«Die Grünliberalen sind eine Wundertüte» – «Nein, wir treffen den Zeitgeist»
Von Stefan Häne und Janine Hosp. Aktualisiert am 10.02.2010 8 Kommentare
Wer lebt grüner: Nabholz oder Lauber?
Auf dem Papier scheint die Sache klar: Ein Grünliberaler verhält sich im Alltag ökologischer als ein Freisinniger. Ist dem so? FDP-Politikerin Tamara Lauber fliegt im Durchschnitt einmal pro Jahr. Sie benutzt regelmässig die öffentlichen Verkehrsmittel, auch für die Fahrten nach Zermatt, wo sie herkommt. Ein Auto besitzt sie nicht, sie hat aber den Führerschein. Lebensmittel kauft sie saisongerecht aus der Region ein, aber nicht zwingend immer Bioprodukte. Sie wohnt mit einer Kollegin in einer 3½-Zimmer-Wohnung auf 86 Quadratmetern. Die Grünliberale Ann-Catherine Nabholz benutzt das Flugzeug durchschnittlich alle zwei Jahre, zuletzt 2009 für eine Reise nach Istanbul, «weil es zeitlich nicht anders möglich gewesen ist». Für gewöhnlich reist sie mit dem Zug. Sie fährt selten Auto, der Wagen gehört ihrem Ehemann. Sie ernährt sich ausschliesslich mit Bioprodukten und vegetarisch. Ihre Wohnung (samt Büro) ist 80 Quadratmeter gross. Sie teilt sie mit Ehemann und Hund. (sth/jho)
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Frau Lauber, Sie wollen Nationalrätin werden. Die GLP wäre das ideale Sprungbrett dafür: Die Zürcher GLP-Politikerin Tiana Moser hat 2007 den Sprung ohne Umweg über die Kommunal- oder Kantonalpolitik dorthin geschafft.
Tamara Lauber: Ich würde meine politischen Überzeugungen aus Karrieregründen nicht einfach über den Haufen werfen. Die FDP ist meine Partei, auch wenn die Konkurrenz gross ist. Als ehemalige Skirennfahrerin – ich bestritt Fis- und Europacuprennen – weiss ich, was es heisst, an ein Ziel zu glauben und dafür zu kämpfen.
Frau Nabholz, sind Sie der GLP beigetreten, um in der Politik möglichst schnell aufsteigen zu können?
Ann-Catherine Nabholz: Nein. Ich bin der GLP 2006, noch vor unseren ersten Wahlerfolgen, beigetreten. Für mich ist nicht entscheidend, auf welcher Stufe ich politisiere, ob als Gemeinderätin oder Bundesrätin. Mich überzeugen die Inhalte der Partei. Die GLP ist im Kern grün, in ihrer Haltung liberal: Wir versuchen, Umweltanliegen und wirtschaftliche Interessen im Gleichgewicht zu halten.
Lauber: Das ist nichts Neues. Die FDP ist eine Wirtschaftspartei, die seit eh und je Akzente im Umweltbereich setzt. Ein Beispiel: Es war der freisinnige Regierungsrat Hans Künzi, welcher die Grundlagen für die Realisierung des S-Bahn-Netzes im Kanton Zürich mit dem Verkehrsverbund ZVV geschaffen hat.
Das klingt so, als ob es die GLP gar nicht brauchen würde.
Nabholz: Und ob! Die FDP war früher zwar noch aufgeschlossen gegenüber Umweltanliegen; sie ist aber je länger, je mehr einer einseitigen Wirtschaftsgläubigkeit verfallen.
Hat sich die FDP also nur ein grünes Mäntelchen zugelegt?
Lauber: Nein. Die kantonale FDP hat im Herbst die Volksinitiative «Umweltschutz statt Vorschriften» lanciert. Bereits sind die nötigen 6000 Unterschriften zusammengekommen. Die Initiative will bestehende Hürden für energetische Sanierungen im Baugesetz abbauen – zugunsten des Umweltschutzes.
