Die FDP im Schockzustand

Mit der Wahl von Richard Wolff stehen in Zürich sieben linksgrüne Stadträte zwei Bürgerlichen gegenüber. Die FDP muss eine schwere Niederlage hinnehmen. Und nennt verschiedene Gründe dafür.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Etwas bleich im Gesicht wirkt Marco Camin, als er gestern Nachmittag ins Stadthaus tritt. Der Wahlverlierer erscheint vor dem Wahlsieger. Kurz davor hat der Wahlkreis 10 seine Zahlen gemeldet und damit Camins sehr knappes Scheitern besiegelt. Insgesamt 685 Stimmen verhalfen Camin-Konkurrent Richard Wolff (AL) zum Sieg. Dröhnt in Stadien nach dem Spielende die Queen-Hymne «We Are the Champions», wäre im Stadthaus wohl «The Winner Takes It All» von Abba angebracht gewesen.

Kaum hat Camin seinen Mantel abgelegt, nimmt ihn Martin Vollenwyder (FDP) beim Treppenaufgang zur Seite und spricht dem Unterlegenen Mut zu für seinen bevorstehenden Gang vor die Mikrofone und Kameras.

Wechselbad der Gefühle

Als kurz nach Mittag ein Wahlkreis nach dem anderen die Ergebnisse verkündet, sitzt Camin mit Parteikollegen im Kirchgemeindehaus Neumünster im Seefeld vor einem grossen Bildschirm. Ein spannendes Rennen. Mal liegt Wolff ein paar Hundert Stimmen vorne, dann übernimmt wieder Camin die Spitze. Dieses ständige Wechselbad der Gefühle habe seine Mitstreiter fast noch mehr Nerven gekostet als ihn selber. Doch am Ende muss sich der 49-Jährige mit der Niederlage abfinden. «Weil die Entscheidung so knapp ist, bin ich doppelt enttäuscht.»

Für sein Scheitern nennt Camin verschiedene Gründe. Es sei ihm nicht genügend gelungen, seine Wähler zu mobilisieren. Auch die Medien seien schuld, so sei es bei der Berichterstattung über «Büroklammern statt um Inhalte» gegangen und der «Tages-Anzeiger» habe quasi dazu aufgerufen, nicht wählen zu gehen. Ob er 2014 noch einmal antritt, lässt Camin offen. Er habe viele Ideen in seinem Kopf. Mehr will er dazu nicht sagen.

Ein Fotofinish, aber kein Zufallsentscheid

Dass an seiner Stelle Richard Wolff in den Stadtrat ziehe, sei für die Investoren und die Sicherheit Zürichs schlecht. Martin Vollenwyder bezeichnete die Wahl des AL-Kandidaten als eine «Abkehr von der vernunftbegabten Politik». Er sei eher traurig als enttäuscht. Jetzt riskiere die Stadt, in die Zeit der Grabenkämpfe der 1990er-Jahre zurückzufallen. Nur für die Medien sei die Ausgangslage ein gefundenes Fressen.

FDP-Präsident Michael Baumer spricht von einem Fotofinish, ein Zufallsentscheid sei das Ergebnis aber trotzdem nicht. Er befürchte, dass es angesichts der anderen Mehrheitsverhältnisse im Parlament vermehrt zu Blockaden und Referenden komme.

Martelli hofft auf 2014

Blaue Ballone markieren den Weg zum FDP-Wahlzentrum im Kirchgemeindehaus Neumünster im Seefeld. Zu feiern gibts nichts, stattdessen wird bei Pasta, Flammkuchen und Schokoladencreme eifrig über den Wahlausgang diskutiert. Die Stimmung ist nicht gedrückt, die FDP-Mitglieder geben sich kämpferisch – und auch selbstkritisch. «Wir müssen eine grosse Auslegeordnung machen und über die Bücher gehen», sagt die ehemalige Stadträtin Kathrin Martelli. Im Hinblick auf die Gesamterneuerungswahl müsse der Evaluationsprozess diesmal früher gestartet werden. Sie wünsche sich auch eine Zweierkandidatur, am besten mit einer Frau und einem Mann.

«Ich kann sehr gut nachfühlen, wie es Marco jetzt geht», sagt Martelli, die 2009 bei der Wahl ins Stadtpräsidium gegen Corine Mauch (SP) unterlag. Martelli sass während 16 Jahren im Stadtrat und kennt die Mechanismen und Machtspiele genau. Sie ist sich sicher, dass sich bis zu den Erneuerungswahlen in rund 10 Monaten nicht viel bewegen wird. «Jeder versucht, seine Positionen zu halten.» An einen geschlossenen bürgerlichen Auftritt wie bei den Regierungsratswahlen 2007 glaubt sie nicht. Damals warben SVP- und FDP-Kandidaten mit dem Slogan «4 gewinnt». «Man muss den Parteien Freiheiten lassen», sagt Martelli. Den verlorenen FDP-Sitz 2014 zurückzuholen, sei schwierig, aber nicht unmöglich.

«Zuerst das Wahlergebnis analysieren»

André Glauser war Wahlkampfleiter von Marco Camin. Auch im Nachhinein würde er nicht viel ändern an der verfolgten Strategie. In der ersten Phase sei es darum gegangen, Camin bekannt zu machen und vorzustellen, was zweifelsfrei gelungen sei. Danach hätte man seine Positionen vielleicht noch besser ins Zentrum rücken sollen.

Für FDP-Gemeinderat Marc Bourgeois gibt es vor allem einen Grund, warum Marco Camin nicht in den Stadtrat einzieht. «Der ‹Tages-Anzeiger› führte eine Schmutzkampagne gegen Camin.» Dem widerspricht Parteikollege und Nationalrat Filippo Leutenegger vehement. Dafür könne man den Tagi, aber auch andere Medien nicht verantwortlich machen. «Wir haben zu wenig mobilisiert», sagt Leutenegger.

Will er in 10 Monaten selber kandidieren? «Wir müssen zuerst eine breite Auslegeordnung machen und das Wahlergebnis analysieren.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.04.2013, 06:40 Uhr)

Artikel zum Thema

«Die SVP hat zu Camins Misserfolg beigetragen»

Der AL-Politiker Richard Wolff hat seine Wahl in den Zürcher Stadtrat nicht zuletzt den SVP-Wählern zu verdanken. Sie haben den bürgerlichen Kandidaten nicht unterstützt, sagt Politologe Michael Hermann. Mehr...

Stadtratswahlen: Wolff gewinnt, Mauch gratuliert

AL-Kandidat Richard Wolff gewinnt die Stadtratswahl knapp vor FDP-Mann Marco Camin. Auf bürgerlicher Seite regt sich bereits kurz nach der Wahl Protest gegen das Resultat. Mehr...

Wolff: «Es ist eine Sensation»

Video AL-Kandidat Richard Wolff hat die Ersatzwahl in den Stadtrat überraschend gewonnen. Im Interview sagt er, was er Konkurrent Camin als Erstes sagen wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Lokalverzeichnis

Die Welt in Bildern

Protest gegen Pipline: Mitglieder der Cowboy und Indianer Allianz demonstrieren vor dem Kapitol in Washington gegen eine geplante Ölpipline. (22. April 2014)
(Bild: Getty Images) Mehr...