Die Fabrikdirektorin, die Stadtförsterin war

Esther Kissling ist eine der wenigen Frauen, die ganz oben in der Chefetage sitzen. Ihr Werdegang führte durch den Wald und in die Kirche.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit diesem Sommer geht Esther Kissling bereits um Viertel nach fünf in der Früh in den Wald bei Wallisellen joggen. Denn tagsüber bleibt ihr keine Zeit mehr dafür, seit sie Fabrikdirektorin ist – Chefin des Familienunternehmens Kissling. Die Firma gehört zu den Marktleadern in der Seil- und Vergnügungsbahn-Technologie.

«Dr. sc. techn. ETH Geschäftsführerin/CEO» steht auf ihrem Visitenkärtchen. Doch das sagt kaum die Hälfte von dem aus, was die 53-Jährige bisher in ihrem Leben gemacht hat: Als Forstingenieurin war sie zwanzig Jahre im Forstdienst tätig, die letzten sechs Jahre als Stadtforstmeisterin der Stadt Zürich. Sie war die erste Forstbeamtin der Schweiz. Danach leitete sie die Abteilung «Diakonie und Seelsorge» bei der reformierten Landeskirche Zürich, wo sie hundert Mitarbeitende unter sich hatte – und kaum Frauen neben sich. Und jetzt ist sie Herrin über Zahnräder und Getriebe.

Dass sie in Männerwelten ihre Frau stellen muss, wurde ihr in die Wiege gelegt: Sie ist Schwester dreier Brüder. «Berührungsängste kenne ich nicht – manche Männer allerdings schon», lächelt sie. «Ich war oft allein als Frau unter vielen Männern und bekam das manchmal auch zu spüren, positiv und negativ.» So sei sie immer stärker beobachtet worden als ihre Kollegen, habe sich nie in der Anonymität verstecken können. «Dafür bekam ich aber auch oft mehr Aufmerksamkeit als meine Kollegen.» Was bekanntlich Dafür und Dawider habe. Wirklich Probleme damit, dass sie eine Frau in Männerwelten ist, hätten aber meist vor allem Männer.

Positiv denken und Durchhaltewille

Esther Kissling hat die Besucherin durch ein filigranes Treppenhaus – unverkennbar 50er-Jahre – in ein bescheidenes Sitzungszimmer geführt. Männer in ihrer Position lassen in der Regel führen – und zwar in ein repräsentatives Büro. Kurze graue Haare, helle Augen, dunkle Augenbrauen, randlose Brille, etwas Lippenstift. Schlichte Perlenkette und hellblaues Deuxpièces. Äusserlich ist sie eher unauffällig, doch strahlt sie Selbstsicherheit, aber auch Nahbarkeit aus.

Es sei schön, in aller Herrgottsfrühe zu joggen, findet Esther Kissling. Sie hat die Begabung, allem Positives abzugewinnen. Als sie gegen die 40 ging und akzeptieren musste, dass sie wohl mit ihrem (mittlerweile verstorbenen) Mann keine Kinder bekommen werde, haderte sie nicht mit dem Schicksal, sondern entschied: «Also kann ich einen verantwortungsvollen, zeitintensiven Job übernehmen.» Sie wurde Stadtforstmeisterin. Esther Kissling ist keine Sprinterin, sondern Langstreckenläuferin. Mitte September hat sie am Greifenseelauf die Halbmarathon-Distanz absolviert. Sie hat Durchhaltewillen – manchmal ist sie vielleicht auch stur.

Drei Brüder, doch sie ist der Chef

Wald, Kirche und jetzt Zahnräder. «Damit bin ich aufgewachsen», strahlt sie. Ihr Grossvater Leander Kissling trat 1934 in das Unternehmen ein und übernahm die Firma später. Sie spricht von ihm und ihrem Vater mit Bewunderung und fast kindlicher Anhänglichkeit. Auch ihre drei Brüder sind der Firma nach wie vor positiv verbunden. Doch sie ist der Chef.

Vor einem Jahr war ihr klar, dass jetzt Zeit für eine neue, letzte berufliche Herausforderung sei. Sie dachte ursprünglich an die Geschäftsleitung einer Nonprofit-Organisation. Doch dann, morgens auf dem Arbeitsweg entlang der Limmat, schoss ihr durch den Kopf: «Ich übernehme das Familienunternehmen.» Sie schob den Gedanken zur Seite; am Abend rief einer ihrer Brüder an: «Weshalb übernimmst du eigentlich nicht die Firma?»

«Eingebung», sagt sie dem. Auch «so was wie Vorsehung». Dann kommt sie zu Zahlen und Fakten: Die L. Kissling & Co. AG beschäftigt rund 50 Mitarbeitende und erwirtschaftete 2007 über 17 Millionen Franken. Nächstes Jahr wird sie den Firmensitz aus dem ihr rein optisch über den First gewachsenen Zürich-Leutschenbach nach Bachenbülach verlegen. Die Firma soll wachsen – «so gegen 20 bis 25 Millionen wäre gesund», neue Märkte erschliessen und Klumpenrisiko vermeiden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2008, 22:25 Uhr

TA Marktplatz

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand

Blog Mag Essen als Kult

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Erinnert an einen Pizzaiolo: Auf riesigen Tellern lässt diese Frau in der chinesischen Provinz Jiangxi Chilischoten, Spargelbohnen und Chrysanthemum-Blüten an der Sonne trocknen. (21. Juli 2017)
Mehr...