Zürich

«Der Samichlaus ist so was wie ein Seelenklempner»

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 05.12.2012 18 Kommentare

Für den Samichlaus beginnt die 25. Saison im Waldhüsli auf dem Käferberg. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet erzählt er, welch rührende Szenen sich in dem kleinen Blockhaus bereits abgespielt haben.

1/6 Von draus' vom Wald da kommt er her: Der Samichlaus ist wieder in Zürich unterwegs.
Bild: Dorothea Müller

   

Das Waldhüsli im Chäferbergwald

Seit 1987 können Kinder und Erwachsene den Zürcher Samichlaus im Waldhüsli auf dem Käferberg besuchen. In der Blockhütte finden jeweils zwischen 10 und 30 Kinder Platz, denen der Samichlaus eine Geschichte erzählt oder die dort ihre Verse vortragen können. Der Besuch dauert pro Gruppe etwa 20 Minuten.

Das Waldhüsli ist bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln (Tram 11, 15 oder Bus 32, 72) erreichbar. Der Weg ist ab Bucheggplatz signalisiert. Ab heute Dienstag, 4. Dezember bis Sonntag, 9. Dezember 2012, ist es ab 10 bis 16 Uhr geöffnet. Der Besuch ist gratis, wer sich an den Unkosten beteiligen will, kann einen Beitrag in eine Kasse beim Häuschen einwerfen. (tif)

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Guten Tag, Samichlaus. Sage ich jetzt eigentlich du oder Sie?
Du, natürlich. Das war doch schon immer so. Oder hast du je ein Sprüchlein für den Samichlaus vorgetragen, das mit Sie anfängt?

Also, Samichlaus, die Saison im Waldhäuschen fängt heute Dienstag wieder für dich an. Bist du nervös?
Nein, ich freue mich riesig auf all die strahlenden Kinderaugen und das Gewimmel im Wald und ums Häuschen.

Überwiegt die Freude bei den Kindern oder die Angst, wenn sie dich sehen?
Das ist total unterschiedlich. Aber es haben immer weniger Angst, was ich gut finde.

Sind die Kinder auch frecher geworden?
Es hat früher schon freche Kinder gegeben. Heutzutage spricht man lieber über die frechen, aufmüpfigen Kinder. Dabei gibt es sehr viele liebenswerte und scheue Kinder, die kaum auffallen.

Musstest du noch nie eines in den Sack packen?
Nein, das macht der Samichlaus nicht – auch nicht der Schmutzli. Früher wurde das noch gemacht. Heute gibt es so was nicht mehr. Der Schmutzli ist ein guter Freund von mir und hilft mir sehr, indem er alles in das goldene Buch schreibt, was während des Jahres geschehen ist. Dann kann ich diese Themen mit den Kindern und den Erwachsenen besprechen.

Was wird denn so besprochen?
Das sind meist kleine Dinge. Beispielsweise die Art und Weise, wie Kinder ihre Sachen wegräumen – oder eben, wenn sie Unordnung machen. Da kann ich vermitteln. Die kleinen Kinder wollen aber vor allem ihre Sprüchli aufsagen, während die grossen einfach darauf warten, ein Säckchen mit Nüssen und Mandarinen zu bekommen. Wenn wir aber bei Familien zu Besuch sind, dann bringen wir Ruhe in die Aufregung hinein. Am Ende sprechen sogar Teenager, die längst nicht mehr an den Samichlaus glauben, mit mir über ihre Sorgen in der Schule, über die Lehrstellensuche, über Ängste und Hoffnungen.

Also ist der Samichlaus so was wie ein Seelenklempner
Ja, das auch. Ich höre den Leuten zu und kann ihnen auch einen Wink geben, wie man eine Situation aus einem anderen Blickwinkel anschauen kann. In ausweglosen Situationen braucht es eben manchmal jemanden, der einem auf die Schulter klopft und sagt, dass man eine gute Person ist und es schon gut kommen wird.

Die richtigen Worte zu finden, ist schwer. Wo hast du das gelernt?
Ich habe schon viel gesehen und erlebt. Diese Erfahrungen nutze ich, wenn ich zu den Leuten gehe oder wenn sie zu mir kommen. Dafür gibt es keine Diplome. Das kommt von Herzen.

Da kann man aber auch einiges falsch machen…
Wenn man feinfühlig ist und auf das Gegenüber eingeht, findet man sicher die richtigen Worte.

Warst du auch schon sprachlos?
Bis jetzt nicht.

Und hast du schon gelogen?
Nein, ich erfinde höchstens mal etwas.

Kannst du dich an ein besonders schönes Erlebnis im Waldhüüsli erinnern?
Ich habe den Kindern einmal eine Geschichte vom Sternenengel Melvin erzählt. Da geht es ums Zusammenhalten und darum, füreinander da zu sein. Auf einmal sehe ich, wie einer Mutter beim Zuhören die Tränen hinunterlaufen. Sie hat mir später erzählt, dass sie gerade eine schwere Zeit durchmache und dass diese Geschichte sie mitten ins Herz getroffen habe. Es hat ihr offenbar die Seele geöffnet.

Gabs denn auch Situationen, in denen du am liebsten wieder zurück an den Nordpol gereist wärst?
Der Samichlaus wohnt nicht am Nordpol. Dort wohnt der Onkel aus Amerika. Ich wohne in einem verrückten Häuschen in Zürich – davon hat es ja leider nicht mehr so viele. Aber, nein, ich wollte noch nie weg. Selbst dann nicht, wenn ich zu Leuten nach Hause gehe, die es nicht so gut haben. Natürlich kann ich nicht nachholen, was in der Erziehung nicht rund gelaufen ist. Aber ich kann den Eltern den Ratschlag geben, sich mehr Zeit für die Kinder zu nehmen und mehr zuzuhören.

Dann bräuchte es den Samichlaus eigentlich das ganze Jahr über?
Ich bin auch immer da, man erkennt mich einfach sonst nicht so gut wie im Dezember. Vielleicht ist es der Samichlaus, der einer Frau oder einem Mann dabei hilft, den Kinderwagen ins Tram zu tragen. Wer weiss? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.12.2012, 15:01 Uhr

18

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18 Kommentare

Nicole Weber

04.12.2012, 22:27 Uhr
Melden 22 Empfehlung 0

Ein fantastischer Mann dieser Samichlaus, danke. Und danke an alle denen, dich auch im Alltag im Sinne des Samichlaus handeln und so manche Herzen erwärmen, nicht nur an Weihnachten. Antworten


Beatrice Meier

05.12.2012, 11:45 Uhr
Melden 11 Empfehlung 5

Über Seelenklempner mag man die Nase rümpfen, wirklich übel ist aber die Sache mit dem Nordpol!! Unser Samichlaus wohnt im Waldhüsli, zusammen mit dem Schmutzli. Es wundert mich nur noch, dass nicht auch noch die Rede von Rentieren war... Und irgendwann mutiert unser guter Samichlaus zum Weihnachtsmann und dann gibt's auch kein Christchind mehr. Warum lässt man's nicht, wenn man keine Ahnung hat? Antworten



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