Die Binz-Besetzer bleiben chancenlos

Den Besetzern der Fabrikhallen in der Binz läuft die Zeit davon. Der Kanton will die Gebäude Anfang Oktober abreissen. Nur ein kleines Schlupfloch bleibt.

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Eine eigene Welt

«Etwas Vergleichbares wie hier gibt es nirgends in Europa», sagt einer der rund 40 dauerhaften Bewohner des besetzten Binz-Areals. Die genaue Anzahl der direkt und indirekt Beteiligten zu bestimmen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Besetzer gehen von rund 100 Leuten aus, die in den beiden Industriegebäuden Uetlibergstrasse 111 und 111b kreativ, sportlich oder handwerklich tätig sind. Es fehlt an nichts: Bibliothek, Velowerkstatt, Sieb- und Offsetdruckerei, Nähatelier, Metallwerkstatt, Turnhalle, Konzertraum mit Bar, Wagenrestaurationshalle und so weiter. In den Hallen stehen Traktoren, umgebaute Busse, Motorräder. Auf dem Areal befinden sich acht selbst gebaute Küchen (eine davon draussen), neun WCs, vier Duschen und eine Kompostieranlage. (alb)

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Über das besetzte Areal in der Binz zu berichten, ist keine einfache Sache. Man kann da nicht einfach hineinspazieren und mit den Bewohnern plaudern. Per Mail muss man sich bei der «Familie Schoch» anmelden. Als Antwort folgt ein umfangreicher Fragekatalog: Kommst du alleine? Kommst du zweimal? Welchen Umfang wird der Bericht haben? Und so weiter. Die Modalitäten müssen genau besprochen werden. Der Gang an die Öffentlichkeit scheint für die Hausbesetzer kein Zuckerschlecken zu sein.

Aber es geht nicht ohne. Denn die Binz- Besetzer kämpfen um das Fortbestehen ihrer Hallen. In den letzten Wochen haben sie mit mehreren Aktionen und einer Homepage (www.binzbleibtbinz.ch) auf ihr Anliegen aufmerksam gemacht.

Areal als Gebrauchsleihe

Angefangen hatte alles vor drei Jahren. Der Kanton als Eigentümer übergab der Stadt das Areal in die Gebrauchsleihe. Die Stadt kündigte den damaligen Mietern, mehreren Kleinunternehmen, und plante einen Freestylepark. Nach dem Auszug der Mieter standen die beiden zusammenhängenden Gebäude an der Uetlibergstrasse keinen halben Tag leer, schon wurden sie von Hausbesetzern eingenommen. Die meisten sind noch heute da. Einsprachen aus der Nachbarschaft verzögerten die Pläne der Stadt, die schliesslich im Sommer 2007 das Freestyleprojekt aufgab. Die Besetzer blieben, die Stadt hatte nichts einzuwenden.

«Wir beleben und nutzen den Ort», sagt einer der Bewohner. Die Binzbewohner erfinden das Hausbesetzen nicht neu, die Forderungen sind die gleichen wie in allen anderen Städten Europas: Freiraum, Selbstbestimmung, Respekt und flache Hierarchien. «Es geht um Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen, was auch physische Räume erfordert», beschreibt es eine Bewohnerin. Die Räume wurden in den letzten drei Jahren zu einem autonomen Spielplatz für Erwachsene umgebaut (siehe Kasten). Dutzende Künstler, Schauspieler, Handwerker und sogar Sportler nutzen das Areal. «Wir sind aber kein Kulturdienstleistungsbetrieb», stellt eine Bewohnerin ernsthaft fest. Man bietet keine Kurse an wie die Rote Fabrik oder das Dynamo. Nur wer von sich aus etwas anpackt, findet hier Platz. Und wer hier wohnen will, muss sich aktiv an der Gestaltung des Wohnraums beteiligen. Alle zwei Wochen trifft man sich zur Sitzung.

Es gibt noch kein Neubauprojekt

Im Juni dieses Jahres lief der Gebrauchsleihvertrag zwischen Kanton und Stadt aus. Bereits im April kündigte der Kanton im Amtsblatt den Abriss der Gebäude an. Am 1. Juli solle damit begonnen werden. Die Besetzer meldeten sich per Brief: Der Kanton kam den Besetzern einen kleinen Schritt entgegen: «Ihr dürft bis Ende September bleiben, dann wird abgerissen.»

