Zürich
Die Freier
Von Simon Eppenberger. Aktualisiert am 03.09.2010 30 Kommentare
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Der Mann um die Vierzig schaut immer wieder nach vorne und in den Rückspiegel. Er will am Sihlquai wenden, doch der Verkehr ist so dicht, dass er keine Lücke findet. Er will hier offenbar nicht zu lange stehen bleiben. Hastig fährt er mit der Hand mehrmals übers Gesicht, schaut nach links. Endlich sieht er eine Lücke und gibt Gas. Der Chrysler mit zwei Kindernamen am Heck reiht sich ein und fährt erneut am grössten Strassenstrich der Schweiz entlang.
Er ist einer von unzähligen Freiern, die jeden Abend am Sihlquai auftauchen und für unhaltbare Zustände mit verantwortlich sind. Diese Männer machen den Sihlquai zu einem dreckigen Millionengeschäft, an dem die Zuhälter verdienen und bei dem Frauen ausgebeutet werden.
Teure Wagen
In der vergangenen Nacht haben die Dutzenden Prostituierten viel zu tun. In der Autoschlange fahren zahlreiche Freier stadtauswärts, mustern die Frauen, wenden vor der Hardbrücke, fahren zurück und kehren nach der Kornhausbrücke abermals um. Darunter befinden sich auffällig viele Audi, BMW und Mercedes neueren Jahrgangs sowie Offroader. Sogar ein auffälliger Hummer dreht seine Kreise.
Die meisten sind in Zürich, dem Thurgau und Aargau registriert. Vereinzelte stammen aus Deutschland, St. Gallen, Bern oder sogar aus Genf. Immer wieder fahren die Autos rechts ran, fast im Minutentakt kommen die Frauen mit ihren Kunden ins Geschäft und steigen ein.
Herr mit Fliege
«Durch die mediale Aufmerksamkeit und öffentliche Diskussion zieht es immer eine grössere Schicht Freier an den Sihlquai, die den Strassenstrich suchen», sagt Rolf Vieli, Leiter des Projekts Rotlicht. Die notwendige Aufklärung über die Zustände hat laut Vieli nun die Wirkung, dass noch mehr Männer kommen, die schnellen und unsauberen Sex wollen.
Die Freier lassen sich dabei nicht einfach kategorisieren. «Obwohl der Sex nirgends billiger ist, stammen sie nicht vorwiegend aus niederen sozialen Klassen, sondern aus allen Schichten der Gesellschaft», sagt Vieli.
Neben dem Vater im Familienauto ist auch ein älterer Herr im Jaguar an den Strassenstrich gefahren. Gekleidet in Hemd und Fliege hält er seinen Wagen unter der Kornhausbrücke an, lässt eine junge Frau wieder aussteigen und braust davon. Schräg gegenüber auf der anderen Strassenseite versuchen vier Teenager mit zwei Prostituierten ins Geschäft zu kommen. Diese lassen sich aber nicht mit den Jugendlichen ein, die kaum älter aussehen als 15 Jahre.
«Frauen geht es ja besser als in der Heimat»
Weiter vorne Richtung Dammweg redet ein junger Mann mit engem Shirt und der Statur eines Bodybuilders mit einer knapp bekleideten Schwarzhaarigen. Sie kommen nicht ins Geschäft, dafür küsst er sie zum Abschied dreimal auf die Wange und greift ihr an den Po. Mit geschwellter Brust schreitet er zu seinem schmächtigen Kollegen, der bei einem Baum auf ihn wartet. «Die schlecke ich alle weg», ruft der Muskelberg und lacht.
Offenbar geht es vielen Freiern nicht nur um den billigen und unkomplizierten Sex. Alleine damit lässt sich kaum erklären, weshalb so viele Männer in teuren Autos extra aus anderen Kantonen anreisen, statt ins nächstgelegene Puff zu gehen. Offenbar reizt es sie, dass es den Frauen aus Osteuropa schlecht geht.
