Der Stadtsüchtige
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Und dann stehen wir beim Zwingli, und Adrian Naef hat natürlich auch zum Reformator eine Geschichte. Ist es die 68.? Die 95.? Wer weiss das schon, mitzählen geht längst nicht mehr bei dieser Flut, dieser Wucht, dieser Dramatik.
Es ist halb zwei. Vor drei Stunden haben wir uns die Hand gedrückt, da, wo man sich in Zürich verabredet, wenn man sich nicht kennt – beim Treffpunkt. Der Vorschlag, unseren Stadtspaziergang im Hauptbahnhof zu beginnen, kam von Naef. Denn der HB, der war zentral – in seinem Leben genauso wie in seinem neuen Buch «Die Städter»:
«Ich war süchtig nach Stadt, nach Bahnhof, nach dem Singsang der Lautsprecheranlagen, der Litanei der Städtenamen, die die Züge durchfliegen würden, sobald ich die Mittel hätte, Billette zu erstehen, und dafür musste man zwischendurch wohl oder übel in die Schule.»
Das Buch ist vieles. Es ist dick, umfasst 500 Seiten, das Manuskript war gar doppelt so lang. Es ist biografisch und doch ein Roman. Es ist, so sagt und schreibt es der Autor, eine Stadtanleitung, eine Chronik, ein Panoptikum, ein Kaleidoskop, ein Bedürfnis, das parteiische Buch eines Verliebten. Es ist, das findet der Mitspazierer, der tolle Trip eines Getriebenen, der fordert und herausfordert, der mit kräftiger Sprache reflektiert und räsoniert, der schmunzeln und stöhnen lässt und den man am Ende erschöpft und doch frisch verknallt in die Stadt aus der Hand legt – so, als hätte der Kopf eine knifflige Tantrasexnummer durchexerziert.
Das Fenster zu den Krawallen
Der Roman beginnt mit dem Bauernbuben, der in die Stadt kommt: erst an der Hand des Vaters, dann als pendelnder Schüler, schliesslich und endgültig als linker WG-Student. Diese Stadt ist Zürich; Orte, Lokale und Schauplätze machen das rasch klar. Und doch heisst sie im Buch immer nur Stadt – weil es Naef um die Stadt als Kosmos, als Organismus, als ganzheitliches Phänomen geht.
Wir verlassen den Bahnhof, Adrian Naef zeigt aufs Landesmuseum, erzählt die Geschichte des Schwerts eines Vorfahren, das dort haust – es ist die 7. oder die 9. –, dann gehts weiter zum Central und damit zurück ins Buch:
«Mein erstes Zimmer hier so vorzufinden, wie ich einsame Grossstadtzimmer von Filmen her kannte, gefiel mir ausnehmend. Ich wähnte mich in New York, nur dass statt der ratternden Vorstadtbahn das Tram quietschte in den Schlaufen des Centralplatzes.»
Smart, kokett, bauernschlau
In diesem Mansardenzimmer in einem Haus neben dem heutigen Hotel Central, in einer der ersten Zürcher Wohngemeinschaften, hat der Held vom Fenster aus zugesehen, wie unten, auf der Bahnhofsbrücke, die 68er-Krawalle losbrachen. Hier hat er notiert und geschrieben, Gedanken und Gedichte. Die Notizen, die ihm bei einer «Züglete» abhanden gekommen waren, hätten in den letzten Jahren auf wundersame Weise zu ihm zurückgefunden, berichtet Naef. Man findet sie, auszugsweise und in kursiver Schrift, auch in «Die Städter»; es sind in Echtzeit entstandene Intermezzi und Kommentare; manche smart, andere kokett oder bauernschlau.
Die Gedichte aber, die wurden bereits 1975 veröffentlicht, bei Suhrkamp, unter dem Titel «Lagebericht». Naef sagt über Naef, er habe als Talent gegolten, als Schweizer Hoffnung. Diesmal nahm ihn Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld an die Hand und führte ihn in die Frankfurter Kreise ein. «Er hat mich Reich-Ranicki oder Ernst Bloch vorgestellt, deren Namen mir damals aber nicht viel sagten», so der 63-Jährige. Die Literatenkarriere schien vorgezeichnet – doch sie fand nicht statt. «Ich war nicht bereit», sagt Naef. Es war die erste Spitzkehre seines Lebens, viele weitere würden folgen.
Sehnsüchte nach Wein, Weib und Gesang
Wir spazieren übers Central und biegen in die Niederdorfstrasse ein. Auf dieser Altstadtmeile wurden des jungen Naefs Sehnsüchte nach Wein, Weib und Gesang geweckt und befriedigt; hier wirkte er als Liedermacher und Rebell, hier war er trinkender Stammgast – und wohl ein gern gesehener:
«Ich konnte nach Belieben mithalten, die Dorfvereine hatten mich gut vorbereitet. Ich vertrug Alkohol wie eine Kuh Wasser.»
