Der Spätberufene
Von Beat Metzler. Aktualisiert am 17.02.2010
Lässt sich in kein Klischee drücken: Urs Egger. (Bild: Doris Fanconi)
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Urs Eggers Büro sieht aus wie ein Caritasladen: An den Wänden bunte Teppiche, auf den Schränken naiv geschnitzte Figuren. Dritte-Welt-Romantik darf man vom Geschäftsführer von Swisscontact, dem Hilfswerk der Schweizer Wirtschaft, aber keine erwarten. Das liberale Credo, das Egger ständig wiederholt, gelte auch in der Entwicklungshilfe: «Man muss die Eigeninitiative der Menschen fördern.»
Dritte-Welt-Ästhetik und Leistungsdenken: Auch sonst steckt der 54-Jährige voller kleiner Widersprüche. Oder, um es positiv zu drehen, Egger lässt sich in kein Klischee drücken. Seit Jahrzehnten opfert er seine Freizeit für das Seefeld, wo er aufgewachsen ist und wohnt. Egger braut lokales Bier und leitet den lokalen Fussballklub. Seine Frau wirtet im Hornegg, einer der letzten «Spunten», welche die Veredelung des Seefelds überlebt haben. Im Gespräch stimmt Egger immer wieder Lobeshymnen auf den Verein, «diese Keimzelle der Schweiz und Schule des Lebens», an.
Ein verwurzelter Mensch also. Gleichzeitig unternimmt er beruflich vier bis fünf grosse Reisen pro Jahr. Sie führen um die ganze Welt: Togo, Mali, Bangladesh. Ein Widerspruch? «Nein, wir fördern auch international das Lokale.»
Berufsziel Professor Auf dem Chefsessel von Swisscontact landete Egger eher zufällig. Seine Eigeninitiative hätte ihn eigentlich auf einem Professorenstuhl gehievt. Nach dem Studium der Agrarwissenschaften folgten Doktorarbeit und Habilitation. Dann stellte Egger fest, dass die beiden einzigen Professuren, die für ihn schweizweit infrage kamen, noch mindestens 15 Jahre besetzt sein würden. Zur selben Zeit, 1995, sah er die ausgeschriebene Stelle als Swisscontact-Geschäftsführer. Egger bewarb sich und bekam den Job.
Im Wahlkampf hebt er diesen kaum hervor. Obwohl er auf Führungserfahrung über 500 Menschen verweisen und vom sozialen Image profitieren könnte. Doch anders als seine freisinnigen Mitstreiter Andres Türler, der seinen grünen Ruf pflegt, und Martin Vollenwyder, der leidenschaftlich gegen die SVP schimpft, unternimmt Egger nichts, um linke Stimmen zu pflücken. Im Gegenteil: Bei jeder Gelegenheit grenzt er sich von «Rot-Grün» ab. Ihm sei es wichtig, seine «liberal-konservative Haltung» zu bewahren.
Gefunden hat er diese relativ spät. Egger trat erst in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre in die FDP ein. Als Jugendlicher habe er, weil er sich vom Staat nicht bevormunden lassen wollte, eher links gefühlt. Mit dem Einsatz fürs Seefeld habe sich auch seine Einstellung geändert.
Trotz seiner späten Berufung führt Egger einen angriffigen, bürgerlichen Wahlkampf. Als hemdsärmeliger Bierbrauer warf er der SP vor, «die Manegg zu killen», und polemisiert gegen das linke «Laissez-faire-Denken». Die Rolle des Provokateurs wirkt aber aufgesetzt, Egger hat sie bisher nie gespielt. Seine Voten im Gemeinderat fallen trocken und knapp aus, mit Vorstössen hält sich Egger zurück. Das sei Absicht. Bei Fragen telefoniere er lieber kurz in die Verwaltung. Er politisiere eben «ergebnisorientiert». Ratskollegen anderer Parteien schildern ihn als unauffällig, gemütlich bis passiv. Ein Widerspruch? «Nein, als Neuer muss man im Wahlkampf eben auffallen.»
Da hat Egger wohl Recht. Am 7. März wird er einen schweren Stand haben. Proportional zu ihrem Wähleranteil ist die FDP im Stadtrat übervertreten. Egger selber rechnet zumindest mit einem zweiten Wahlgang. Um so weit zu kommen, hat er seit Anfang Januar ein Sabbatical eingelegt. Und ob er es nun in den Stadtrat schafft oder nicht, Urs Eggers Leben wird sich sowieso ändern. Er sei nämlich noch unsicher, ob er nach einer Nichtwahl seinen Job fortführen würde. Nach 15 Jahren Kontinuität tue eine Änderung an der Spitze jedem Unternehmen gut. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.02.2010, 11:03 Uhr






