«Die Aufwertung des Niederdorfs hat die Bevölkerung verändert»

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 30.03.2010 3 Kommentare

Der Architekturkritiker Benedikt Loderer geht in Pension. Mit dem «Tages-Anzeiger» machte er seine letzte Wanderung durch die Zürcher Altstadt – und verrät, welches das interessanteste Quartier ist.

Intensiver Beobachter und scharfsinniger Analytiker: Benedikt Loderer.

Dominique Meienberg

Loderer zu Stichworten

Wichtige Bauten in Zürich «Das sind der Bahnhof Stadelhofen, der Bahnhof Hardbrücke und der Tiefbahnhof.»

Zürichs Wahrzeichen «Die leere Bahnhofshalle.»

Leuchttürme «Dieses Gegränne, Zürich brauche Leuchttürme wie das Luzerner KKL, ist Gewäsch. In Zürich hat sich in den letzten Jahrzehnten die interessanteste Wohnbauszene der Schweiz, vielleicht sogar von Europa, entwickelt. Die herkömmliche Bauweise hat sich aufgelöst, sehr spannende Grundrisse wurden entwickelt.»

Bilbao «Die Touristen schauen sich das Guggenheim-Museum an, und das wars dann auch schon. Anders als Zürich hat die Stadt sonst nichts zu bieten. Es ist nur ein verrostetes, kaputtes Kaff in einem Bergschlitz.»

Verdichten «Man kann nicht 10'000 Wohnungen bauen und meinen, man sieht sie nachher nicht.»

Einsprachen «Der grösste Bauverhinderer ist nicht der VCS, sondern der Nachbar. Je höher die Advokatendichte in einem Quartier, desto höher die Zahl der Einsprachen. Manchmal machen sie aber auch nur die hohle Hand und geben zu erkennen, dass sie für einen 50er die Einsprache zurückziehen. Am übelsten war es damit beim Projekt Forsterwiese am Zürichberg – dieselben, die gegen das Projekt Einsprache erhoben haben, haben wohl auch der Abschaffung des Verbandsbeschwerderechts zugestimmt.»

Zürichs interessantestes Quartier «Das ist ganz klar Zürich West. Neu war hier, dass man ein grosses Gebiet hatte, auf dem man planen konnte – weil es hier keine Nachbarn gab, die reklamierten. Der Wohnanteil ist hier aber nach wie vor zu klein.»

Stadtplanung «Die Stadt wird nicht über Zonenpläne entwickelt, sondern über die Verkehrsplanung. Zürich ist heute so gross wie das S-Bahn-Einzugsgebiet.»
(jho)

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«Die Randständigen, die Originale und die Arbeiter, sie sind alle weg», stellt Benedikt Loderer nüchtern fest. Auch die Dame des horizontalen Gewerbes, die im kleinen Park neben seinem Haus ihr Tag- respektive Nachtwerk verrichtete. Sie sind gestorben oder vom Niederdorf irgendwo in die Anflugschneise in Zürich-Nord gezogen. «Was jetzt im Seefeld geschieht, hat die Altstadt bereits hinter sich», sagt er. Sie ist von einem Unterschicht- zu einem Oberschichtquartier geworden.

Das ist die Bilanz von Loderers Stadtwanderung mit dem TA – seiner letzten. Loderer, Stadtwanderer, «Hochparterre»-Redaktor und profiliertester Architekturkritiker der Schweiz, geht in Pension. Vor 26 Jahren hat er sich für den «Tages-Anzeiger» zur ersten Stadtwanderung aufgemacht. Was er danach zu Papier brachte, war damals nicht Usus; da schrieb einer in einfachen Worten über Architektur und fand so über die Fachkreise hinaus Gehör.

Scharfzüngiger Stadtwanderer

Loderer bezog klar und zunehmend scharfzüngig Stellung – und trat in all den Jahren vielen auf die Füsse. «Es sind wohl manche froh, dass ich nicht bis 80 weitermache», sagt Loderer. «Aber wenn ich der beliebteste Junge in der Klasse hätte sein wollen, hätte ich als Sportmoderator zum Schweizer Fernsehen gehen müssen.»

Er wurde Stadtwanderer und steht vor der Obmannamtsgasse 11, einem schmalen Bau, eingequetscht in eine Häuserzeile nahe beim Hirschengraben. Hier hat Loderer Fuss gefasst, als er in den 70er-Jahren als Student von Bern nach Zürich kam. Er wohnte bei der Frau Lüthi, die in ihrem Haus Bauarbeiter, Eisenleger und Randständige beherbergte. Die Eisenleger wohnten in einer Baracke im Hinterhof in einem Massenschlag, Loderer in einem einfachen Zimmer unter dem Dach. Er war jung und mochte die Kanister mit Öl für seinen Ofen noch nach oben tragen; eine Zentralheizung gab es nicht. Die rund 20 Leute im Haus teilten sich WC und zwei Duschen, dafür war die Miete günstig: 200 Franken, inklusive Abendessen, das Frau Lüthi jeweils auf den grossen Tisch im Keller stellte.

