«Die Arbeitsbedingungen der Prostituierten erinnern an Sklaverei»
Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 20.08.2009
«Zuhälter mit weissen Limousinen und Goldkettchen gibts im Film aber nicht am Sihlquai»: Michael Herzig. (Bild: TA)
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Flora Dora
Flora Dora ist eine mobile Frauenberatungsstelle der Stadt Zürich. Die Mitarbeiterinnen von Flora Dora sind regelmässig im Gebiet des Strassenstrichs unterwegs und mit einem Bus am Sihlquai präsent. Sie unterstützen die Prostituierten bei der Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitssituation und helfen bei der Verhinderung von Gewalt. Durch die aufsuchende Sozialarbeit verfügt Flora Dora über sehr gute Szenenkenntnisse und nimmt Veränderungen und Trends am Strassenstrich frühzeitig wahr.
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Herr Herzig*, am Sihlquai gehen derzeit nicht nur zahlreiche Prostituierte auf den Strich. Auch ihre Zuhälter scheinen aus Seitenstrassen heraus die Situation zu kontrollieren. Ist das so?
Es ist teilweise so. Angestammte Prostituierte, die schon seit längerer Zeit am Limmatquai anschaffen, haben meist keine Zuhälter. Ungarische Prostituierte – es sind fast ausschliesslich Roma-Frauen – schaffen organisiert an. Nur wenige unter ihnen arbeiten auf eigene Faust.
Wer sind diese Zuhälter?
Klassische Zuhälter mit weissen Limousinen und Goldkettchen gibts im Film, aber nicht am Sihlquai. Hier sind es Roma-Clans, Familiensippen, die die Frauen in die Schweiz bringen, wo sie dann mit einer auf 90 Tage beschränkten Aufenthaltsbewilligung auf den Strich gehen. Ist die Bewilligung abgelaufen, werden sie in ein weiteres europäisches Land gebracht.
Unter welchen Bedingungen arbeiten die Roma-Prostituierten?
Sie stehen meistens unter Bewachung der Clans und haben wenig Spielraum. Wie viele Sippen vor Ort anschaffen, lässt sich nicht genau sagen. Sie sind relativ diskret am Werk, aber man nimmt sie schon wahr. Die Lebensbedingungen der Frauen sind allerdings für unsere Verhältnisse unterdurchschnittlich. Das erinnert manchmal an Sklaverei.
Können Sie denn überhaupt mit diesen Prostituierten in Kontakt treten?
Mittlerweile schon. Wir arbeiten seit drei Jahren mit ungarischen Dolmetscherinnen zusammen. Auch Piktogramme helfen bei der Kommunikation mit den Frauen. Aber mit Deutsch kommt man nicht weiter.
Mit welchen Problemen gelangen die Prostituierten an Sie?
Meistens werden Themen rund um Gesundheit, Verhütung oder Krankheitsprophylaxe besprochen. Es geht aber oft auch um Gewalt.
Gewalt durch die Zuhälter?
Das gibts garantiert auch, aber davon hören wir nur sehr wenig. Für die Frauen war es schon immer gefährlich auf dem Strassenstrich. Wir versuchen daher, den Prostituierten bei der Gewalt durch Freier zu helfen. Wenn eine Frau ein Gewalterlebnis mit einem Freier hatte, dann warnen wir die anderen. Wir geben eine Broschüre ab, in der wir die gewalttätigen Personen beschreiben und die Autonummern angeben. So versuchen wir, weitere Vergewaltigungen zu verhindern.
Und die Verfolgung der Täter?
Eine Gewalttat kann nur verfolgt werden, wenn eine Anzeige erstattet wird. Hierzu motivieren wir unsere Klientinnen. Es ist aber leider so, dass es bei solchen Gewaltdelikten mehrheitlich zu Freisprüchen kommt. Die Erfolgschancen sind in der Regel gering. Meistens verlieren die Opfer.
Wie hat sich die Situation am Sihlquai durch die Roma-Prostituierten verändert?
Der Konkurrenzdruck ist grösser geworden. Heute müssen die Frauen mehr Freier bedienen, um gleich viel Geld zu verdienen wie früher. Ein solcher Druck führt immer zu einer Verschlechterung der Situation, denn die Organisationen hinter den Prostituierten senken die Vorgabe der Rendite nicht. Um an Geld zu kommen, wird immer öfter auch unsauber gearbeitet.
Ist ein Ende dieser angespannten Situation absehbar?
Nein. In den letzten drei Jahren haben wir eine stete Zunahme der Roma-Prostituierten am Sihlquai festgestellt. Das ist nicht über Nacht passiert und wird sich auch nicht von einem Tag auf den anderen wieder ändern. So lange das Geld stimmt, wird es ungarische Prostituierte geben, die hier anschaffen. Denn auch mit relativ niedrigen Preisen verdienen diese Frauen bzw. ihre Hintermänner hier besser als in ihrer Heimat.
*Michael Herzig leitet den Geschäftsbereich Sucht & Drogen im Sozialdepartement der Stadt Zürich. Dazu gehört auch die Frauenberatung Flora Dora. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.08.2009, 08:35 Uhr






