«Die Hells Angels waren meine Babysitter»
Von Philipp Albrecht. Aktualisiert am 21.12.2009 4 Kommentare
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Pfarrer Ernst Sieber stellt mich am Freitagabend den Pfuusbus-Bewohnern als seinen Freund vor, «der nun auch euer Freund ist». Wer nicht wolle, dass der Freund im Bus übernachte, solle das sagen. Niemand sagt etwas, die meisten schauen mich freundlich an.
Der Pfuusbus im Albisgüetli ist ein ausgedienter 17-Meter-Sattelschlepper, den Pfarrer Sieber zu einem «Mutterbauch» für 30 Obdachlose hat umbauen lassen. Seit 2002 bietet er jeweils in der kalten Jahreszeit Randständigen Unterschlupf. Andreas*, 42, ist einer davon. Er scheint gleich alle Attribute in sich zu vereinen, die man einem klassischen Pfuusbus-Bewohner zuteilen will. Er ist Polytoxikomane, süchtig nach mehreren Drogen. Wie kam es dazu?
Mehr Platz dank Zelt-Anbau
«Die Hells Angels waren meine Babysitter», erzählt Andreas. Die Eltern hätten sich kaum um ihn gekümmert und den Jungen mit den verruchten Bikern herumziehen lassen. Mit acht Jahren sei er bereits Alkoholiker gewesen. Dann folgte die klassische Zürcher Drögeler-Odyssee: Riviera, Hirschenplatz, Platzspitz, Letten. Dort hat er auch seine jetzige Frau kennen gelernt, die heute unter einem Hirntumor leide und womöglich nur noch ein paar Monate zu leben habe. Zusammen haben sie ein 15 Monate altes Töchterlein, das sie aber einer Pflegefamilie übergeben mussten. Aus einer früheren Beziehung hat Andreas noch eine weitere Tochter, die inzwischen 22-jährig ist. Sie habe kürzlich ein Kind bekommen, jetzt ist er Grossvater.
Der Innenraum des Pfuusbus besteht aus einer kleinen Küche mit Eckbank und einem abgetrennten Teil mit 12 Schlafstellen. Neu wurde der Bus um ein Zelt – die «Stiftshütte» – erweitert, worin wiederum bis zu 20 Leute Platz finden. Wer einen Hund mitbringt, schläft im Zelt. Es ist, wie der Bus und die externe Toilette, sehr gut beheizt.
Viele Freiwillige helfen mit
Um die 30 Freiwillige kümmern sich in diesem Winter Nacht für Nacht um die Obdachlosen. Die meisten haben keinerlei Sozialarbeiter-Ausbildung, geschweige denn Erfahrung mit Drogenabhängigen. Was sie aber auch nicht brauchen. Getrieben werden sie durch die Erkenntnis, dass man anderen helfen sollte, wenn es einem selber gutgeht.
Das Sagen haben diese Nacht die beiden «Hüttenwarte» Felix Langmeier und Tom Schwendinger. Zwei völlig unterschiedliche, aber sich ergänzende Männer. Tom, 32, Typ legerer Hiphopper, herzerwärmend hingebungsvoll und geduldig. Mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit sagt er: «Ich habe mehr vom Leben, wenn ich das hier mache, anstatt in den Ausgang zu gehen.» Dann Felix, der christliche Familienvater mit dem iPhone, von Beruf EDV-Administrator. Er reagiert mit Charme auf die Klagen der Bedürftigen, benutzt biblische Metaphern und strahlt Schweizer Bodenständigkeit aus. Felix und Tom vermitteln Autorität, ohne auch nur annähernd den Imperativ zu benutzen.
Vor dem Zelt wird viel geraucht. Drinnen ist jeglicher Drogenkonsum verboten, inklusive Rauchen. Claudia*, 33, bleibt drinnen. Sie hat es sich im Schlafsack gemütlich gemacht. Eigentlich passt sie nicht hierhin, aber sie könne sonst nirgends hin, weil ihr Hund jeweils unerwünscht sei. Dabei ist Balu der freundlichste Schäferhund der Welt. Claudia hat Mühe, einen Job oder eine Wohnung zu finden, wie sie sagt. Bei ihrer besten Freundin kann sie auch nicht mehr übernachten: «Die hat selber genug Probleme.» Im Pfuusbus wird sie mitunter von einem zugedröhnten tschechischen Jungen bedrängt, der gebrochen Deutsch spricht und mit einem portablen CD-Player in der Hand herumläuft. Sie schafft es aber, ihn auf Distanz zu halten.
