Zürich

Der Stadtrat mit dem Vulkan in der Brust tritt ab

Robert Neukomm (SP) geht nach 20 Jahren im Stadtrat in Pension. Über seinen schwierigen Start – und was er zu seinem Abgang sagt.

2009: Robert Neukomm ist nach den Vorfällen im Pflegeheim Entlisberg tief betroffen – und greift durch.

Nicola Pitaro

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Robert Neukomm mistet aus. Am 31. März ist sein letzter Arbeitstag, und bis dahin muss er den papiergewordenen Teil seiner Arbeit im Stadtrat beseitigt haben. 8 Jahre stand der Sozialdemokrat der Polizei vor, 12 Jahre dem Gesundheits- und Umweltdepartement, und während dieser Zeit hat sich einiges angesammelt.

Vergangenheit bei der Polizei

Vielleicht stösst er beim Räumen auch auf Unterlagen aus den Jahren als Polizeivorsteher, seine Erinnerungen daran werden aber nicht allzu gut sein. «Damals musste er unten durch», erinnert sich der frühere SP-Präsident Koni Loepfe. Selbst in der eigenen Partei war er zeitweise in Ungnade gefallen und musste von Sektion zu Sektion gehen, um sich zu erklären.

Neukomm, der Forstingenieur, hatte bei seinem Amtsantritt 1990 von einem unbewaffneten Polizeicorps geträumt. Nur Schlagstöcke sollten seine Polizisten auf sich tragen – so wie die englischen Bobbys. Aber bereits an seinem ersten 1. Mai war dieser Traum zu Ende: Neukomm ging an jenem Tag auf die Strasse, wollte mit den Demonstranten reden, musste aber noch gleichentags feststellen, dass es so nicht geht. Der Tiefpunkt kam ein paar Jahre später mit dem 1. Mai 1996, als die Polizei Randalierer auch auf dem Festgelände mit Tränengas bekämpfte und Panik unter den Besuchern ausbrach. Die Bilanz des Tages: viele Verletzte und ein enormer Sachschaden. Seit jenem Tag wurde Neukomm regelmässig zum Rücktritt aufgefordert, sei es wegen Ausschreitungen am 1. Mai, sei es wegen eines missratenen Einsatzes gegen gewalttätige Skinheads oder wegen undiplomatischer Äusserungen über Christoph Blocher.

Schwergewicht im Stadtrat

Als Neukomm 1998 ins Gesundheits- und Umweltdepartement wechselte, verschwand er aus den Schlagzeilen. Berichteten die Medien zu jener Zeit noch über ihn, dann, weil er seine Angestellten dazu anhielt, Treppen zu steigen statt den Lift zu benutzen. Fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit entwickelte er sich zu einem Meinungsführer im Stadtrat; manche Beobachter sagen gar, am Ende sei er der starke Mann im Gremium gewesen. Das habe selbst der frühere Stadtpräsident Elmar Ledergerber erfahren müssen, als er einmal ein etwas zu grosses Interesse an Neukomms Fluglärmdossier zeigte.

Neukomm hat sich in all den Jahren ein derart fundiertes Wissen angeeignet und kennt die Mechanismen des Politbetriebs so gut, dass Widersacher schlicht nicht mehr gegen ihn ankamen. Manche wollten sich auch nicht unbedingt mit ihm anlegen. Sie wussten: In diesem grossen, bärtigen Mann «schlummert ein kleiner Vulkan», wie es Balthasar Glättli (Grüne) formuliert, der Präsident der Rechnungsprüfungskommission. Und dieser Vulkan kann jederzeit ausbrechen; etwa wenn Neukomm überzeugt war, die richtige Lösung gefunden zu haben, die Kommission sich ihm aber widersetzte. Dann sind sie jeweils hart aneinandergeraten. Neukomm habe sich mit seiner undiplomatischen Art so manche Mehrheit verschenkt, sagt Glättli. Auf der anderen Seite schätzt er dessen Charakterstärke. Er sei kein Fähnlein im Wind.

Undogmatisch

Neukomm ist von seiner Weltanschauung her ein aufrechter Sozialdemokrat. Er ist aber auch undogmatisch, und so sorgte er nicht nur am 1. Mai bei manchen Genossen für rote Köpfe. Viele waren entsetzt, als er die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten bis 20 Uhr in die Wege leitete; als er die Altersheimtarife nach oben korrigierte oder als er den Verkauf der Stadtküche aufgleiste. Neukomm packte auch heisse Eisen an, die über die Partei hinaus für Diskussionen sorgten, etwa mit der Einführung der Sterbehilfe in den Altersheimen.

«Robert Neukomm hat viel Neues angestossen», lobt Ueli Nagel (Grüne), Präsident der parlamentarischen Kommission, die für dessen Departement zuständig ist. Neukomm habe mit dem Alterskonzept und der Neuausrichtung der Spitex neue Wege eingeschlagen. Er attestiert ihm zudem, im Fall Entlisberg ein gutes Krisenmanagement bewiesen zu haben. Demente Heimbewohner waren dort vom Pflegepersonal misshandelt worden.

Ein Linker verkauft Stadtküche

Vor vier Jahren haben die Wähler Neukomm mit dem besten Resultat im Amt bestätigt, und heute erntet er selbst von der SVP Lob: «Er hat seine Arbeit sehr gut gemacht», sagt deren Präsident Roger Liebi. Er habe wie bei der Stadtküche die Zeichen der Zeit erkannt und die richtigen Entscheidungen getroffen – obwohl ihm seine Parteikollegen dafür an die Gurgel gegangen seien. Liebi befürchtet gar, dass es nach Neukomms Abgang im Stadtrat zu einem Linksrutsch kommt.

Obwohl der Polizeivorsteher Neukomm viel Kritik erntete, der Gesundheitsvorsteher Neukomm Lob, erachtet Koni Loepfe dessen Verdienste bei der Polizei als grösser. Wäre nicht er Mitte der 90er-Jahre der Polizei vorgestanden und Monika Stocker dem Sozialen, wäre es kaum gelungen, die offene Drogenszene gegen alle damals geltenden Einsichten einzudämmen. Zudem habe Neukomm im Polizeikorps eine neue Kultur eingeführt, die bis heute Bestand habe. War dieses in den 80er-Jahren noch ein «undisziplinierter Haufen», der sich gerne provozieren liess, weiss das Korps heute, dass es manchmal mehr erreicht, wenn es einen Schritt zurück macht.

Und was tut Neukomm, 62, wenn er in ein paar Tagen sein Büro geräumt hat? Er sei noch nicht dazugekommen, sich neu zu orientieren, erklärt er. Erst einmal nehme er sich eine Auszeit auf einer griechischen Insel. «Ich habe meinen Job gemacht», sagt er trocken. «Das wars.»

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2010, 14:40 Uhr

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