Die Freitag-Tasche wird erwachsen
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 03.09.2010 10 Kommentare
Schattenseiten
Vom jüngsten Reinfall war vor zwei Wochen im «Tagblatt» zu lesen: In der Rubrik Konkurse war die Gorilla AG aufgeführt. Hinter dem Namen steckt eine Veloproduktionsfirma, die sich nicht wie erhofft entwickelte. Die Idee dafür stammt nicht von den Gebrüdern Freitag – sie finanzierten aber das Projekt. Man habe sich davon Synergien erhofft, sagt Markus Freitag, der ein begeisterter Velofahrer ist und keinen Führerschein besitzt. Das Startkapital sei aber viel schneller aufgebraucht gewesen als geplant. Sie hätten noch einmal Geld einschiessen sollen, doch das Risiko war ihnen zu hoch. Einige Hunderttausend Franken hätten sie dabei verloren, sagt Markus Freitag.
Auch schon Ende der 90er-Jahre mussten sie Lehrgeld bezahlen mit Skim.com. Die Kleider und Taschen mit aufgedruckter und individueller Mailadresse floppte. Wer ein solches Stück kaufte, war über eine anonyme Mailbox im Internet ansprechbar. Die Freitags wollten Skim.com zu einer weltweiten Marke aufbauen und eine Brücke «zwischen der realen und der digitalen Welt» schlagen. Doch als Ende des Jahrtausends am Inernethimmel immer düstere Wolken aufzogen, strichen die Investoren die Gelder. Rückblickend hätten sie aus den Niederlagen gelernt, sagt Markus Freitag. Heute würden Unternehmen wie Facebook oder Myspace mit ähnlichen Ideen viel Geld umsetzen.
Doch auch andere Unternehmen, welche die Freitag-Taschen kopieren wollten, erlitten Schiffbruch. Die Migros lancierte ein Plagiat unter dem Namen «Donnerstag». Als das Schweizer Fernsehen darüber berichtete, zog der Grossverteiler die Taschen zurück. Der Wirbel verschaffte Freitag viel Publizität.
Markus Freitag steht im Maag-Areal in den Hallen der ehemaligen Zahnradfabrik mit prüfendem Blick vor einem Stapel frisch gewaschener, beiger Lastwagenplachen. Seine Hand fährt über die PVC-Plane, die trotz des Waschens noch leicht schmutzig wirkt. Genau diese Patina würden die Kunden schätzen, sagt der 40-Jährige.
Aus dem Stück Kunststoff wird möglicherweise später eine der neuen Reference-Taschen. Im Gegensatz zu den bestehenden Produkten, die sich durch farbige Aufdrucke auszeichnen, ist die neue Linie unifarben. «Diese neuen Taschen markieren einen wichtigen Schritt in unserer 17-jährigen Firmengeschichte», sagt Markus Freitag, der seit Anfang Jahr Leiter für Spezialprojekte ist. Sein Bruder Daniel ist Kreativchef.
Mikrofon aus Karton
Die gestrige Produktevorstellung war für das Brüderpaar in mehrerer Hinsicht ein Novum: Noch nie lancierten die beiden 14 Produkte gleichzeitig, und noch nie veranstalteten sie eine Pressekonferenz. Journalisten aus Italien, Schweden, den Beneluxländern, Deutschland und Frankreich folgten der Einladung. Die Veranstaltung in einem provisorisch eingerichteten Shop an der Grünegasse 21 hatte Unterhaltungswert. Mit einem aus Karton gebastelten Mikrofon und Flipcharts führte er durch die Präsentation.
Das dazu initiierte Zeitungsprojekt «Daily Reference» stiess allerdings bei einigen Journalisten auf Unverständnis: Vom 2. bis 30. September wird die Zeitung an der Grüngasse im Bleisatz auf einer 170 Jahre alten Presse gedruckt. Die Texte, verfasst von einem kleinen Redaktionsteam, stehen im Zusammenhang mit der Freitag-Recycling-Idee, dem «nächsten Leben der Dinge». Die Inspiration holen sich die Redakteure von gemailten Kurzbeiträgen und den Frontseiten von 16 Zeitungen, die für jedermann im Shop an der Grüngasse 21 zum Lesen aufliegen. Ab 17 Uhr kann die frisch gedruckte «Daily Reference» im Shop abgeholt oder die elektronische Ausgabe gelesen werden. Velofahrer verteilen ausserdem 150 Exemplare in ausgewählten Cafés.
Pferdeboten als Inspirationsquellen
Warum lancieren die Freitags neue Taschen? Sind die jetzigen Modelle aus der Mode gekommen und verkaufen sich schlecht? «Nein», sagt Markus Freitag. Die klassischen Modelle seien nach wie vor sehr beliebt. Das Unternehmen würde jedes Jahr 10 bis 15 Prozent mehr Taschen verkaufen. Mit den neuen Reference-Taschen wollten sie einem vielfach geäusserten Kundenbedürfnis nachkommen. Stilistisch hätten sie sich von den Taschen der militärischen und zivilen Pferdeboten des 19. Jahrhunderts inspirieren lassen. Alle sechs Monate wollen sie neue Produkte präsentieren. Die Reference-Taschen sind mit Preisen zwischen 400 und 500 Franken rund doppelt so teuer wie die bisherigen Modelle. Das hänge vor allem mit der aufwendigeren Verarbeitung zusammen. Genäht werden die Taschen in Portugal, Tschechien und Tunesien.
Einen japanischen Freitag-Enthusiasten scheint der Preis nicht zu kümmern. Er kaufte gestern als Erster im Onlineshop eine der neuen Taschen. Er besitzt bereits rund 50 andere Exemplare. Die Japaner seien die extremsten Fans, sagt Markus Freitag. Ein japanischer Blogger würde täglich ein Foto von sich und seiner aktuellen Tasche ins Netz stellen. Zum Dank erhalten die Onlineshop-Angestellten immer wieder mal japanische Reis-Cracker zugesandt. Weil die Maag-Fabrikhalle abgerissen wird, zieht der Betrieb nächsten Sommer an die Binzmühlestrasse nach Oerlikon.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.09.2010, 21:33 Uhr


































