Die IV ist in ihren Mitteln nicht wählerisch

Nach harten Schicksalsschlägen wurde ein Zürcher Geschäftsmann arbeitsunfähig. Seine Hoffnung, von der IV Hilfe zu bekommen, erfüllte sich nicht – bis er sich eine Anwältin nahm.

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Peter F. wäre damit einverstanden gewesen, in diesem Artikel mit seinem richtigen Namen aufzutreten. Wir haben darauf verzichtet, um ihn zu schützen. Seine Geschichte zeigt, wie die Invalidenversicherung (IV) mit dem politischen und finanziellen Druck umgeht, der seit Jahren auf ihr lastet.

Vormals Generalagent einer grossen Versicherung und Oberstleutnant im Militär, macht sich Peter F. im Jahr 2000 als Finanzplanungsexperte selbstständig. Er investiert sein ganzes Pensionskassenkapital in die eigene Firma. Der Anschlag auf das World Trade Center im darauffolgenden Jahr reisst auch das junge Unternehmen in den Abgrund. Peter F. verliert sein ganzes Geld und muss aufs Sozialamt.

Wenig später, an seinem 47. Geburtstag, erleidet seine Frau eine Gehirnblutung mit schweren Folgen, die auch eine psychiatrische Behandlung nötig machen. Peter F., inzwischen wieder fest angestellt, betreut seine Frau neben der Arbeit mehr als ein Jahr lang intensiv, bis er infolge Erschöpfung selber erkrankt und ab Anfang Dezember 2004 nicht mehr arbeiten kann.

Wenige Tage vor Weihnachten nimmt sich seine Frau das Leben. Peter F. fühlt sich mitschuldig an ihrem Tod und fällt in eine tiefe Depression. Schlafen kann er nur noch mit schweren Beruhigungsmitteln, von denen er bald abhängig wird. Sein Arbeitgeber entlässt ihn wegen der langen Absenzen. Wenig später verliert er auch seine Dozentenstelle an einer Fachhochschule. Er sagt: «Ohne die Hilfe meiner Psychotherapeutin wäre ich damals nicht am Leben geblieben.»

Als Fürsorgebezüger mit ungewisser gesundheitlicher und beruflicher Zukunft meldet sich Peter F. Anfang 2006 bei der IV. Seine Psychiaterin bestätigt eine weit gehende Arbeitsunfähigkeit. Sie schreibt, die vorübergehende finanzielle Absicherung durch eine IV-Rente würde ihrem Klienten helfen, gesund zu werden und an die Arbeit zurückzukehren. Doch Peter F. erhält von der IV weder Geld noch Unterstützung bei der Wiedereingliederung.

Vielmehr fordert die IV immer neue Berichte von den behandelnden Ärzten an. Diese bleiben dabei, dass Peter F. zu 100 Prozent arbeitsunfähig sei. Daraufhin ordnet die IV eine zusätzliche Untersuchung durch einen ihrer Vertrauensärzte an. Auch dieser Psychiater bestätigt die vorliegenden Arztberichte im April 2007 vollumfänglich. Einmal mehr fordert Peter F.s Psychiaterin die IV auf, ihrem Klienten doch bitte beim beruflichen Wiedereinstieg zu helfen, zum Beispiel mit einer geeigneten Praktikumsstelle. Sie erhält keine Antwort. Seit dem Verlust der Arbeitsstelle ist nun mehr als ein Jahr vergangen.

Ärztegutachten: Einer gegen alle

Im Juli 2007 veranlasst die IV eine weitere Untersuchung, diesmal durch den eigenen regionalen ärztlichen Dienst (RAD). Beim RAD arbeiten Ärzte voll- oder teilzeitlich zum Ansatz von Zürcher Oberärzten; viele von ihnen kommen aus dem Ausland. Im Auftrag der IV sollen sie potenzielle Rentenbezüger genauer unter die Lupe nehmen.

Peter F. wird von einem Neurologen aus Wien psychiatrisch untersucht, was den geltenden Regeln widerspricht: RAD-Ärzte dürften nur im Rahmen ihrer Fachkompetenz Untersuchungen durchführen. Ansonsten haben sie auf Grund der vorliegenden ärztlichen Akten lediglich Plausibilitätsabklärungen vorzunehmen. Als Neurologe ist der Arzt für eine psychiatrische Begutachtung folglich nicht ausreichend qualifiziert (Neurologen haben ihr Fachwissen auf der organischen Ebene des menschlichen Nervensystems, Psychiater im seelischen Bereich). In seiner Diagnose stimmt der Wiener zwar mit den bisherigen Einschätzungen überein, doch kommt er zu einem andern Schluss: Der Klient sei kein Kandidat für eine volle IV-Rente, sondern höchstens für eine Viertelrente.

