Der Polizist, der Betrunkene mit dem Super Puma jagte

Der Stadtrat macht Daniel Blumer zum Polizeichef. Der 56-Jährige hat eine bewegte Geschichte hinter sich: In Bern legte er sich mit dem Vorgesetzten an.

Nach 16 Jahren geht der Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle in Pension: Sein Nachfolger Daniel Blumer.

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Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) konnte aus dem Vollen schöpfen, als er die Nachfolge von Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle (63) regelte. Dieser geht im Mai 2013 nach 16 Jahren an der Spitze der Zürcher Stadtpolizei in Pension. Um seinen Posten hat sich laut Leupi eine «breite Auswahl sehr guter, ausgewiesener Fachleute» beworben – darunter interne Kandidaten.

Der Politiker entschied sich nicht für eine Zürcher Lösung, sondern holte einen Exilzürcher zurück: Daniel Blumer. Gestern hat der Gesamtstadtrat die Wahl abgesegnet. Blumer übernimmt das Kommando des drittgrössten Polizeikorps der Schweiz mit 2100 Mitarbeitenden im Juni. Zuvor wird ihn Hotzenköcherle einen Monat lang einarbeiten.

Turbulente Jahre

Der 56-jährige Daniel Blumer wuchs im Kanton Zürich auf. Den ersten Polizeijob übernahm er nach dem Jusstudium 1985 bei der Stapo. Dort leitete er das Betäubungsmittelkommissariat und lernte dabei seine Frau kennen. Er war damals Ausbildner, sie Aspirantin.

Richtig turbulent verlief Blumers Karriere, als er nach neun Jahren als Kripochef und Staatsanwalt in St. Gallen 2002 zum Stadtberner Polizeikommandanten ernannt wurde. Dort geriet der Polizist, der für einen deeskalierenden statt repressiven Umgang mit Demonstranten und den Autonomen aus der Reitschule einstand, mit seinem Vorgesetzten, Kurt Wasserfallen (FDP), aneinander. Der Politiker, ein Hardliner, schimpfte den Polizeichef «Schwächling» – und entzog ihm das Vertrauen. Doch das Polizeikader schlug sich auf Blumers Seite und wandte sich im Geheimen an den Stadtpräsidenten. Die Regierung nahm darauf Wasserfallen das Polizeiressort weg – und Blumer galt nun als der Mann, der den eigenen Chef «weggeputscht» hat.

Leupi hat volles Vertrauen

«Meines Wissens hat vielmehr der damalige Polizeivorsteher versucht, den Chef der Stadtpolizei loszuwerden – weil er das Rückgrat hatte, einen zweifelhaften Entscheid zu hinterfragen», sagt Daniel Leupi. Er selbst hat keine Angst, dass ihm Ähnliches widerfahren könnte. «Da habe ich volles Vertrauen in den neuen Kommandanten.» Die Wirren in Bern will er auch nicht weiter kommentieren. Wasserfallens Vorwürfe gegen Blumer wegen angeblicher Illoyalität und Inkompetenz wurden ohnehin entkräftet – nachdem der Polizist selber eine Untersuchung gegen sich verlangt hatte.

2006 wechselte Daniel Blumer zur Polizei Basel-Landschaft. Dort führt er die laut Kriminalstatistik «zweitschlechteste Polizei der Schweiz» (nach den Waadtländern); die miese Aufklärungsquote war ein Dauerthema in den Baselbieter Medien. Sorgen macht sich Leupi deswegen keine. «Daniel Blumer hat dieses Problem längst erkannt und zusammen mit Politik und Staatsanwaltschaft Gegenmassnahmen eingeleitet.» Dieser habe denn auch die unterdurchschnittliche Aufklärungsquote, für die bei weitem nicht nur das Polizeikommando verantwortlich sei, von sich aus im Vorstellungsgespräch angesprochen.

Eine Herzensangelegenheit

Nicht zur Sprache kam ein gross angelegter Polizeieinsatz von 2010, der ebenfalls Schlagzeilen machte: Blumer setzte damals 420 Polizisten, 17 Sozialarbeiter und einen Super Puma-Helikopter der Armee ein, um den «Harassenlauf» von Reinach nach Münchenstein mit 300 Läufern zu unterbinden. Kosten: 450'000 Franken. Der Anlass war zuvor jeweils in üble Trinkgelage mit viel Abfall und Verletzten ausgeartet.

Die Baselbieter Regierung bedauerte gestern Blumers Abgang sehr. Er selbst wiederum freute sich riesig über die Rückkehr in die Zürcher Heimat, wie er der «TagesWoche» sagte. Das sei für ihn eben eine Herzensangelegenheit. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.11.2012, 08:34 Uhr)

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