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Der Strassenstrich ist zu lang

Von Benno Gasser. Aktualisiert am 04.03.2010 10 Kommentare

Allein 2009 sind 800 Prostituierte in der Stadt Zürich ins horizontale Gewerbe eingestiegen. Der Strassenstrich ist 10,7 Kilometer lang. Mit einer neuen Verordnung soll dieser nun reduziert werden.

Der Strichplan in Zürich: Für Detailinfos auf die Punkte klicken.


Eine Prostituierte wartet am Sihlquai auf Kundschaft.

Eine Prostituierte wartet am Sihlquai auf Kundschaft. (Bild: Nicola Pitaro)

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Die Prostituierte Ana läuft in hochhackigen schwarzen Lederstiefeln der Bellerive-Strasse im Seefeld entlang. Rauf und runter. Immer die gleichen fünf Meter - wie eine Löwin im Käfig. Die Schweizerin, geschätzte 45 Jahre alt, ist wütend. «Der Sihlquai ist kaputt. Dort kann man nicht mehr stehen, die Ungarinnen blasen schon für 20 Franken ohne Gummi.»

Ana arbeitet seit 16 Jahren als Prostituierte. Bis vor vier Jahren habe sie immer gut verdient. Damals, im Frühling 2006, trat die Personenfreizügigkeit mit acht europäischen Ländern in Kraft, und im Rotlichtmilieu startete ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb, der immer unerbittlicher ausgetragen wird.

Roma-Frauen aus Ungarn

Die Polizei hat es aufgegeben, die Gesamtzahl der Prostituierten anzugeben, sie hat den Überblick verloren. Nur die Zahl der Neueinsteigerinnen wird noch vermeldet: Waren es im Jahr 2006 noch 495 Prostituierte, ist deren Zahl kontinuierlich angestiegen und erreichte letztes Jahr mit 800 Prostituierten einen neuen Rekordwert.

Mehr als die Hälfte dieser Neueinsteigerinnen sind Roma-Frauen aus Ungarn. Eine rechtliche Handhabe, den Ansturm einzudämmen, gibt es wegen der bilateralen Verträge nicht. Wollen die Osteuropäerinnen arbeiten, müssen sie beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) lediglich 25 Franken bezahlen und ihren Pass vorlegen, um eine Meldebestätigung zu erhalten. In einem Kalenderjahr dürfen sie während 90 Tagen arbeiten.

Rolf Vieli, Projektleiter Langstrasse Plus, bereitet die grosse Zahl von Prostituierten Sorgen. Die Frauen am Sihlquai würden mit ihren Freiern in die WCs der umliegenden Berufsschulen gehen, auf Parkplätzen oder in Kellerabgängen bumsen. Auch das von Familien und Kindern besuchte Kulturhaus im Kreis 5 werde von Dirnen besucht. Ihre Notdurft verrichten die Frauen in Hinterhöfen, die Männer urinieren an Hauswände. Weil Freier auch unbeteiligte Passantinnen anmachen, fühlen sich Quartierbewohnerinnen unwohl. In jüngster Zeit beobachtet Vieli, wie die Prostituierten immer mehr in die Langstrasse und ihre Seitenstrassen drängen, was illegal ist.

Quartierbevölkerung besser schützen

Der Strichplan gibt exakt vor, wo zwischen 19 Uhr und 5 Uhr angeschafft werden darf. Seit Anfang Dezember drückt das AWA jeder Prostituierten einen Strichplan mit Informationsbroschüre in sechs Sprachen und beigelegtem Kondom in die Hand. Reiht man die einzelnen Abschnitte aneinander, ergibt das einen rund 10,7 Kilometer langen Strassenstrich. «Das ist eindeutig zu viel», sagt Peter Rüegger, Ermittlungschef der Stadtpolizei. Die Länge des Strassenstrichs soll darum mit dem Projekt Rotlicht und der geplanten Prostitutionsverordnung deutlich reduziert werden. Details wollen weder Vieli noch Rüegger preisgeben.

