Der Prime Tower – eine tödliche Falle für die Vögel?
Von Susanne Anderegg. Aktualisiert am 09.08.2010 12 Kommentare
Wie sich das Massensterben verhindern liesse
Das Problem ist wenig bekannt, aber riesig. «Jedes zweite der insgesamt 1,5 Millionen Gebäude in der Schweiz hat heikle Stellen», sagt der Experte von der Vogelwarte Sempach, Hans Schmid. Das kann eine Balkonverglasung sein, ein Eckfenster oder ein transparenter Velounterstand. Nicht nur bei Prestigeprojekten, auch im privaten Bereich wird zunehmend mit Glas gebaut. Wintergärten sind beliebt, die Leute wollen aus ihrer Wohnung durch grosse Fenster in die Weite blicken. Und vergessen dabei die Vögel. Laut einer Erhebung von 2009 kommt es pro Gebäude mit grossen Fenstern oder Glasfassaden zu fünf bis zehn Kollisionen jährlich. Hochgerechnet ergibt das eine Summe von mehreren Millionen toten Vögeln pro Jahr.
Die Zahl mag erstaunen, sieht man doch eher selten tote Vögel am Boden liegen. Der Grund: Sie werden von Katzen, Füchsen oder anderen Wildtieren gefressen. Auch gehen viele Vögel an inneren Verletzungen ein. Die Vogelwarte Sempach setzt auf Aufklärung. Sie hat den Leitfaden «Vogelfreundliches Bauen mit Glas und Licht» herausgegeben. Er kann übers Internet heruntergeladen werden (www.vogelglas.info). Ziel ist, den Vogelschutz bei der Bauplanung zu berücksichtigen. Das heisst, Glas überlegt einzusetzen und bei Hochbauten nur reflexionsarme Gläser zu verwenden. Bei bestehenden Glaswänden kann man die Durchsicht verringern, indem man einen Siebdruck mit Punktraster aufbringt. Fliegengitter oder helle Vorhänge haben auch einen guten Effekt. Von den schwarzen Vogelsilhouetten rät der Fachmann ab: «Sie nützen nichts, weil sie sich zu wenig vom dunklen Hintergrund abheben.» Besser seien etwa orange Motive. «Alle zehn Zentimer ein Kleber ergibt die beste Wirkung.» Und was ist zu tun, wenn man einen benommenen Vogel findet? Schmid empfiehlt, das Tier für eine oder zwei Stunden in eine Schuhschachtel mit Luftlöchern zu legen und danach wieder ins Freie zu lassen. Fliegt er nicht weg, soll man ihn in die nächste Vogelstation bringen.
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Das neue Wahrzeichen von Zürich ragt 126 Meter in den Himmel. Seine Fassade ist durchgehend aus Glas. 4300 Glasplatten, 1,35 auf 3,35 Meter gross, zweifach isoliert, die Aussenseite grün gefärbt. «Das Grün ist Bestandteil des Gestaltungskonzepts und leistet seinen Beitrag zur Umsetzung der energetischen Vorgaben», sagt Thomas Kiefer, Projektleiter bei der Herstellerfirma Dobler Metallbau in München. Es soll im Sommer die Wärme fernhalten. Je dunkler das Glas, desto weniger müssen die Räume gekühlt werden.
Die Grüntönung hat zudem einen positiven Nebeneffekt für den Vogelschutz. Vögel können Glas nicht erkennen. Es ist für sie in zwei Fällen gefährlich – ja tödlich: Wenn es durchsichtig ist oder wenn es spiegelt. Ein Augenschein beim Prime Tower zeigt, dass seine Fassade je nach Lichteinfall unterschiedlich wirkt. Auf einer Seite sieht man durch die Scheiben gedämpft in die Räume hinein, auf der andern Seite spiegeln sich Krane und Wolken unscharf im Glas. Je mehr Glas, desto mehr tote Vögel
Die Vogelschützer beurteilen das Gefahrenpotenzial des Prime Tower uneinheitlich. Iris Scholl hat ein privates Ökobüro und berät unter anderen die Stadt Zürich in Sachen Mauersegler. Sie ist pessimistisch: «Auch grünes Glas spiegelt. Je mehr Glas man verwendet, desto mehr Vogelschlag gibt es. Der Prime Tower hätte so nicht erlaubt werden sollen.» Weniger dramatisch sieht es Hans Schmid, der Glasspezialist der Vogelwarte Sempach. Er weist darauf hin, dass beim Prime Tower derselbe Glastyp verwendet wurde wie beim Messeturm in Basel. «Der steht seit fünf Jahren, bisher wurden keine Probleme bekannt.»