Naef thematisiert aber nicht nur die Ausschweifungen seines Alter Ego, sondern auch dessen «ludensischen» Tiefsinn. So schreibt er: «Ich wollte Stadt damals noch einmal beweisen, aus reiner Freude am längst geführten Beweis. Wie sich Geometer oder Mathematiker an der Eleganz von Formeln berauschen, die seit Jahrtausenden unbestritten sind.» Die Frage, ob ihm der Beweis gelungen sei, kontert er mit einer Gegenfrage: «Haben Sie gewusst, dass Hochhäuser und Kirchtürme für den Energiehaushalt einer Stadt enorm wichtig sind, weil sie helfen, den Überdruck fortzuleiten? Oder dass Delos, die Ruineninsel vor Mykonos, noch heute eine Stadt ist, Los Angeles dagegen trotz Grösse und Geschäftigkeit nie eine solche war?»
Den Hirschenplatz mit Möbeln vollgestellt
Wir gehen weiter. Manche Lokale wie die Züri-Bar oder das Kon-Tiki, die Naef damals anonyme Geborgenheit schenkten, sind noch da, andere wie das Malatesta sind erloschen. Was sie alle verbindet? Sie haben die (Sehn-)Sucht des Wallisellers nach «seiner» Stadt über die Jahre hinweg fiebrig gehalten – egal, wo auf der Welt er gerade herumlümmelte:
«Es waren immer Düfte, das Licht, die Speisen, die Flaschen, das Scheppern der Aschenbecher, der Tritt an die Toilettentür, der scharfe Schlag mit dem Espressokolben, der süsse Seifenklumpen am Metallstab in den Toiletten, die Kampferkugeln in der Urinierschale, es waren schon immer die simplen Ingredienzien der Trostareale, die Heimat in Sucht verwandelten.»
Der Hirschenplatz. Naef lacht. Den hätten sie Anfang der 80er-Jahre an einem Samstag mit Möbeln vollgestellt und so getan, als würden sie hier wohnen, «das war moderner Dadaismus». Ja und dann natürlich der Piratensender «Handradio», die Wandzeitung «Bulletin», in der Bewegung habe man das «Kult aus dem Untergrund» genannt, «und schauen Sie dort, das weisse Haus, die Clique, die dort lebte, die kannte aber gar nichts».
Zwingli, ein schlimmer Finger
So gegen 1985, genau ist es nicht datiert, endet das Buch. Adrian Naef hat bis zu diesem Zeitpunkt auch noch als Journalist und atheistischer Religionslehrer gearbeitet (und dabei im Eigenverlag das Buch «Gott ist krank, sein Sohn hört Punk» veröffentlicht), einen autonomen Jugendtreff gegründet, eine Tochter bekommen, in der Band Niederdorf Rock Ensemble gespielt. Über die Jahre, liest man zwischen den Zeilen, ist ihm die Stadt von der lüsternen Geliebten zu einer tiefen Liebe geworden – mit der man sich halt dann und wann zankt.
Er bildet sich weiter zum Heilpädagogen, kauft dank einer Erbschaft ein Berghaus im Tessin, feiert den 50. Geburtstag. Wenige Stunden nach dem Fest kommt der Fall, die lange und tiefe seelische Nacht. Naef sagt, er habe sich damit abgefunden gehabt, dass sein Leben in der Klinik enden würde. Doch dann steht er auf, fängt wieder an zu schreiben – literarisch! In «Nachtgängers Logik» (2003), seinem Comeback bei Suhrkamp nach 30 Jahren, hat er die emotionale Odyssee der langen Depression niedergeschrieben (und mit «Ein schamloser Blick auf die Dame in Schwarz. 79 Thesen zu Depression und Gesundheit» kürzlich auch noch einen Ratgeber zum Thema veröffentlicht). Er wird Bildredaktor und Grossvater, gründet eine WG (in der er bis heute wohnt), reist und schreibt – und stellt immer häufiger das Handy und damit den Alltagsstress ab.
Und dann stehen wir also beim sittenstrengen Reformator, und man erwartet, dass die 68. oder 95. Geschichte, die jetzt folgt, eine Tirade gegen das Bünzlitum sein wird. Aber Naef schaut das Denkmal an, lacht frech und sagt: «Der war im Fall kein Kostverächter, vor allem was Frauen betraf. Das Rigide, das kam erst später.»
Wer sogar beim Zwingli noch etwas Cooles findet, der ist dieser Stadt wirklich mit Haut und Haar verfallen.
Adrian Naef: Die Städter. Weissbooks.w, Frankfurt 2011. 512 S., ca. 32 Fr. Lesung 18. 10., 20 Uhr, Sphères, Hardturmstr. 66. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.10.2011, 07:30 Uhr
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