Die Freier wollen laut Vieli dabei nicht nur eine frauenverachtende Haltung oder das Machtgefälle ausleben. «Viele kehren Probleme wie Menschenhandel und Misshandlungen um und rechtfertigen ihr Verhalten mit der Haltung, den Frauen gehe es hier in der Schweiz ja besser als in der Heimat», sagt Vieli.
Bis weit nach Mitternacht fahren die Autos im Kreis, die Frauen am Strassenrand winken. Ein Mann Ende Fünfzig, Typ Intellektueller mit schwarzer Brille und kahlrasiertem Kopf, stoppt seinen Audi, die Prostituierte steigt aus und zweihundert Meter weiter hinten gleich wieder in einen VW Kombi.
b (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.09.2010, 16:00 Uhr
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30 Kommentare
Wo bitte liegt das Problem zu einer Prostituierten zu gehen? Andere gehen in die Massage oder ins Yoga und haben dort orgiastische Erlebnisse. Und eigentlich ist es ja eine Win-Win-Situation für die Freier und die Prostituierten, Befriedigung und das Geschäft läuft. Dass dahinter immer noch Zuhälter ihr Unwesen treiben, ist rein eine Verfehlung der Stadt Zürich, die dem tatenlos zusieht! Antworten
@ Beat Gloor; die Diskussion, was die soziale Rolle des Mannes in der heutigen Gesellschaft ist, ist freilich umstritten, dazu gibt es verschiedene Meinungen. Dass der Beschützerinstinkt klar ein ursprüngliche Aufgabe der Männer war und somit identitätsstiftend ist aber kaum umstritten. Wie man das heute in der Schweiz ausleben kann ist nicht so ganz klar, die Emanzipation ist noch zu verarbeiten. Antworten
Auch schlechte Presse ist Werbung, kennt man doch aus der Showbranche nur zu gut. Daher erachte ich die Dauerberichterstattung vom Strassenstrich als kontraproduktiv. Die betreffenden Stellen wie Anwohner wissen auch ohne "Investigativjournalismus" was Sache ist und Veränderungen werden kommen. Antworten
Arme Freier? Bedürfnisse? Frau Iten, was sind das für Bedürfnisse, wenn nach wie vor Freier mit Kindersitzen in ihren Autos bei Drogenkonsumentinnen den Service ohne Kondom verlangen und dafür auch mehr bezahlen? Das war schon vor 20 Jahren so und kommt auch heute noch vor. Und kommen Sie mir jetzt nur nicht mit der Verantwortung, die die Frauen zu übernehmen hätten... Antworten
Endlich mal eine Geschichte über die Freier! Nicht rundum treffend zwar, aber immerhin. Was für jämmerliche Kreaturen haben es eigentlich nötig, die Frauen derart auszubeuten? Ohne Nachfrage kein Angebot! @ "E. Meyer": Dann machen Sie mal! @ "Sandra Iten": Legen Sie sich wenigstens ein männliches Pseudonym zu, wenn Sie offensichtlich ein Mann sind und aus der männlichen Optik schreiben! Antworten
@Liz Moser, 17:11: Ich bin dagegen, dass man z.B. Sans-Papiers oder wen auch immer schwarz beschäftigt und bar auf die Hand bezahlt, um z.B. Sozialversicherungsprämien zu sparen. Dennoch gebe ich Ihnen unumwunden absolut Recht. Es gilt nach Auffassung des Bundesgerichts auch im Zustand der Unrechtmässigkeit das Prinzip der Rechtsgleichheit. Und diesbezüglich ist Ihre Kritik zu befürworten. Antworten
@Sandra Iten: Gratuliere! Parlamente und Regierungen haben für eine gute Lebensqualität im Gemeinwesen zu sorgen, sonst brauchen wir sie nicht. Und wenn sich ein Polizeivorstand auf ein Bundesgerichtsurteil beruft, das die Städte zur Aufrechterhaltung des Strassenstrichs verpflichten soll, hätte man ihn nicht wählen dürfen. Es gibt wahrlich übergeordnete Interessen und Bedürfnisse zu verteidigen. Antworten