Zurückhaltend äussert sich Eva Inderwildi, die Fachfrau des Schweizer Vogelschutzes (Birdlife): «Es gibt schlimmere Glasgebäude als den Prime Tower, solche, die viel stärker spiegeln.» Inderwildi gibt allerdings zu bedenken, dass man noch kaum Erfahrungen damit habe: «Wir wissen nicht, wie die Vögel reagieren.» Eine Rolle spiele auch die Umgebung. Momentan stehen noch viele Gerüste und Krane rundum. Falls später Bäume und Sträucher gepflanzt würden, steige die Gefahr für die Vögel. Und sauber geputzte Scheiben verstärken die Spiegelung.
Die Aufrichte des Bauwerks von Gigon/Guyer fand vor einem Monat statt. Birdlife hat anonyme Hinweise erhalten, wonach am Fuss des Towers bereits tote Vögel aufgesammelt wurden. Eva Inderwildi kontaktierte die Verantwortlichen und traf sich kürzlich mit Vertretern des Architekturbüros und der Bauherrin Swiss Prime Site vor Ort. Dabei habe man beteuert, dass bisher keine Probleme aufgetreten seien, sagt Inderwildi. Ob dies so bleibt, wird der Vogelzug nach Süden zeigen, der im August beginnt und bis Oktober dauert.
Im Notfall wird nachgebessert
Bei ihrem Ortstermin hat Inderwildi zudem die Beleuchtung thematisiert, die im Fall des weit in den Himmel ragenden Prime Tower potenziell ebenso gefährlich ist wie die Spiegelung. Licht in der Nacht kann die Vögel verwirren, besonders bei Nebel. Sie verlieren die Orientierung und prallen in die Fassade. Laut Inderwildi ist im 126-Meter-Büroturm ein System geplant, bei dem die Beleuchtung automatisch ausgeschaltet wird, wenn die Leute ihre Arbeitsplätze verlassen haben.
Swiss Prime Site bestätigt dies. Es werde keine flächendeckende abendliche Beleuchtung geben, teilt Mediensprecherin Nicole Stamm mit. Denn der Prime Tower soll weder das Stadtbild noch die direkten Nachbarn stören. Die Bauherrin versichert gegenüber dem TA auch, es gebe keine toten Vögel auf der Baustelle, «obwohl die Fassade bereits seit längerem montiert ist». Die Wahl von Glas und die Grüntönung seien Teil des Architekturkonzeptes. Der Vogelschutz sei von Anfang an thematisiert worden. «Das sehr leicht verspiegelte grüne Wärmeschutzglas kann trotz seines 40-prozentigen Tageslichtquotienten von Vögeln gut wahrgenommen werden. Die gewählte Fassade sehen wir nicht als Todesfalle für Vögel.»
Für den Fall, dass es dennoch «ernsthafte Probleme» mit Vogelschlag oder Desorientierung geben sollte, speziell während der Zugzeiten und bei nebligem Wetter, verspricht die Betreiberin eine Nachbesserung: Sie würde dann «die gesamthafte Absenkung der innenliegenden Storen ins Auge fassen».
An Auflagen gehalten
Laut dem Architekten Mike Guyer ist der Vogelschutz bei der Projektierung von Bauten mit Glas «immer ein Thema». Das gelte für den Prime Tower ebenso wie für das am Freitag vorgestellte Geschäftshaus Rosau in der Enge. Das Bürohaus wird in einem denkmalgeschützten Garten mit historischem Baumbestand gebaut. 65 Prozent der Fassade sind Glas – auf den ersten Blick eine Todesfalle für Vögel. Laut Guyer haben die vorgesehenen Gläser aber einen Aussenreflexionsgrad von maximal 15 Prozent, was die Spiegelwirkung «auf ein Minimum» reduziere. Zudem werde die Durchsicht reduziert, indem man die Fassade engmaschig gliedere und aussen einen textilen Sonnenschutz montiere. «Wir haben uns dabei an die Empfehlungen der Schweizerischen Vogelwarte Sempach gehalten», schreibt Guyer – «wie übrigens auch bei Planungen von anderen Glasgebäuden wie dem Prime Tower».
Die Stadt Zürich hatte die Baubewilligung für den Prime Tower 2006 ohne Auflagen für die Fassadengestaltung erteilt, sagt der Fachstellenleiter Naturschutz, Max Ruckstuhl. Die Abteilung Grün Stadt Zürich sei aber bestrebt, dem Vogelschutz mehr Gewicht zu geben. Sie setzt sich dafür ein, dass die Stadt den Bauherren künftig Auflagen macht bezüglich Glas und Beleuchtung. Schliesslich will sie ja auch das 2000-Watt-Ziel erreichen.
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Erstellt: 08.08.2010, 22:46 Uhr






