«Der VBZ-Direktor ist nahezu machtlos»

Nach nur drei Jahren als VBZ-Direktor will Hans-Peter Schär zurück in die Privatwirtschaft. In der Verwaltung kann er zu wenig bewegen.

Hans-Peter Schär (50) wollte die VBZ aus der Stadtverwaltung ausgliedern.

Hans-Peter Schär (50) wollte die VBZ aus der Stadtverwaltung ausgliedern.
Bild: Sophie Stieger

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Herr Schär, Tramdirektor in der Tramstadt Zürich – das ist doch ein Traumjob. Und Sie geben ihn Ende Juni freiwillig nach kurzer Zeit auf. Warum?
Ich habe dieses Amt vor drei Jahren wirklich gern angetreten, wurde dann aber schon bald ernüchtert und enttäuscht. Man ist als VBZ-Direktor enorm eingeengt.

Was engt ein?
Auf der einen Seite der kantonale Verkehrsverbund ZVV, der die Budget- und Marketinghoheit hat und die VBZ praktisch auf das Erbringen einer Verkehrsleistung reduziert. Auf der anderen Seite das städtische Personalreglement, das aus den Personalkosten einen unverrückbaren Block macht. In diesem Clinch ist der VBZ-Direktor nahezu machtlos.

Wozu möchten Sie denn mehr Macht?
Um die Verkehrsbetriebe Zürich wettbewerbsfähig zu machen. Der öffentliche Verkehr kommt immer mehr unter Kostendruck – in ganz Europa und auch in der Schweiz. Die Bahnreform 2 mit der zwingenden Ausschreibung von Buslinien wird diesen Druck erhöhen. Es ist eine unternehmerische Notwendigkeit auch für die VBZ, sich auf diesen Wettbewerb einzustellen. Wenn wir es nicht tun, verlieren wir ständig Buslinien wie kürzlich wieder im mittleren Glattal.

Warum sind die VBZ nicht wettbewerbstauglich?
Weil wir in die Stadtverwaltung eingebettet sind und wesentliche Kostenelemente nicht selber bestimmen können.

Hätten Sie die VBZ gern ausgegliedert?
Das ist kein Wunsch, sondern eine Notwendigkeit. Wobei es nicht nur um Lohnsenkungen geht, sondern um die Anstellungsbedingungen im Gesamten. Ich mag dem VBZ-Personal die sehr guten Arbeitsbedingungen gönnen, aber die sind halt schlecht für den Wettbewerb.

Haben Sie die Ausgliederung aus der Stadtverwaltung denn konkret vorgeschlagen?
Wir haben das mit dem Stadtrat diskutiert. Er sieht das Problem, hält eine Ausgliederung aber politisch für unmöglich.

Aber das haben Sie doch gewusst, als Sie den Posten antraten.
Ja, den Vorwurf muss ich mir wohl gefallen lassen. Es wurde bei den Anstellungsgesprächen auch thematisiert, aber letztlich offengelassen. Wenn man beruflich in einem solchen System mit den vielen Vorgaben aufwächst, kann man damit leben. Aber ich komme aus der Privatwirtschaft und lernte im Wettbewerb zu bestehen. Ich kann nicht nur verwalten und mir eine Buslinie nach der anderen nehmen lassen. Vor den VBZ war ich bei Siemens Leiter einer Firma für Informatiksysteme im öffentlichen Verkehr und bewegte mich auf dem hart umkämpften internationalen Markt. Und das machte es für mich dann so schwierig bei den VBZ: Wissen, dass man günstiger sein könnte, daran aber nichts ändern kann.

Was ist denn so schlimm daran, wenn die VBZ nicht mehr in der Region herumkurven?
Weil das immer weiter geht. Jede Ausschreibung macht klar, dass andere günstiger sind. Es gibt keinen Grund, warum der ZVV, der die Transportaufträge vergibt, vor den Stadtgrenzen Halt machen sollte. Nicht morgen, aber vielleicht in zehn Jahren.

Unvorstellbar: Zürcher Trams werden nicht mehr von den VBZ gefahren.
Schauen Sie sich die Glattalbahn an. Die wird von uns gefahren, aber die Marktverantwortung liegt bei den Verkehrsbetrieben Glattal. Man könnte die VBG als eine Speerspitze des ZVV sehen, um die VBZ wirtschaftlich in die Schranken zu weisen: Seht her, es geht kostengünstiger.

Wer sonst könnte die Trams fahren?
Noch gehören die Fahrzeuge uns. Aber wenn es eine Ausschreibung gäbe, dann würden die Trams zum neuen Betreiber wechseln. Es ist langfristig denkbar, dass die Trams von Angestellten von privaten Transportunternehmen gesteuert werden. Solche Firmen gibt es im Ausland. Noch ist dieses Risiko klein, aber es ist da.

Letztlich vergibt der ZVV die Transportaufträge. Nimmt er die VBZ überhaupt ernst?
Ernst schon, aber seine Aufgabe ist, ein Angebot möglichst wirtschaftlich zur Verfügung zu stellen. Das erzeugt Spannungen – zwangsläufig bei diesem Konstrukt: Er hat die Budgethoheit, und wir haben die Einbettung ins städtische Lohnsystem. Das führt regelmässig zu Diskussionen bei unterschiedlichen Lohnerhöhungen.

Wie müsste der ZVV reorganisiert werden?
Die Verkehrsunternehmen müssten mehr unternehmerische Freiheit haben. So wie es heute läuft, sind wir reine Kostenverursacher, alle Einnahmen landen direkt beim Verbund. Dadurch fehlt den Verkehrunternehmen der Anreiz, mutig neue Projekte anzugehen und zusätzliche Einnahmen zu generieren.

Als Chefbeamter verdienten Sie etwa 210'000 Franken im Jahr. Hat Ihr Abgang auch mit dem Lohn zu tun? Verdienen Sie im neuen Job mehr?
Ich habe noch keinen neuen Job, erst ein paar Möglichkeiten.

Sie sind aber mutig: ins Leere kündigen.
Mut? Nein, es ist eher konsequent.

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Erstellt: 12.06.2009, 19:39 Uhr

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