Kritik an den Aargauern

Loderer bewegt sich im Niederdorf wie in seiner eigenen Wohnung. Zielstrebig und ohne sich zu orientieren, biegt er einmal nach rechts, einmal nach links ab, geht durch Gassen, in die sich kein Auswärtiger verirrt. Manchmal schaut jemand aus einem Fenster und dann winkt er Loderer zu. 40 Jahre hat er im Niederdorf gelebt, in sechs verschiedenen Wohnungen – und in zwei Bars: Im Winter in der Tina Bar, im Sommer sass er auf der Holzbank vor der Lucy’s-Bar und hielt das Gesicht an die Sonne. «Hier kamen zwar weniger Leute vorbei als an der Niederdorfstrasse, dafür die spannenderen.»

Auf dem Weg zu seinen Wohnsitzen Nummer zwei bis fünf läuft er durch die Niederdorfstrasse und teilt dabei in bester Loderer-Manier aus; er kritisiert den früheren Stadtrat Hugo Fahrner, der es zugelassen hat, dass Altstadthäuser ausgehöhlt worden sind, und er kritisiert die Aargauer, die am Wochenende über das Niederdorf herfallen und überall an die Hauswände «schiffen». «Niederdörfler würden das nie tun!»

Kampf gegen «Verhäuselung»

«Loderer ist ein Unruheherd. Man muss das ertragen», sagte der Zürcher Stararchitekt Theo Hotz dem TA vor der Stadtwanderung. Dennoch sei es gut, dass es ihn gebe. Er sei einer, der «hinsteht und das Fähnlein hochhebt», einer, der unabhängig ist und Eigeninteressen hintanstellte. Hotz hat ihn manchmal zum Mittagessen getroffen – und mit ihm gestritten. «Aber Loderer weiss, was Streitkultur ist.» Er hat laut Hotz viel für eine «anständige Architektur» getan. Er habe die «Verhäuselung» bekämpft und den Weg für eine städtischere Stadt geebnet. «Die Architekten können ihm Danke sagen.»

Schipfe 39, letzte Station. Hier lebte Loderer, bis er vor zwei Jahren nach Biel übersiedelte. Es ist der beste Wohnort, den er sich in Zürich vorstellen kann. Hier am Morgen beim Frühstück «zu hocken» und auf den «Bach» hinauszuschauen, das sei grossartig. Und am Abend sei er noch immer heimgekommen, hätte nach einem Umtrunk nie in ein Auto sitzen müssen – das er hier ohnehin nicht brauchte.

Luxuswohnungen statt Studentenbuden

Die Schipfe 39 sei quasi die Spitze seines sozialen Aufstiegs. Dennoch ist er nun in Biel. Er hat vor zwei Jahren geheiratet und zusammen mit seiner Frau, einer Bielerin, in der Altstadt eine Wohnung gekauft. Dort habe er für den halben Preis doppelt so viel Wohnfläche bekommen wie im Niederdorf, erklärt er. Hier könnte er sich diese Wohnung nicht mehr leisten. Die Bieler Altstadt sei wie jene in Zürich vor 50 Jahren, als sie noch ein Quartier für arme Leute war. Kaum jemand investiert dort in die Liegenschaften, weil in der Altstadt kaum Geld vorhanden ist. Die Kaufkraft sitzt wie früher in Zürich ausserhalb des alten Kerns in den modernen Wohnungen.

Die Aufwertung des Niederdorfs hat die Bevölkerung verändert. Laut Loderer wohnen heute noch zwei Gruppen von Leuten hier: Normalverdiener, die in einer zahlbaren Wohnung der Stadt leben, und Gutsituierte. Letztere beteiligen sich kaum am Quartierleben; oft sind sie auch gar nicht in Zürich, weil ihre Wohnung im Niederdorf nur ihr Pied-à-Terre ist. Sie leben in Häusern wie der Brunngasse 2, wo Loderer zuvor abrupt stoppte: «Früher wohnten hier Studenten, jetzt hat es hier Luxuswohnungen.» Das Haus ist frisch renoviert, blutrot gestrichen und wirkt wie ein italienischer Palazzo. Durch die Aufwertung sei das Quartierleben ausgedünnt worden, konstatiert er und sieht auch Vorteile: Die ganze Altstadt ist einmal gründlich renoviert worden.

Was tut Loderer nun in Biel? Wird er sich tatsächlich zur Ruhe setzen? Er wisse es nicht, sagt er. Er werde einmal schauen, was geschehe. Aber: «Nasenbohren ist kein abendfüllendes Programm.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2010, 12:50 Uhr

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3 Kommentare

Theodorus Bos

30.03.2010, 14:03 Uhr
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Als Nachmieter ist es mir eine Ehre hier wohnen zu dürfen. Danke für den Kommentar/Artikel. Stimmt alles genau. Alles gute Benedict Antworten


Andreas Kyriacou

30.03.2010, 14:41 Uhr
Melden

Benedikt Loderer hat die Gentrifizierung der Altstadt im Fall der widersinnigen Vergabe der Winkelwiese an eine Einzelperson gelobt und verteidigt. Die Ernüchterung scheint also aufgesetzt. Es gibt übrigens sehr wohl noch Normalverdiener in der Altstadt, die in Privatliegenschaften wohnen und sich fürs Quartier interessieren . Antworten



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