Die Fussball-Aufklärer aus Zürich sind gegen den Videobeweis
Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 23.06.2010 14 Kommentare
Der Schiri war im Recht: Urs Meier analysiert Südafrika - Mexiko mit Hilfe der Liberovision-Software.
Mit Technik für Verständnis sorgen: Christoph Niederberger und Stephan Würmlin. (Bild: Sophie Stieger)
Christoph Niederberger und Stephan Würmlin zählen die ganz grossen Fernsehstationen zu ihren Kunden: BBC, ESPN, ZDF oder RTL greifen auf ihre Entwicklung zurück, wenn sie ihren Zuschauern zeigen wollen, wie es wirklich war an der WM in Südafrika. Die Software «DiscoverEye» errechnet aus verschiedenen Kameraperspektiven ein 3-D-Modell des ganzen Spielfelds. Die Firma Liberovision, die von den beiden Jungunternehmern 2006 gegründet wurde, beschäftigt im Zürcher Technopark 14 Angestellte.
Herr Würmlin, dank Ihrer Software können Fussballfans auf der halben Welt sehen, was in welcher Spielsituation genau passiert ist. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie beim ZDF oder bei ESPN mitverfolgen, wie Ihr Produkt eingesetzt wird?
Wenn Oliver Kahn oder Alan Shearer mit unserem System Szenen analysieren, dann macht uns das stolz, klar. Die WM in Südafrika ist ein Meilenstein für unsere Firma.
Kein bisschen nervös?
Beim RTL sitzt jeweils Jürgen Klopp vor einem interaktiven Bildschirm und bedient unser System live. Da schlägt mein Herz jeweils schon ein bisschen schneller. Wenn die Software vor einem Millionenpublikum abstürzen würde, dann wäre das wirklich peinlich. Zum Glück ist das noch nicht vorgekommen.
ZDF, RTL, BBC oder ESPN benutzen «DiscoverEye». Warum setzt das Schweizer Fernsehen Ihre Software nicht ein? Ist sie zu teuer?
Das glaube ich nicht. Natürlich bezahlt SF mit 200'000 Zuschauern weniger als ESPN mit 20 Millionen. Aber das SF verfolgt einen anderen Ansatz als ausländische Stationen und hat generell sicherlich keinen grossen Hang zu technischem Firlefanz. Sportliche Analysen sind beim SF nicht allzu häufig zu sehen.
An dieser WM wird viel über schwache Schiedsrichterleistungen diskutiert. Wegen Ihrer Software können Millionen Fans nicht mehr über Offside und Tore diskutieren, sondern bekommen gleich die ganze Wahrheit vorgesetzt. Damit steigt der Ärger im Publikum.
Das glaube ich nicht. «DiscoverEye» zeigt ja nicht nur, ob der Stürmer im Offside stand, sondern auch, wie knapp der Entscheid ist. Das hat man bei Neuseeland - Slowakei sehr gut gesehen. Der Schiedsrichter stand einen Meter hinter der Offside-Linie und hat die beiden Spieler deshalb leicht versetzt gesehen. Aus seiner Perspektive war die Abseits-Position unmöglich zu erkennen. Mit unserer Software können Sie den Beteiligten quasi über die Schulter schauen. Das hilft den Fans, Fehlentscheidungen zu akzeptieren.
Könnte ihre Software auch direkt im Spiel eingesetzt werden, damit Fehlentscheide sofort korrigiert werden könnten?
Das könnte sie, aber ich wäre dagegen. Emotionen machen den Fussball schliesslich zu dem Spektakel, der er ist. Stellen Sie sich vor, Sie könnten sich nicht übers Tor der Chilenen gegen die Schweiz aufregen, das nachweislich offside war? Das Spiel würde dadurch etwas Entscheidendes verlieren. Statt über technische Hilfsmittel sollte die Fifa vielleicht besser über die Auswahl der Schiedsrichter nachdenken.
Sie und ihr Partner, die Liberovision gegründet haben, sind beide Basler. Warum ist der Firmensitz in Zürich?
Wir sind beide mit 20 nach Zürich gekommen, um an der ETH zu studieren. Als wir Liberovision gründeten, haben wir nicht einmal über den Standort diskutiert. Diese Stadt bietet einfach zu viele Vorteile. Die Nähe zur ETH etwa hilft uns bei der Rekrutierung von guten Ingenieuren, der Standort im Technopark bietet eine Top-Infrastruktur und gute Kontakte zu anderen Jungunternehmern. Von meiner Wohnung in Oerlikon bin ich in 10 Minuten am Flughafen. Wir reisen auf der ganzen Welt herum, um den TV-Sendern unser System zu zeigen. Gerade jetzt war ich für zwei Wochen in Südafrika. Dann hilft aber sicher auch, dass die Fifa ihren Sitz hier hat. Welcher Technologielieferant im Sportfernsehbereich kann schon behaupten, dass er Laufkundschaft hat?
Sind Sie schon Millionär?
Leider nicht (Lacht)... Aber wir machen das auch nicht fürs Geld, sondern um die Vision umzusetzen, die wir im Studium hatten: Das System soll so schnell werden, dass es wie die Zeitlupe jederzeit einsatzbereit ist. Davon sind wir noch ein Stück entfernt, es muss noch weiterentwickelt werden.
Wann soll es soweit sein?
In zwei Jahren, pünktlich auf die EM 2012, hoffentlich. Bis dann wollen wir von 14 auf 40 Mitarbeiter wachsen und in allen Kontinenten präsent sein.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.06.2010, 15:24 Uhr
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14 Kommentare
Tolles System. Doch die Begründung, warum sie nicht gegen Fehlentscheide eingesetzt werden soll, leuchtet nicht ein. Die Emotionen beim Fussball resultieren ja nicht nur aus Fehlentscheiden, sondern hauptsächlich aus dem Spiel selbst. Andernfalls müsste ja gar nicht gespielt werden, sondern man könnte die Spiele am grünen Tisch "fehl"-entscheiden. Antworten

