Die ganze Thematik bezüglich Personenfreizügigkeit, Ausländerinnen aus dem Osten, die hier als Prostituierte arbeiten etc. ist ein riesiges Problem, zugegeben. Aber genau so wichtig ist es, diese, widerlichen "Freier" zu thematisieren, die her den schnellen, dreckigen Kick auf der Strasse zwischen Autotüre und Beifahrersitz suchen. Die meisten betrügen Ihre Familie und Ehepartner, es ist widerlich Antworten
@sandra iten, lächerlicher Beitrag....Ich sag ihnem mal was, ja der Mann (und die Frau) haben Bedürfnisse. Die kann man easy befriedigen wenn man Charakter hat, dann findet man nämlich locker jemanden. Es wundert mich nicht nicht dass gerade die Typen mit vierrädrigen Schwanzverlängerungen dort häufig anzutreffen sind. Ausserhalb ihrer STatussymblole, ob Auto oder anderes, bringen sie's nicht. Antworten
Sehr erhellender Artikel. Familienautos kommen, aber auch Luxuskarossen und sogar Geländewagen. Aha. Dann haben wir Teenager und ältere Männer, Muskelberge und Schmächtige. Soso. Ach ja. Zürcher, Thurgauer und Aargauer. Aber auch von sonst wo. Wow. Hätte ich jetzt nicht gedacht ohne diesen Artikel. Was können wir morgen neues darüber lesen? Am Samstag hätte diese Werbekampagne wirklich erfolg! Antworten
Langsam wird mit diesen Reportagen über das ewig Gleiche aber etwas übertrieben, finden Sie nicht? Das Einzige, was man erreicht hat ist, dass jetzt noch mehr Freier kommen, weil sie im Tagi die fast kunstvollen Fotos der doch recht hübschen Prostituierten aus Ungarn gesehen haben. Und jetzt wissen, dass nicht mehr wie früher nur ein paar abgetakelte Drogen-Prostituierte dort verkehren. Bravo Tagi Antworten
Ja, wenn die Krankenkassen Geschlechtskrankheiten aus dem Leistungskatalog streichen würden, wäre das Geschäft auf der Strasse wahrscheinlich schnell verboten. Wäre mal interessant etwas über diese Umsätze und Gewinne zu erfahren. Womöglich gibts da einen "höheren" Zusammenhang. Nur so 'ne Idee. Antworten
lächerlicher artikel. nun versucht man, die bösen reichen freier als schuldige an den pranger zu stellen. fakt ist: der mann hat sexuelle bedürfnisse. der staat hat rahmenbedingungen zu schaffen, wie diese ausgelebt werden können. als staat würde ich für die öffentliche Benützung der Strasse so viel Geld verlangen, dass Bordellmiete billiger ist. (anderes Gewerbe zahlt auch, rechtsgleichheit!) Antworten
Politisch geht es nicht auf: Wenn ich meiner Putzfrau 30 Franken für eine Stunde Arbeit bar auf die Hand gebe, mache ich mich Strafbar wegen Schwarzarbeit. Für Sex oder Gewalt dürfen die Männer den Frauen aber Bares auf die Hand geben, alles schön legal und befürwortet durch unsere Politiker. Das ist eine traurige Wahrheit. Antworten
Schöner, trauriger Bericht, Herr Eppenberger. Schön, weil Sie auch mal die Verantwortung der Feier ansprechen, traurig, weil es wohl nichts nützt. Die Politiker sind sehr an diesem Strich interessiert, die Frage warum, kann sich jeder selber beantworten. Auf dem Strich geht es nur um Macht, Missbrauch, Menschenverachtung. Aus welchem Grund sind die Politiker dafür? Antworten
Das älteste Gewerbe der Welt hat eine Standplatz das den Anwohnern nicht gefällt. Das hier Prostitution mit Skrupelosen Zuhältern statt findet haben wir der Personenfreizügikeit zu verdanken. Warum werden hier nun die Freier schlecht gemacht. Diese hat es schon immer gegeben und wird es auch immer geben. Antworten
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Barbara Mayer
Warum wird der Strassenstrich nicht aufgehoben und dafür einige Bordelle mehr eingerichtet. Das gibt vor allem den Frauen mehr Sicherheit und schützt auch mehr vor Ausbeutung. Antworten