Der gigantische Tati
Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 04.01.2010
Ein lang verkanntes Meisterwerk: Jacques Tatis Film «Playtime».
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Der Mann steht am Tisch im nüchternen Sitzungszimmer, schaut die Filmrolle an, wie man sonst nur die nackt ins Laken gehüllte Geliebte anschaut, dann sagt er: «Und wenn man dann dank der grandiosen Tiefenschärfe sogar die einzelnen Bleistifte auf den Pulten erkennt, ist das nichts als magisch.»
Für Filmgourmets
Der Mann heisst René Moser. Er ist Koprogrammleiter des Kinos Xenix – und in dieser Funktion dafür verantwortlich, dass Filmgourmets (und solche, die es werden wollen) heute Abend bei der Vorführung von Jacques Tatis Meisterwerk «Playtime» sogar die einzelnen Bleistifte auf den Pulten erkennen können.
Der Film ist die Krönung der Tati-Retrospektive, die derzeit im Sofakino zu sehen ist. Seine Besonderheit: Der französische Regisseur und Filmpoet hatte ihn 1967 nicht im gängigen 35-, sondern im kostspieligen und seltenen 70-Millimeter-Format gedreht. Eine Folge davon ist ein spektakuläres Seherlebnis, das Moser mit «der Unterschied zum Standard-Format ist ähnlich frappant wie derjenige zwischen VHS und Bluray» umschreibt. Die Aufführung hat aber noch andere Konsequenzen. Solche, die nicht auf Anhieb erkennbar sind, weil sie sich im Hintergrund abspielen. Konkret: Das Projekt «Playtime» ist nicht bloss ein cineastisches Monument, seine Realisierung erfordert auch einen gigantischen logistischen und finanziellen Aufwand.
30 Mannstunden Aufbauarbeit
René Moser verrät, dass sich am Montagmorgen um 9 Uhr sieben Männer am Hintereingang des Volkshauses treffen werden. Der wichtigste ist der Camionneur, der die aus Hamburg kommende Vorführtechnik abliefern muss. Der Projektor sowie die moderne Tontechnik – bei der aufwendigen Restaurierung des Films im Jahr 2002 wurde der Sound digitalisiert – stapeln sich auf sechs Europaletten, zusammen wiegen sie mehr als 1300 Kilogramm. Die Männer zwei und drei sind der deutsche Vorführspezialist Christopher Mondt (von seiner Firma stammen auch die gemieteten Apparate) und sein Assistent; sie werden das Einrichten der Technik koordinieren. Der Rest der Crew schliesslich besteht aus vier Xenix-Leuten, die anpacken und schuften werden. Moser hat für den Aufbau etwa 30 Mannstunden einkalkuliert – «falls alles rund läuft».
Erinnerungen ans Kino Apollo
Kommen wir zum Budget. René Moser lacht und sagt, da müsse er rasch den Ordner holen. Zwei Minuten später hält er die Zahl bereit. «Es sind rund 17'000 Franken. Doch da ist alles dabei: Technik, Löhne, Hotelübernachtungen, Transport, Filmgebühren...– und natürlich die Miete des Volkshauses.» Für den Laien klingt das nach einer exorbitant hohen Summe – gerade wenn man bedenkt, dass «Playtime» nur ein einziges Mal aufgeführt wird. «Stimmt», sagt Moser, «das ist viel Geld. Aber als wir entschieden, ein integrales Tati-Programm zu zeigen, war klar, dass wir keinesfalls auf diese Kopie verzichten können.»
Hauptgrund für die hohen Kosten, sagt Moser, sei das Fehlen eines entsprechend eingerichteten Saales in Zürich. «In den nicht mehr existierenden Kinos Apollo und Ritz beim Stauffacher liefen früher immer wieder 70-Millimeter-Filme, auch im Cinemax 1 hatte man diese Technik, aber das ist leider vorbei.» Wer heute einen Film im Königsformat zeigen wolle, müsse sich das passende Lichtspieltheater selbst «bauen», so Moser. «Oder zum Christen gehen.» Er lacht. Und erzählt, dass Jürg Christen, ehemaliger Operateur des Kinos Apollo, im Keller seines Elternhauses tatsächlich ein 70-Millimeter-Kino eingerichtet habe, sogar eines mit zwei Projektoren, damit er überblenden könne. «Allerdings hat es dort nur fünf Sessel, das wäre für unser Tati-Programm doch etwas klein gewesen.»
Fürwahr, den im Volkshaus werden ganze 650 Personen Platz finden – und, das ist Moser wichtig – für die Zürcher Erstaufführung dieser Filmversion uneingeschränkte Sicht auf die Leinwand haben. Und weil man mit der einzigartigen Tati-Soiree auch gleich noch das «30 Jahre Xenix»-Jubiläumsjahr lanciert, wird vor Filmbeginn auch noch parliert. Der abtretende Zürcher Kulturchef Jean-Pierre Hoby wird Danke und Adieu sagen, derweil Filmjournalist Gerhard Midding zu erklären versucht, wieso die erkennbaren Bleistifte auf den Pulten tatsächlich magisch wirken.
«Playtime», 4. Januar, 20 Uhr, Volkshaus, 25 Franken. Tickets sind nur noch an der Abendkasse des Volkshauses ab 18.30 Uhr erhältlich.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.01.2010, 04:00 Uhr






