Die Bahnhofstrasse stürzt sich ins Nachtleben

Während das Nachtleben in Zürichs Westen lahmt, wandelt sich die Bahnhofstrasse zur Ausgehmeile. In den letzten vier Monaten haben gleich vier neue Klubs eröffnet.

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Eine Szene, wie man sie aus Zürichs Westen kennt: Obwohl die Flügeltür seines Autos hochgestellt ist, drückt der junge Angeber aufs Gas. Doch er brettert nicht über den Escher-Wyss, sondern durch die Beatengasse. Kurz vor dem legendären Roxy, dem Zürcher Klub der 80er-Jahre, bremst er ab, und es wirkt, als wolle er ein Zeichen setzen: Wir sind zurück!

Tatsächlich entdeckt sich die Gegend rund um die Bahnhofstrasse derzeit neu, als Klub-Viertel. Vier neue Klubs haben in den letzten eineinhalb Jahren in der City eröffnet: dieses Wochenende das Icon im Augustinerhof, Ende September die Alte Börse in der alten Börse, das Amber beim Hauptbahnhof im Januar, und im Bally-Haus quartierte sich im März vor einem Jahr das Saint-Germain ein.

Umgekehrt scheint Zürich-West etwas zu lahmen: Bis Ende Jahr schliessen dort mit dem Rohstofflager und der Toni-Molkerei zwei der Klubs, die das ReiseführerImage des Trendquartiers mitgeprägt haben. Den Zeitgeist zieht es nun offenbar zurück in die Stadt. Sehr zum Vergnügen von Markus Segmüller. Der Zürcher fühle sich nicht mehr richtig wohl rund um den Escher-Wyss-Platz, sagt Segmüller. Der Coolness-Faktor sei dort inzwischen weg und die Zürcher nun eben wieder mehr an der Bahnhofstrasse. Und davon profitieren laut Segmüller alle: Klubs und Bars, wie die in seinem Carlton.

Schnöden über die Konkurrenz

Alles in Butter also, und doch fällt auf: Spricht man mit einzelnen Exponenten, wird mit Lust über die Konkurrenz geschnödet. Und vielleicht steckt dahinter auch nur Nervosität. Denn ein Klub zu eröffnen ist das eine, ihn erfolgreich zu betreiben etwas anderes. So meint einer, dass jener Klub den Glanz von früher verloren habe. Ein Zweiter freut sich, dass der Abend, den einer kopiert habe von ihm, nicht funktioniert. Ein Dritter erzählt, wie spinnefeind sich zwei andere sind, und der Vierte, der legt die Gelassenheit des Platzhirsches an den Tag: «Mehr Leute, mehr Gäste. Für uns ist die Situation lässig», sagt Mark Röthlin vom Kaufleuten; dem Klub, der in den 90ern das Roxy als In-Klub ablöste. Ob es aber für alle Platz haben werde?, macht Röthlin ein Fragezeichen. Namen will er natürlich keine nennen, einen Pfeil schiesst er doch ab: «Alle reden immer von den noblen Gästen, dabei sind die doch bei uns!»

Tatsächlich scheinen drei der vier neuen Klubs – das Saint-Germain, das Amber und das Icon – auf ein ähnliches Publikum zu zielen. Auf Leute über 25, die genug haben vom Partyleben der Botellón-Jugend. «Viele Gäste haben Lust, sich zu stylen, aber keine Lust, danach neben einem Käppliträger zu stehen», sagt Yven Vogel, und er meine das nicht abschätzig, betont der Ko-Chef des neuen Icon. Ihr Gästekonzept wollen die Icon-Betreiber jedenfalls strikt durchziehen. Die Frage ist nur, gibt es in Zürich genügend Leute, die «well dressed» dem gehobenen Ausgang frönen wollen? Und wo finden sie Gleichgesinnte? Ein Rundgang, der mit einem Barbesuch beginnen soll:

Valmann – Das Klischee: Banker in feinem Tuch feiern sich in der kleinen Bar an der Talstrasse 58 ins Wochenende. Die Realität: Die Einrichtung in dezent dunklen Farbtönen strahlt internationalen Chic aus. Das eher jüngere Publikum in T-Shirt bis Schale hinkt dem kurz nach 22 Uhr hinterher, was das Spektrum jedoch öffnet. Ideal zum Plaudern, wenn die Barfrau aus unerfindlichen Gründen nicht plötzlich die Musik aufdrehen würde. Bier 5.50, Gin Tonic 14.50 Franken.

Amber – Das Klischee: Interessante, schöne Menschen feiern am Bahnhofquai 15 den Freitagabend. Die Realität: Drei Männer sind für den Türsteher zwei Frauen zu wenig. Das Stichwort Presse hilft dann über die Kordel. Drinnen amüsieren sich eher jüngere Normalos in Gruppen und warten um 23 Uhr, bis es richtig losgeht. Höhepunkt eines Abends: ein auf den Namen reserviertes Tischchen. Die dezente Einrichtung erinnert auf den ersten Blick ans Valmann und auf den zweiten an eine Disco; die Musik an Hits, die man auch schon gehört hat. Eintritt 25, Bier 9, Gin Tonic 17 Franken.