Gemeinderat Walter Angst (AL) forderte mit einer dringlichen Anfrage den Stadtrat zum Handeln auf. Dessen Antwort: «Der Stadtrat sieht keine Notwendigkeit, das Gespräch mit dem Kanton zu suchen.» Angst, der einige Binzbewohner persönlich kennt, ist empört: «Das ist ein absolutes Trauerspiel! Die Antwort des Stadtrats ist wohnbaupolitisch unsäglich.» Er stellt drei Forderungen. Erstens: kein Abbruch ohne neues Bauprojekt. Zweitens: Die Stadt muss mit dem Kanton über ein allfälliges Neubauprojekt diskutieren. Drittens: Es müssen Möglichkeiten ausgelotet werden, dass die Binzbewohner bleiben können.

Baubrachen unerwünscht

Ein Neubauprojekt steht noch nicht. Der Kanton hat noch nicht einmal einen Käufer für das Areal gefunden. In der Regel wird in der Stadt auch nichts abgebrochen, solange es noch kein Neubauprojekt gibt. Man will damit Baubrachen verhindern. Darauf setzen die Hausbesetzer, doch die Altlasten in Mauern und Boden machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Weil sich einst eine Metallgiesserei auf dem Areal befand, vermutet der Kanton Schwermetalle im Boden. Bevor die Art der Überbauung des Areals bestimmt werde, müsse laut Dominik Bonderer, Mediensprecher der Baudirektion, der Boden genauer untersucht werden: «Und damit die Untersuchungen durchgeführt werden können, muss das Objekt abgebrochen werden.» Die Abbruchbewilligung liegt nun vor. Diese braucht die Stadtpolizei, um ein Gebäude zu räumen. Der Kanton hat somit den letzten Stolperstein aus dem Weg geschafft.

Für die kantonale Baudirektion ist die Sache soweit abgeschlossen. Ein letzter Akt steht noch bevor: «Das Immobilienamt bemüht sich um einen nächsten Termin mit den Besetzern, um die Modalitäten des Auszugs zu regeln», sagt Sprecher Dominik Bonderer. Nächste Woche sollte das der Fall sein.

Baurechtsvertrag für einen Franken

Derweil bleibt noch eine winzige politische Chance für die Besetzer. Letzte Woche schickten sie dem Kanton ein eigenes Baurechtsgesuch als Kontrapunkt zur Tatsache, dass der Kanton an den Meistbietenden verkaufen will. Die Besetzer wollen das Areal für die nächsten 40 Jahre zu einem Mietzins von einem Franken übernehmen. Da sich aber der Marktwert für das Areal laut Bonderer auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufe, käme eine Einwilligung einer Ausgabe in der entsprechenden Höhe gleich. Darüber entscheiden müsste dann letztlich der Kantonsrat. Doch angesichts der bürgerlichen Mehrheit im kantonalen Parlament, sieht es sehr schlecht aus für die Besetzer der Binz.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.08.2009, 21:14 Uhr

3 KOMMENTARE

thommen jeff

17.08.2009, 10:51 Uhr

wie oben erwähnt: um sondierbohrungen durchzuführen ist kein abbruch notwendig, das ist eine falschaussage. zudem kann das erdreich auch saniert werden ohne die gebäude abzubrechen und altlasten müssen nur dann saniert werden wenn das gebäude abgebrochen wird. des weiteren stellt sich die frage ob herr bonderer bei der berechnung des marktwertes die kosten der altlastensanierung miteinbezogen hat.


pat bertozzi

04.08.2009, 19:39 Uhr

das, was zuerich letzten endes überhaupt urban macht und grossstädterisch, wird plattgewalzt, eingedost und todgeputzt. warum nur diese angst vor dem lebendigen? liegt es daran, weil zuerich, ohne ihre infrastruktur , doch einfach nur ne spiesige kleinstadt ist ?


meier hans

03.08.2009, 17:44 Uhr

für die sondierungen ist doch ein abbruch nicht zwingend. baubrachen sind einfach eine schande in zeiten akuter wohnungsnot.



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