Der alternative Immobilienkönig

Früher besetzte Steff Fischer Liegenschaften, heute verwaltet er sie. Und erfindet sie neu.

Er hat die Kontakte: Steff Fischer provoziert wie ein Künstler, rechnet wie ein Buchhalter und lebt wie ein Student.

Er hat die Kontakte: Steff Fischer provoziert wie ein Künstler, rechnet wie ein Buchhalter und lebt wie ein Student. Bild: Dominique Meienberg

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Steff Fischer betritt den Raum, in dem sich Generäle einst Kanonen vorführen liessen. Der Waffen-Showroom im früheren Sitz des Rüstungskonzerns Oerlikon Bührle ist heute ein Kunstsalon, und das Gebäude in Seebach heisst jetzt «Love, Peace & Happiness».

Steff Fischer (54), schwarz gekleidet, Freitagtasche, Marlboro zwischen Zeige- und Mittelfinger, kann sich bei dieser Pointe ein Grinsen nicht verkneifen. Von ihm stammt der neue Name, und er hat den Auftrag erhalten, den leer stehenden Komplex mit Leben zu füllen.

«Er kennt die Welt der Freaks»

Fischers Fischer AG Immobilienmanagement ist in Zürich die Spezialistin für Zwischennutzungen und alternative Immobilienprojekte. Wenn die Stadt die Amag-Garage in Schwamendingen übernimmt und sie in ein Kleingewerbezentrum verwandeln will, ruft sie Fischer an. Wenn die SBB ihr Grossprojekt Europaallee beim Hauptbahnhof mit einer Lädeli-Strasse anreichern wollen – Fischer ist zur Stelle. Und wenn die Swiss Life für einen Neubau Mieter aus der Kreativszene sucht – Fischer hat die Kontakte.

Robert Gubler, Geschäftsführer der Vereinigung Zürcher Immobilienunternehmen, sagt: «Fischer kennt die Welt der Freaks, weil er selber einer war.» Um diesen Satz zu verstehen, muss man die Zeit weit zurückdrehen – bis zu jenen Tagen, als Steff Fischer nichts weiter besass als seine Unterhose.

Bewegte Vergangenheit

Fischer zog 1975 als 18-Jähriger aus Fällanden nach Zürich. Die Jugendbewegung riss ihn mit, er lebte in besetzten Häusern und Kollektiven. «In einer Kommune schafften wir das Privateigentum ab. Wir hatten einen gemeinsamen Schlafsaal und führten Debatten über die Vergemeinschaftung unserer Unterwäsche.» Nebenbei jobbte er als Buchhändler. Als im Mai 1980 vor dem Opernhaus Baulatten und Gummigeschosse flogen, war er mittendrin.

Das Entscheidende geschah dann aber draussen auf dem Land: Die Gemeinde Fällanden teilte ein Grundstück der Familie Fischer in die Kernzone um – ein Geschenk. Mit Vater und Bruder zog Fischer ein von Kommunen inspiriertes Wohnprojekt auf; «die rote Fabrik von Fällanden» nannten es die Leute. Fischer: «Wir haben damals alle Fehler gemacht, die man machen kann.» Aber 1988 war das Haus trotz Bauschäden und Anwälten fertig, und Steff Fischer hatte seine Lebensaufgabe gefunden.

Die «Kommune light» in Wiedikon

Danach dauerte es fast zehn Jahre bis zum nächsten geglückten Projekt. Fischer war zwar dabei, als in besetzten Häusern am Stauffacher die Idee aufkam, eine Grosskommune zu gründen. Aber daraus wurde nichts: Die Häuser wurden abgerissen. Fischer und Freunde forderten von der Stadt eine andere Lösung. Diese bot ein Grundstück in Altstetten an. Dagegen ergriff die SVP das Referendum – und gewann die Abstimmung hauchdünn. Der Traum vom kollektiven Wohnen schien 1994 geplatzt.

Wenig später bot sich aber eine Gelegenheit: Ein Bürogebäude in Wiedikon stand zum Verkauf. Fischer und Co. griffen zu. Daraus wurde das Wohnhaus Karthago, eine «Kommune light». Seit 1997 wohnen dort in neun WGs 50 Leute, die sich eine Küche teilen. Fischer lebt bis heute da. Er sagt: «Karthago war der Knopf in der Leitung. Erst als dieser Traum wahr geworden ist, hatte ich den Kopf frei für Neues.»