Nabholz: Ob die Initiative der Umwelt tatsächlich etwas bringt, wird sich weisen müssen. Tatsache ist, dass die FDP Mühe hat wie noch nie, sich ökologisch glaubwürdig zu positionieren, seit das Volk ihre Verbandsbeschwerde-Initiative verworfen hat.
Lauber: Das können Sie leicht behaupten. Die GLP hat in der Stadt Zürich noch nicht den Tatbeweis angetreten, dass sie ihre vollmundigen Versprechen einhält. Sie muss sich noch beweisen.
Nabholz: Wir werden sicher keine plumpe Ökosymbolik machen, sondern unsere Politik mit konkreten Umweltanliegen ausfüllen. Wir werden in den wesentlichen Fragen nicht das Gegenteil dessen propagieren, was die kantonale Partei sagt.
Das heisst: In Finanzfragen wird die städtische GLP betont bürgerlich politisieren.
Nabholz: Ja, in der Tendenz.
Dann wären Sie im Parlament in der Opposition und müssten mit der SVP gemeinsam Pakete schnüren.
Nabholz: Nein, wir haben im Gegensatz zur SVP sowohl ein ökologisches als auch ein finanzpolitisches Gewissen.
Soll die Stadt den Steuerfuss senken?
Nabholz: Wir müssen den Steuerfuss bei 119 Prozent belassen. Die Stadt Zürich kann im Steuerwettbewerb mit den Agglomerationsgemeinden ohnehin nicht mithalten, da sie die kostenintensiven Zentrumslasten trägt. Eine Senkung um einige wenige Prozent würde ausser weniger Einnahmen nichts bringen.
Lauber: An der Höhe des Steuerfusses gibt es derzeit nichts zu rütteln. In der Tendenz ist er aber zu senken. Ich bin glücklich mit der Politik unseres Finanzvorstands Martin Vollenwyder. Unter seiner Ägide hat die Stadt die Steuern um 3 Prozentpunkte gesenkt. Trotzdem hat die Stadt Ersparnisse angehäuft, von denen sie nun in der Finanzkrise zehren kann.
Wie wichtig ist der GLP die Wirtschaft?
Nabholz: Wir anerkennen die Wirtschaft als Grundlage unseres Wohlstands. Wir betreiben einfach keinen Wirtschaftsliberalismus nach dem Laissez-faire-Prinzip, wie dies der Freisinn tut. Wir fordern vielmehr eine Wirtschaft, die nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit funktioniert und ihre Verantwortung wahrnimmt
Man könnte auch sagen: Die GLP hat ein schwammiges Profil.
Nabholz: Nein. Es zeigt sich einfach, dass sich gerade die ökologischen Probleme mit dogmatischen Positionen nicht lösen lassen.
Lauber: Die Grünliberalen haben kein Profil. In wirtschaftspolitischen Fragen sind sie eine Kopie der FDP; in der Umweltpolitik haben sie sich mit innovativen Vorstössen nicht hervorgetan.
Nabholz: Wir haben sämtliche Links-Rechts-Ideologien hinter uns gelassen und treffen damit den Zeitgeist. Unsere Lösungen lassen sich mal links von der Mitte, mal rechts davon positionieren. Unsere Gegner verwirrt das offenbar.
In der Stadt Zürich agiert die FDP weniger bürgerlich als die kantonale und nationale Partei. Schadet das der Partei?
Lauber:Nein. Urbane Parteien politisieren stets ein wenig anders als die Mutterparteien. Die Wähler sind sich dessen bewusst. Die FDP muss sich in einer links-grünen Mehrheit behaupten. Falsch wäre es aber, in der Hoffnung auf mehr Wählergunst seine Grundsätze aufzugeben.
Machen wir die Probe aufs Exempel: Was halten Sie vom Verbot von Heizpilzen?
