische Massnahmen getroffen, um die Situation zu verbessern. Aber ich kann die Zitrone nicht noch mehr auspressen und die Leute noch mehr plagen.

Wie sehen diese organisatorischen Massnahmen aus?
Wir führen beispielsweise nach jedem Fussballaufgebot eine Analyse des Einsatzes durch und lassen die Lehren daraus in den nächsten Einsatz fliessen. So versuchen wir, den personellen Aufwand so stark wie möglich zu minimieren, ohne dabei die Sicherheit zu gefährden. Für den Sommer 2011 haben wir ausserdem eine Gruppe von Freiwilligen aus dem Korps zusammengestellt. Diese Polizisten sind bereit, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, um einen flexibleren Schichtdienst leisten zu können. Das Projekt ist allerdings bis Ende Jahr befristet.

Bekommen Sie überhaupt mit, was in Ihrem Korps geschieht?
Selbstverständlich! Ich stehe immer Rede und Antwort und man kann mir auch kritische Fragen stellen.

Was wird an Sie herangetragen?
Trotz den grossen Belastungen der Frontpolizistinnen und -polizisten erhalte ich persönlich neben kritischen regelmässig auch positive Rückmeldungen. Ich kann durchaus verstehen, dass durch gewisse Auswüchse der 24-Stunden-Gesellschaft die Bevölkerung belastet und meine Leute extrem gefordert sind, und diese Sorgen teile ich selbstverständlich auch. Wir haben auch ein internes Forum, wo sich die Mitarbeitenden anonym melden und ihre Kritik anbringen können. Wir sind eine modern geführte und mitarbeiterorientierte Firma. Die Kontakte mit dem Korps haben hohe Priorität.

Trotzdem entzieht das Korps Ihnen das Vertrauen.
Der Polizei Beamten Verband hat in seiner Mitteilung der Geschäftsleitung das Vertrauen entzogen und nicht mir persönlich. Die Geschäftsleitung und ich setzen alles daran, um dieses Vertrauen wieder zu festigen.

Und was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie Vetternwirtschaft betreiben würden – vor allem in der Medienstelle der Stadtpolizei?
Ich habe von verschiedenen Chefredaktoren immer wieder ein gutes Zeugnis für unsere Infostelle erhalten. Das wäre nicht so, wenn die internen Probleme so wären, wie sie in der NZZ geschildert werden. Ich bin ein Polizeikommandant, der für die Medien in der Regel sehr rasch und gut verfügbar ist.

Der NZZ liegt der Schlussbericht über eine interne Abklärung zu den Abläufen in der Infostelle vor. Darin wird die persönliche Beziehung zwischen Ihnen und Marco Cortesi, dem Chef der Medienstelle, als problematisch bezeichnet.
Dieser Journalist hat einen vertraulichen Bericht, der für den internen Gebrauch gedacht war, genommen und nur die negativen Punkte herausgestrichen. Man muss diese Sätze in Relation mit den positiven Aspekten setzen.

Und wie lauten diese positiven Aspekte?
Die Reorganisation der Infostelle, welche ich vor 4 Jahren wegen bestehender Probleme umgesetzt habe, hat sich nach ersten Anpassungsschwierigkeiten ebenso rasch bewährt wie die Direktunterstellung der Medienstelle. Was in den Medien berichtet wird, ist für uns täglich ein Thema. Ausserdem möchte ich die Strukturen so flach wie möglich halten und das Prinzip vom «Gesicht der Stadtpolizei» weiter pflegen. Das war früher schon so.

Was ist heute anders als damals?
Ich habe den Bogen aufgetan und auch den anderen Mitarbeitern der Infostelle die Möglichkeit gegeben, vor die Kamera zu treten. Damit kein Neid und keine Missgunst entstehen, führen wir Buch über die Medienpräsenz der einzelnen Mitarbeiter. Es ist schliesslich wichtig, dass die anderen auch zum Zug kommen. Ich habe den Bericht übrigens bereits vor zwei Jahren in Auftrag gegeben, um eine neutrale Aussensicht zu erhalten. Seit 2007 ist die Info- und Medienstelle mir direkt unterstellt. Bei meinen täglichen, persönlichen Kontakten mit allen Mitarbeitenden stelle ich fest, dass die Stimmung seit diesem Zeitpunkt gut ist.

Wann wird Philipp Hotzenköcherle aufhören? Es sei ja jetzt schon ein Sesselrücken im Gange, weil Sie 2013 in Pension gehen wollen.
Das ist ein Gerücht. Solange die Stadtpolizei solche Probleme hat, gehe ich nicht von der Brücke. Diese Verantwortung nehme ich mit viel Herzblut und Kraft wahr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2011, 16:19 Uhr

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7 Kommentare

Meister Hansjürg

15.04.2011, 17:02 Uhr
Melden 40 Empfehlung

Bekommen Sie überhaupt mit, was in Ihrem Korps geschieht? Nein, tut er nicht. Wie auch so viele andere Manager in den Banken und Versicherungen. Die habe kaum Ahnung was auf den unteren Etagen für Probleme sind. "Ich stehe immer Rede unt Antwort" ist die typische Manger floskel. Welcher normale Angestellte traut sich schon dem oberstem Chef ehrlich die Meinung zu sagen? Antworten


Tom Widmer

15.04.2011, 16:09 Uhr
Melden 38 Empfehlung

Ich empfinde es als erstaunlich, dass bei keiner der gestellten Fragen Herr Hotzenköcherle auch nur ansatzweise etwas eigenkritik einbringt. Es ist alles gut, er ist gut - das Korps hat es gut.
Wie immer, sehen die Anderen einiges falsch. Die in die Kritik geratenen sind die Opfer falscher Anschuldigungen. Ausgelutscht ist diese Haltung schon seit langem - einige kapieren es einfach nicht.
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