Zürich

Der Spezialitäten-Markt im HB ist ab heute Abend Geschichte

Von Silvio Temperli. Aktualisiert am 14.11.2012 120 Kommentare

Massiv höhere Mieten seitens der SBB zwingen die Gründerin und Organisatorin zur Aufgabe. Heute findet der Markt zum letzten Mal statt.

Brachte Markttreiben in die Bahnhofshalle: Der seit 15 Jahren jeweils am Mittwoch stattfindende Spezialitäten-Markt im HB.

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Bild: PD

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Griechische Antipasti, Biogemüse, persische Trockenfrüchte, handgemachte Aromaseife: Heute Mittwoch bieten die rund 50 Marktfahrer zum letzten Mal ihre Waren in der grossen Halle des Hauptbahnhofs Zürich feil. Nach 15 Jahren ist Schluss. «Mir bricht das Herz», sagt Lilo Tscharner, die Gründerin und Organisatorin des Spezialitäten-Markts im HB. «Der Mietzins ist in diesem Jahr derart massiv gestiegen, dass wir ihn künftig nicht mehr bezahlen können.» Diverse Anfragen an die SBB, ihn zu reduzieren und dadurch das Fortbestehen des Traditionsanlasses zu sichern, seien ungehört verhallt. Darum sah sich Lilo Tscharner gezwungen, den Vertrag vorzeitig aufzulösen. Die SBB kamen ihr dabei entgegen.

Marktbetreiberin vor dem Konkurs

Jetzt, sagt Lilo Tscharner, gehe sie in Konkurs, verliere ihre Existenz. In den letzten Jahren mietete ihre in Egg auf der Forch domizilierte Firma von den SBB jeweils die ganze Halle und vermietete die Standplätze an Marktfahrer und an Spezialgeschäfte. Früher organisierte sie auch andere Events im HB: 2007 und 2010 das Züri-Fäscht, im Jahr 2000 das Jubiläum «10 Jahre Shop-Ville», VIP-Partys sowie «Lilos Musik-Gala für Freunde des volkstümlichen Schlagers» mit den Mölltalern und der helvetischen Sängerin Monique, die 1999 beim Grand Prix der Volksmusik mit dem Ohrwurm «Einmal so, einmal so» siegte.

Wie viel die SBB als Eigentümerin aufgeschlagen haben, darf Lilo Tscharner nicht sagen. Die beiden Parteien haben Stillschweigen vereinbart. Bei den SBB heisst es, Zahlen über Immobilienverträge seien geheim. Mediensprecher Reto Schärli sagt lediglich: «Es gehört zu unserer Aufgabe, aus Immobilien Profit zu machen, aber nicht um jeden Preis.» Lilo Tscharner vermutet, die SBB seien ihr nur darum nicht entgegengekommen, weil sie den Markt selber durchführen wollten, «um den Gewinn weiter zu maximieren». Diesen Vorwurf weisen die SBB zurück. «Wenn es um eine Profitmaximierung gehen würde, müssten wir andere Branchen in die Halle holen als Marktfahrer.»

Jetzt sind die SBB selber am Zug

Seit 15 Jahren geschäften die SBB und Lilo Tscharners Unternehmen miteinander. Fast Jahr für Jahr hätten die SBB den Zins erhöht, sagt sie. Doch der «gewaltige Aufschlag» fürs laufende Jahr sei nicht zu verkraften. Der Firma blieb nichts anderes übrig, als den Quadratmeterpreis für die Marktfahrer anzuheben. Viele hätten sich das nicht mehr leisten können und gekündigt. Lilo Tscharner musste sich hierauf von ihnen unschöne Worte anhören, obschon letztlich die SBB für den höheren Zins verantwortlich seien. Dass der Mietpreis alle zwei bis drei Jahre angepasst wurde, bestreiten die SBB nicht. Reto Schärli: «In den Vorjahren war die Miete weniger marktgerecht, weshalb die Erhöhung etwas heftiger ausfiel.»