Peter F. wird über dieses Ergebnis nicht informiert, obwohl RAD-Ärzte den Versicherten ihren Befund in Kopie aushändigen müssten. Er bekommt auch nicht zu wissen, bis wann über die Höhe seiner Rente entschieden wird. Die IV teilt ihm lediglich mit, sie könne ihm beim beruflichen Wiedereinstieg nicht helfen. Vollständig von der Sozialhilfe abhängig, ist Peter F. mittlerweile hoch verschuldet.

In dieser ausweglosen Situation nimmt er sich eine Anwältin. Diese reicht beim Sozialversicherungsgericht des Kantons Zürich eine Beschwerde wegen Verschleppung des Verfahrens ein, worauf sich sofort etwas tut: Die IV schickt umgehend den sogenannten Vorbescheid. Die Anwältin realisiert, dass sich die IV voll und ganz auf das Gutachten des Wiener Neurologen abstützt, wonach Peter F. lediglich eine Viertelrente erhalten soll. Die Einschätzungen der behandelnden Ärzte (volle Rente) schlägt die IV in den Wind.

«Kann es denn wirklich sein, dass die IV mich derart behandelt?», fragt Peter F. seine Anwältin in einem Brief, als sie ihn darüber informiert. «Ist dies noch rechtens? Im kommenden Dezember sind es vier Jahre, vier Jahre nur Verdruss, Demütigungen und vieles mehr. Ist das unser Staat? Ich habe eine solche Wut in mir und sehe bald keinen Ausweg mehr.»

Erfolgreicher Einwand

Die Anwältin rekurriert bei der IV gegen den Viertelrenten-Entscheid und bekommt Recht. Anfang September 2008 lenkt die Versicherung ohne weitere Begründung ein und schreibt: «Wir haben den Anspruch auf eine Invalidenrente erneut geprüft und rückwirkend die Ausrichtung einer ganzen Rente ab 20. Dezember 2005 vorgesehen.» Damit räumt die IV ein, dass sie den Fall Peter F. über Jahre hinweg falsch beurteilt hat.

Auf die Frage, warum sie keine Hilfe für den beruflichen Wiedereinstieg angeboten hat, obwohl der Klient und seine Ärztin mehrfach darum ersuchten, sagt die IV: «Über Wiedereingliederungsmassnahmen kann man erst entscheiden, wenn die Frage der verwertbaren Restarbeitszeit geklärt ist.» Seit der 5. IV-Revision würden solche Abklärungen schneller vorgenommen, behauptet die Versicherung.

Der Frage, warum sie Gutachten durch fachfremde RAD-Ärzte erstellen lässt, so die Renten minimiert und die Auszahlungen verzögert, weicht die IV aus und sagt: «Wir verstehen, dass die lange Abklärungszeit für die Überprüfung des Rentenanspruchs bei psychischen Erkrankungen für die Betroffenen belastend ist.»

Zermürbender Kampf

Aus der Tatsache, dass Peter F. erst mit Hilfe einer Anwältin zu seinem Recht gekommen ist, darf man laut IV nichts ableiten: «Die Anspruchsvoraussetzungen werden bei allen Versicherten gleich überprüft, unabhängig davon, ob IV-Versicherte Unterstützung bei einem Juristen suchen oder für sich selbst sprechen.»

Ein Jurist, der jahrelang bei einer grossen privaten Versicherung gearbeitet hat und seinen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte, beurteilt die Gepflogenheiten in der Branche anderes: «Wir haben immer zwei Stapel gemacht. Zuerst wurden die Dossiers von Klienten mit Anwalt bearbeitet, dann jene ohne.»

Was aber sagt Peter F., heute 52?

Der lange Kampf mit der IV habe ihn «gebeutelt und zusammengeschlagen – es war mein persönliches Grounding.» Beruflich möchte er möglichst bald wieder auf eigenen Beinen stehen; wie, weiss er noch nicht. Auch nicht, ob ihn die IV dabei unterstützen wird. Die Rente soll ihm helfen, die Zeit bis dahin zu überbrücken.

Im Rentenbescheid der IV findet sich kein Wort des Bedauerns, wohl aber eine gesetzliche Belehrung: «Entzieht oder widersetzt sich eine versicherte Person einer zumutbaren Behandlung oder Eingliederung ins Erwerbsleben (...), so können ihr die Leistungen vorübergehend oder dauernd gekürzt oder verweigert werden.»

Die IV schlug die Einschätzungen der behandelnden Ärzte in den Wind.

Werden die Dossiers von Klienten mit Anwalt zuerst behandelt? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2008, 21:50 Uhr

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