Lauber: Da bin ich dagegen. Das Gewerbe und die Gäste werden dadurch unnötig eingeschränkt
Nabholz: Heizpilze sind eine unnötige Energieverschwendung.
Stichwort Roadpricing. Soll Zürich einen Versuch mit dieser Art der Verkehrssteuerung wagen?
Nabholz: Ja. Wir müssen den motorisierten Individualverkehr reduzieren. Roadpricing bringt sauberere Luft, weniger Stress, weniger Stau und schadet somit auch dem Gewerbe nicht.
Lauber: Nein. Es ist bis heute nicht erwiesen, dass Roadpricing der Umwelt nützt. Zudem würde es die Gesellschaft zweiteilen: Gutverdienende könnten sich die Fahrten nach Zürich weiterhin leisten, die anderen nicht.
Stichwort Atomausstieg: Das Stimmvolk hat beschlossen, Zürich müsse bis 2050 aussteigen. Soll der Ausstieg früher erfolgen?
Lauber: Nein. Weil bei immer noch zunehmendem Energieverbrauch unsere Versorgung nicht mehr sichergestellt wäre, denn kostengünstige erneuerbare Energien fehlen nach wie vor. Mit dem Atomstrom stellt die Stadt Zürich heute einen guten Teil ihrer sauberen Energieversorgung sicher.
Nabholz: Je früher der Ausstieg erfolgt, desto besser. Ich könnte mir vorstellen, dass wir den Ausstieg markant früher als 2050 fordern.
Also sind Sie ökologisch doch nicht so sensibel, Frau Lauber.
Lauber: Im Gegenteil. Die FDP wertet einfach Eigenverantwortung höher als Fremdbestimmung. Es braucht Anreize statt Verbote. Hier zeigt sich sehr schön die Widersprüchlichkeit der GLP: Man kann nicht links-grüne Politik betreiben und sich gleichzeitig wirtschaftsliberal nennen.
Nabholz: Ich glaube nicht, dass etwa ein Heizpilzverbot den Beizern finanziell schadet. Und es ist auch nicht so, dass wir das Gewerbe vernachlässigen würden. Wir wollen vermehrt grüne Cleantech-Unternehmen nach Zürich locken. Das schafft Arbeitsplätze in einem innovativen, nachhaltigen Umfeld.
Blicken wir zum 7. März. Die GLP will den Einzug ins Parlament schaffen und bis zu 15 Prozent Wähler gewinnen – so viel, wie die FDP heute hat. Das ist eine Kampfansage.
Nabholz: Wir werden sicher FDP-Wähler ansprechen. Aber auch solche der SP, Grünen, der CVP sowie Neuwähler. Wer Veränderung sucht, ist bei uns richtig.
Lauber: Wir müssen uns vor der GLP nicht fürchten. Die Partei ist eine Wundertüte. In der FDP ist die Stimmung ausgezeichnet. Wir führen einen sehr intensiven Wahlkampf. Wir sind seit langem schon auf der Strasse präsent und damit nah bei den Leuten.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2010, 04:00 Uhr
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8 Kommentare
Ist doch sympthomatisch für die FDP - Umweltschutz ist nur gut, wenn er aus der "sogenannten" Eigenverantwortung kommt und nichts kostet. Dieses Interview zeigt, doch genau wo die Unterschiede zwischen den beiden Parteien ist und wenn man Oekologie mit Wirtschaft verbinden moechte, gibt es nur eine konsequente Alternative - die GLP. Antworten
Ich bin einer der wie andere aus meinem Umfeld bei den letzten Wahlen noch FDP gewaehlt haben. Wir haben uns gegen den Filz und die Pseudo-Umweltpolitik entschieden und für eine Partei die nachhaltig auch eine offene Gesellschaftspolitik betreibt - Geben wir doch den Newcomern eine Chance - er so koennen die sich etablieren. Antworten