Die SBB bestätigen auch, dass der Markt im Hauptbahnhof neu lanciert wird. Und dass sie jetzt die Sache selber in die Hand nehmen. Sie werden dem Markt einen neuen Namen und ein neues Konzept verpassen. Reto Schärli sagt: «Es ist üblich, dass Konzepte für Verkaufsflächen nach zehn Jahren überarbeitet werden.» Bereits seien die jetzigen Marktfahrer angeschrieben worden. Man habe ihnen mitgeteilt, sie könnten sich neu bewerben. Einige hätten schon Interesse bekundet, weiterhin dabei zu sein, sagt Mediensprecher Schärli.

Absätze sind zurückgegangen

Künftig wolle man verstärkt auf regionale, handwerklich hergestellte Produkte setzen und allenfalls neu auch Kunsthandwerk anbieten. «Im Vordergrund stehen Produkte, die man sonst beim Shoppen in der Rail City und im unmittelbaren Umfeld des Bahnhofs nicht bekommt.» Frühestens nächsten März möchten die SBB mit dem neuen Markt starten. Ob er wie bis anhin mittwochs stattfindet, ist offen. Derweil trauert Lilo Tscharner ihrem Markt nach, den sie 1998 gegründet hat. Früher habe er besser rentiert.

Die Absätze seien mehr und mehr zurückgegangen. Zum einen, weil im Laufe der Jahre auch die Grossverteiler Migros und Coop ähnliche Produkte zu einem günstigeren Preis anboten – wie Oliven, Gemüse, Brot, Käse und Trockenwürste im Offenverkauf. Zum anderen habe der Markt Kunden verloren, weil er nicht kontinuierlich an jedem Mittwoch stattfinden konnte. Immer wieder beanspruchten die SBB die Halle für einen Grossanlass und kippten den Spezialitäten-Markt aus dem Programm. Irgendwann verleide es der Kundschaft, so Lilo Tscharner, «dann kommt sie nicht mehr».

Ausfälle wegen des Oktoberfests

Im Herbst, wenn das Geschäft am stärksten blüht, kam Lilo Tscharner gleich dreimal das Oktoberfest in die Quere. «Die SBB sind erpicht auf solche Veranstaltungen.» Die SBB sagen dazu, dass sie die vertraglich zugesicherte Anzahl Markttage immer eingehalten hätten. Dem Oktoberfest-Organisator sollen sie dem Vernehmen nach pro Tag einen tieferen Preis gewährt haben. Diesen Vorwurf kommentieren die SBB nicht.

Als im letzten Winter wegen der eisigen Kälte die Kunden ausblieben und diverse Waren gefroren, ersuchte Tscharners Management die SBB um eine einmalige Mietzinsreduktion. Erst nach mehreren Wochen kam die Antwort: Kommt nicht infrage. Die SBB sagen, sie hätten den Anspruch der Mieterin geprüft, dafür indes eine längere Abklärungszeit benötigt. Reto Schärli: «Messungen der Frequenzen haben ergeben, dass während der extremen Kälteperiode kein Rückgang der Anzahl Bahnhofbesucher verzeichnet worden ist.»

Heute Mittwoch um 20 Uhr wird der Schlussstrich gezogen. Am Donnerstag in einer Woche eröffnet im Hauptbahnhof der Christkindlimarkt. Er soll in die Halle friedliche Weihnachtsstimmung zaubern. Organisiert wird er von derselben Firma, die auch an der Durchführung des Oktoberfestes beteiligt ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2012, 07:22 Uhr

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120 Kommentare

Markus Rotkopf

14.11.2012, 08:12 Uhr
Melden 533 Empfehlung 10

Dass die SBB die Besucher von Zürich mit dem Oktoberfest und deren angetrunkenen Kundschaft willkommen heissen ist peinlich - der Markt hat die verschiedenen Facetten von Zürich viel besser repräsentiert. Schade, dass es ihn nicht mehr geben wird, ich bezweifle, dass die SBB mit Kunsthandwerk mehr verdienen werden. Antworten


Anton Schneider

14.11.2012, 07:59 Uhr
Melden 424 Empfehlung 6

Der Immobilien-Boom und damit die hohen Preise für Miete machen auch nicht vor der SBB halt. So lange es noch Leute gibt, die für einen schlechten Kaffee 5+, für ein Bier 7+, etc.etc. zu zahlen bereit sind, so lange steigen die Preise munter weiter. Der Konsument macht das Spiel munter mit - das Oktoberfes(li) war immer ausgebucht - für nichts Zahlen die Leute gerne mehr. Antworten



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