Saint-Germain – Das Klischee: Paris Hilton feiert im Dachstock mit Rapper 50 Cent. Die Realität: Draussen vor der Tür scheint man es zu hoffen. Es ist jedenfalls verblüffend, wie still sich die zwei Dutzend jungen Unglamourösen kurz nach Mitternacht auf dem Rennweg-Trottoir verhalten. Ja nicht auffallen, scheint die Devise. Sonst verscherzt man es sich mit dem Türsteher. Was ihn hierherziehe? «Die Stimmung», sagt ein 22-Jähriger. Dann nimmt er Augenmass: Der Dresscode stimme, nickt er anerkennend. Ist nett gemeint, nützt aber nichts, denn auch hier findet der Gatekeeper: Drei Männer sind zwei Frauen zu wenig.

Icon – Das Klischee: Gestylte, schöne Menschen zelebrieren eine Partynacht. Die Realität: Vor dem Eingang steht ein schwarzer Ferrari, und der Doorman scheint leicht irritiert zu sein, wieso seine Gästeliste die drei Journalisten aufführt, während er das ungleich schickere Pärchen abweisen muss. Drinnen beim Empfang wähnt man sich in einem Luxus-Spa und oben im ersten Stock in einer sehr noblen Kitzbühler Skihütte mit Heinz-Julen-Kronleuchter. Viel blondes Haar und schwarzer Stoff werden ausgelassen durch die Luft geschüttelt. Bier 12, Gin Tonic 19 Franken.

Kaufleuten – Das Klischee: Hier tanzt Zürichs Szene. Die Realität: Hier verschwenden Vorstadt-Jünglinge und -Fräuleins ihre Jugend, und sie tun das sehr ausgelassen. Der Laden ist zum Brechen voll, die Rhythmen gebrochen und der Weg zur Bar zu weit. Eintritt 25 Franken.

Kaufleuten-Festsaal – Das Klischee: An der Talent Night des Filmfestivals tanzen die Filmstars. Realität: Peter Fonda verlässt den Klub gleich bei unserem Erscheinen und muss sich von einem Unbekannten auf die Schultern klopfen lassen. Drinnen erinnern einige etwas in die Jahre gekommene Szenegänger daran, wie es im Kaufleuten früher einmal war. Frage des Abends: Hat Fonda ausser in «Easy Rider» eigentlich noch in anderen Filmen mitgespielt? Eintritt 30, Bier 9, Gin Tonic 17.50 Franken.

Alte Börse – Das Klischee: Szenige Dachkantinengänger haben hier eine neue Zukunft gefunden. Die Realität: Der alte Börsensaal ist verdammt gross, um die Stimmung zum Kochen zu bringen. Der DJ aus London kämpft damit, zur Besuchszeit vergebens. Eintritt 25 Franken.

Diagonal – Das Klischee: Verwitterte Businessleute schäkern mit Russinnen, und die Jeunesse dorée feiert die Aussicht auf ein Leben in Saus und Braus. Die Realität: Verwitterte Businessleute in feinem Sakko und Jeans schäkern mit Russinnen, und die Jeunesse dorée . . . Wer gehört da eigentlich dazu? Der Mann, der eine Champagnerflasche auf dem Kopf balanciert? Das Diagonal ist eine schräge Parallelwelt, und das Wurmloch dahin beziehungsweise der Eingang ist um drei Uhr nicht mal von einem Tür-Gorilla bewacht. Eine «Alles scheint möglich»-Stimmung wabert in dieser Boîte bei der Tonhalle, ausser der Zutritt. Ohne Memberkarte nichts zu machen, sagt die Rezeptionistin und zeigt sich dann doch gnädig. Eintritt 30, Bier 14, Gin Tonic 19 Franken.

Fazit: Punkto Ausgang mit Stil schwingen in dieser Freitagnacht das Icon und das Diagonal obenaus. Beim Icon muss bemerkt werden, dass an der Eröffnungsparty nur geladene Gäste zugelassen waren. Beim Diagonal, dass sich Stil und soziale Grenzen irgendwann in den Cocktailgläsern auflösen, was allerdings auch mit dem späten Besuch zusammenhängen könnte. Ansonsten: Ausgehen in Zürich ist und bleibt teuer – und es ist immer wieder erstaunlich, wie viele unterschiedliche Leute sich die Nacht um die Ohren schlagen. Immer wieder bemerkenswert ist auch die Selbstinszenierung der Klubs draussen vor der Tür. Sie bewegt sich zwischen Abschreckung und Wichtigmachen – vom präventiven Memberkleber zur Drohgebärde des Türstehers, von der edlen Kordel zu «Türschindlers» Namens-liste. Es hat durchaus etwas Beruhigendes, wenn man seinen Namen darauf weiss, und dass es die Leute in der Schlange dann auch wissen, schmeichelt dem Ego. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2008, 08:02 Uhr

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