Mit der Verordnung soll die Quartierbevölkerung besser vor den Auswüchsen der Prostitution geschützt werden, sagt Vieli. Es brauche eine bessere Transparenz und Kontrolle in den Bordellen, gut geführte Betriebe müssten unterstützt werden. In Diskussion ist auch, ob der Strassenstrich beim Sihlquai aufgehoben und dafür in gewissenen Zonen in der Langstrassengegend erlaubt wird. Die Anordnung des Strassenstrichs müsse künftig differenzierter betrachtet werden, sagt Vieli. Einen Entwurf der Verordnung hat der Stadtrat bereits abgesegnet.

«Es braucht mehr Frischfleisch»

Am Sihlquai stehen trotz tiefer Temperaturen einige der Frauen nur im Top und Minirock am Strassenrand. Weil viele kein Wort Deutsch sprechen, lässt sich immer wieder die gleiche Szene beobachten: Die Zuhälter, die in Sippen organisiert sind und mit Clans anderer osteuropäischer Länder zusammenarbeiten, senden die Preise auf die Handys der Prostituierten. Kommt ein Freier, knippst die Frau das SMS an und streckt es ihm entgegen.

Früher sei dies anders gewesen, sagt Vieli. Das Gespräch habe eine grössere Bedeutung gehabt. «Heute zählt der schnelle Kick. Es braucht immer mehr Frischfleisch, neue Prostituierte.» Die Zuhälter würden diesen Trend noch unterstützen. Sie seien nicht daran interessiert, dass die Frauen Vertrauenspersonen finden und mit der Polizei sprechen. Darum werden sie rasch von einer Stadt in die nächste verschoben und bleiben dadurch von den Zuhältern abhängig. Diese seien absolut rücksichtslos und würden die Frauen nur als billiges Produktionsmittel sehen, sagt Rüegger. «Uns sind Fälle von Frauen bekannt, die bis eine halbe Stunde vor Niederkunft anschaffen mussten. Zwei Tage später standen sie schon wieder auf dem Strich.»

Es gebe Prostituierte, die hätten bis zu dreissig Mal am Tag Verkehr, weil sie nachts auf der Strasse sowie tagsüber in Absteigen arbeiten müssten. Anzeigen gibt es selten. 49 Opfer betreute die Polizei letztes Jahr, die «Spitze des Eisbergs», sagt Rüegger.

Mehr Bussen für Prostituierte

Vieli möchte, dass sich das Sexgewerbe in gut geführte Bordellbetriebe verlagert. Dort gebe es erfahrungsgemäss viel weniger Ausbeutung und Probleme. Ein Eros-Center liesse sich heute aber nicht mehr so einfach realisieren, weil die dafür in Frage kommenden ehemaligen Industriezonen längst aufstrebende Entwicklungsgebiete seien.

Bis die neue Prostitutionsverordnung in Kraft ist, bleiben die Waffen der Polizisten stumpf. Sie können Prostituierte, die ausserhalb des Strichplans anschaffen, mit 300 Franken büssen. In jüngster Zeit geschehe dies häufiger als früher, sagt Rüegger. Zahlen will er aber keine nennen.

Der Stadtrat wird voraussichtlich dieses Jahr über die Prostitutionsverordnung entscheiden. Anschliessend berät der Gemeinderat die Vorlage. Das letzte Wort hat allenfalls das Volk.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2010, 11:09 Uhr

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10 Kommentare

Thomas Hoffmann

04.03.2010, 11:32 Uhr
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Klar wohnen am Sihlquai wenig Leute und klar stören die Prostituierten dort auch nicht so sehr. Was ich aber, bin seit 8 Jahren nähe Swissmill wohnhaft, in den letzten zwei drei Monaten vor unserer Haustüre erlebe ist echt krass.Diese Ausbeutung der Frauen kennt keine Grenzen und ich bin erstaunt über die jungen Freier,die vor dem Ausgang noch schnell Ballast abladen! Antworten


Dave Wismer

04.03.2010, 15:02 Uhr
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Das zeigt sehr schön wohin die Liberalität führt. Wieso wird der Strassenstrich nicht verboten und aufgelöst?Siehe Schweden, Norwegen und andere skandinavische Länder funktioniert wunderbar, klar total verbieten kann man es nie aber die Szene wird sich massiv verkleinern.Das sind doch keine Zustände mehr hier, Frauenhandel + Misshandlungen mitten in Zürich , die Politik sollte sich schämen! Antworten



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