Am 1. Januar 1997 gründete er seine eigene Immobilienfirma.

Neues Image, sexy Name

Das Taxi, das Fischer bestellt hat, quält sich durch den Feierabendverkehr. In der Binz hält es vor dem Gebäude, das «Supertanker» heisst. Ein weiteres Fischer-Projekt. Hier hat sich der Chef im obersten Stock einen Sitzungsraum einbauen lassen, der gleichzeitig Loft ist. Hier präsentiert er Kunden Ideen, und hier liegt er bisweilen in einer versteckt platzierten Badewanne und geniesst den Ausblick über Zürichs Dachterrassen. An der Klingel steht: «Himmelreich».

Drinnen bereiten fünf Angestellte das Weihnachtsessen vor. Es gibt viel zu tun, nicht zuletzt, weil die Firma einen Wachstumsschub hinter sich hat. Fischer zählt auf: Projekte, Bewirtschaftung, Unterhalt, Beratung, Vermittlung. 14 Jahre nach der Gründung arbeiten 40 Leute für ihn.

Eine davon ist Iris Vollenweider. Sie ist schon länger dabei, neu ist sie auch an der Firma beteiligt. Auch sie stand 1980 auf der Strasse. Eine Vergangenheit, die verbindet. Gemeinsam haben Fischer und Vollenweider eine Methode entwickelt, die sie auf die meisten ihrer Projekte anwenden: statt teurer Renovationen nur das Nötigste machen. Die Mieten tief halten und die Mieter netzwerken lassen. Dem Gebäude ein neues Image und einen sexy Namen geben.

Kritik aus links-grünen Kreisen

In der Vergangenheit hat das funktioniert, doch heute stellen sich auch Fragen. Beim Gewerbeneubau «Tatort» in Affoltern herrscht Planungsstopp wegen Mehrkosten, und bei «Love, Peace & Happiness» läuft die Vermietung zäher als gewünscht. Fischer wiegelt ab, das sei normal. Dann fügt er an: «Ich muss mich aber damit abfinden, dass ein Projekt einmal nicht funktioniert.»

Ebenso muss sich Fischer Kritik anhören. Sein Engagement beim SBB-Projekt Europaallee sorgte in links-grünen Kreisen für Kopfschütteln. AL-Gemeinderat Walter Angst sagt: «Die SBB stellen beim Hauptbahnhof eine Reihe von Betonklötzen hin. Auch wenn Steff Fischer für diese nicht verantwortlich ist: Es wirkt für viele Quartierbewohner zynisch, dass er nun dort eine ‹Alibi-Ladenstrasse› hinstellt.» Fischer hält dagegen: Das Wichtigste sei, dass beim Hauptbahnhof ein lebendiger Stadtteil entstehe, und dafür sei seine Idee mit Läden an der Lagerstrasse das richtige Mittel. «Vielleicht sind wir tatsächlich das Feigenblatt der SBB – so what? Besser als ein totes Quartier ist das allemal.»

In der Studentenbude

Es ist dunkel geworden. Steff Fischer macht sich auf den Weg nach Hause. Zu Fuss. Den Führerausweis hat er nie gemacht, und für das Velo ist es zu kalt.

Im Karthago wohnt er mit Adi, seinem langjährigen WG-Partner. Der sagt: «Steff ist der Silberrücken, ich bin der Nette.» In der Wohnung herrscht Chaos – es wird umgebaut. Fischers 17-jährige Tochter, die abwechselnd bei ihm und seiner Frau aufgewachsen ist, wird in den nächsten Tagen fest einziehen.

Fischers Zimmer erinnert an das eines Architekturstudenten. Schmales Bett, ein Schrank voller schwarzer Kleider, eine Nachttischlampe – viel mehr besitzt er nicht. Eigentlich wie früher, als er von Kommune zu Kommune zog. Aber nur fast: «Ich habe eine Putzfrau», sagt er. Und eine Firma mit 40 Angestellten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2011, 07:10 Uhr

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