Ein weiterer Pfuusbus-Gast ist Alois*, 50, ein Österreicher, der vor Jahren bei einem Unfall einen Halswirbelbruch erlitt und nun in der Schweiz politisches Asyl beantragt, wie er erzählt. Man wolle ihn in der Heimat umbringen. «Das ist eine Schande für den österreichischen Rechtsstaat!» Am nächsten Morgen wird er mir Röntgenbilder zeigen.
Fehlende Liebe und verpfuschte Erziehung, fasst Hüttenwart Langmeier später am Abend zusammen, seien oft der Grund für zerstörte Existenzen.
Der Krankenwagen fährt vor
Tom Schwendinger prophezeite eine ruhige Nacht. Im Schlafabteil beziehe ich mit 12 anderen Bewohnern meine Unterkunft: eine weiche Matratze, darauf ein Militärschlafsack und eine Wolldecke. Nach einer Weile nicke ich problemlos ein, obwohl ein Zimmernachbar Selbstgespräche führt und ein anderer schnarcht. Im Schlafraum riecht es zudem nach altem Schweiss.
Mitten in der Nacht, es ist drei Uhr, reisst mich Pfarrer Sieber aus dem Schlaf. Mit seiner lauten, rauen Stimme fragt er, ob alles in Ordnung sei. Ich nicke verwirrt und flüstere: «Ja, danke.» Sieber kommt mit einer jungen Frau in den Pfuusbus, die er zuvor bei fast zweistelligen Minustemperaturen in Zürich auf der Strasse aufgelesen hat. Sie steht offensichtlich unter Drogen und beginnt lauthals zu schreien, nachdem Sieber wieder abgezogen ist. Tom und Felix müssen die Frau zu zweit festhalten, weil sie auszuflippen droht. Dabei verpasst sie Tom einen Fusstritt ins Gesicht. Ein Krankenwagen muss die Frau schliesslich abholen.
Am Morgen folgen die zwei Hüttenwarte strikt dem Zeitplan: Zwischen 7 und 8.30 Uhr servieren sie Frühstück. Einigen bringen sie den Kaffee bis ans Bett. Das Essen besteht aus gespendetem Brot oder nicht verkauften Elvetino-Sandwiches. Vor Weihnachten fehle es jeweils an nichts, erklärt Tom. Nach den Festtagen müsse man das Essen fast schon wieder zusammenkratzen.
Dann verlassen die Leute den Pfuusbus nach und nach in Richtung der frisch verschneiten Stadt. Wohin sie jetzt gehen, will niemand sagen, vielleicht wissen sie es selbst noch nicht.
Um 9 Uhr schliesst der Pfuusbus seine Türen. Auf Felix` iPhone erscheint, wie jeden Tag, ein neuer Bibelspruch. Diesmal lautet er: «Wer weiss, Gutes zu tun, und tuts nicht, dem ists Sünde.»
*Namen geändert.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.12.2009, 04:00 Uhr
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4 Kommentare
Aha Elvetino kann es, nicht verkaufte Sandwiches den Obdachlosen zu schenken. Aber am Flughafen werden jeden Tag tausende Artikel (Esswaren, etc. etc.) vernichtet anstatt den bedürftigen in der Schweiz zu helfen. Tja liebe Flughafen betreiber (Bund, Kanton) da könntet Ihr ansetzen und helfen. Antworten
Es ist schön zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die nicht nur reden sondern sich auch wirklich für die nicht so priviligierten Menschen unserer Geselschaft einsetzen ! Seid mal ehrlich, wer von uns hat beim Anblick eines Odachlosen nicht schon mal die Nase gerümpft.. aber wer hat schon mal einen angesprochen und gefragt ob er Ihm helfen kann ? Geben ist seliger denn nehmen ! Antworten






