Die Lieblinge der Plattendealer
Von Hannes Grassegger. Aktualisiert am 17.03.2010
Zürcher Titanen: Arthur Fornallaz (l.) und Lukas Müller von Mr. Soul. (Bild: PD)
Live-Experimente zwischen Tsürirock und Limmatdisco
Am Mittwoch – oder «Mixwuch», wie der Abend neuerdings heisst – wird die Bühne im Musikklub Exil schräg vis–à -vis vom Schiffbau zum «Parkett für lokale Musikhelden». So steht es mindestens im Programm, und weil so viel Vorschusslorbeer verpflichtet, müssen die gebuchten Jungs und Mädels natürlich aussergewöhnliche Darbietungen abliefern. Oder wie es Klubleiter Daniel Nzekwu etwas präziser formuliert: «Sie müssen experimentierfreudig sein und dabei Lust verspüren, freche, unkonventionelle und doch spannende Liveshows zu bieten.»
Das heisst, dass die fast ausschliesslich aus Zürich stammenden Formationen eben nicht nur jene Nummern spielen, mit welchen sie stadtbekannt geworden sind, sondern auch brandneue Demo-Versionen, die man bislang erst im Proberaum gejammt hat. Ebenfalls wichtig: Die Bands kommen nicht allein ins Exil, sondern bringen befreundete Gastmusiker mit, die bei den meist zwei Livesets mit auf die Bühne steigen.
Engagements für sechs Monate
Alle sechs Monate werden vier Gruppen oder Künstler als sogenannte Residents engagiert; alle für minimum ein Semester. Dabei bestreiten sie immer denselben Mittwoch im Monat, bei Mr. Soul (siehe Artikel oben) ist es immer der zweite. Die Auswahl der Combos trifft das vielköpfige Exil-Team gemeinsam, wobei man sich durchaus auch mit einem Demo-Tape bewerben könne, wie Nzekwu sagt. Neben den zwei Discorabauken von Mr. Soul, deren Sound einen Sog hat wie die Limmat bei Hochwasser, sorgen aktuell die Instrumental-Elektroniker von Rizzoknor, das rockige Lo-Fi-Trash-Boogie-Duo Los Dos um Hansueli Tischhauser und Luca Ramella sowie die Melancholiker von The Legendary Lightness für mal überschwängliche und mal nachdenkliche Stimmungen.
Gemäss Daniel Nzekwu besteht der Reiz fürs Publikum aber auch in der Tatsache, dass jeder «Mixwuch» einen unverwechselbaren Charakter besitzt, dass es also Auftritte zu bestaunen gibt, die man auf diese Art genau ein einziges Mal erleben kann.
Mr. Soul feat. Hardcore & The Velvet Extensions & DJ Ludi, heute ab 21 Uhr, Musikklub Exil, Hardstrasse 245.
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In den Schaufenstern vieler Zürcher Plattenläden fällt sie schon seit einiger Zeit auf, die füllige Blondine im typischen 80er-Jahre-Aerobic-Outfit, die zufrieden über das Cover der neuen Maxi von Mr. Soul stretcht. Und das Besondere: Die Vinyl-Scheibe des Zürcher Duos, an einer Party Ende Januar getauft, sorgt nicht nur beim Betrachter, sondern auch bei den Plattenhändlern für ungewöhnliche Reaktionen.
Plattendealer sind ja bekanntlich abgeklärte Spezialisten, die alles schon mal irgendwann und irgendwo gehört haben, was ihr Urteilsvermögen über die Jahre hinweg zwar geschärft, aber halt auch verhärtet hat. Ein Song, der in den Ohren «normaler» Menschen «super» klingt, lässt Kerle wie Woody (den eigenwilligen Leiter der Jamarico-Musikabteilung), Hänsel (den langhaarigen Geschäftsführer des Zero Zero) oder Veit (den introvertierten Lockenkopf vom Rec Rec) oft nicht mal mit der Wimper zucken. Bei Mr. Soul jedoch ist das anders. Ganz anders.
Veit Stauffer orderte soeben die zweite Ladung der Mr.-Soul-EPs innerhalb eines einzigen Monats, Hänsel liess die Platte gar von den Künstlern signieren – was gerade Sammler der auf 342 Stück limitierten Erstpressung schätzen dürften. Und erkundigt man sich bei Woody Jakob nach Mr. Soul und der EP namens «Stretchin’ Out», sprudelt er los wie ein kaputter Wasserhahn. Referiert über das «Songwriting mit Synthesizer und Gitarre», spricht über Disco, Indiepop, Elektro, Chanson, Progrock und was sonst noch alles in den wenigen Stücken drinstecke, erzählt, da seien «Kenner am Werk», und beschliesst das Kurzreferat strahlend mit dem Satz: «Mr. Soul, das sind die Titanen von Zürich.»
Ein discoides Geplucker
Ob Titanen oder nicht, was Mr. Soul definitiv nicht sind, ist eine normale Band. Sie sind Melodienschichter, deren Musik den edlen Groove des Kaufleuten mit dem dreckigen des besetzten Kalkbreite-Areals verbindet. Exemplarisch dafür ist «Living in the Night», der zweite Track auf der Platte. Da jubelt ein eingängiger Frauen-Refrain über wild treibendes, discoides Geplucker, es entsteht ein abstrakter Mix zwischen Daft Punk und Gloria Gaynor, ergänzt um euphorische Synthbläsersätze und sexy Gestöhne. Das ist eine gute Party, nicht mehr und nicht weniger.
Anderswo wird der Synthiepop auf Saiteninstrumenten gestrichen, so elegant und schön, dass man damit auch am KKL in Luzern reüssieren könnte – und doch klingt es bei Mr. Soul am Schluss eher nach einem psychedelischen Arrangement der Pariser Combo Air. Ja sogar Vocoderstimmen zu Heul-Gitarren werden da offeriert, und wenn diese Melange dann auch noch mit der pathetischen Melancholie Neil Youngs eingefärbt ist, wirds vollends verrückt.
Dass das Minialbum, welches auf eigene Faust eingespielt wurde und im Eigenverlag vertrieben wird, nicht nur originell, sondern auch elend gut klingt, liegt, wie so oft bei Zürcher Produktionen, am Mastering von Dan Suter.
In drei Jahren über 100 Gigs
Wer aber steckt hinter dem Pseudonym Mr. Soul? Auf den ersten Blick sind es zwei dürre Nachtvögel, die man meist nach Mitternacht in der berüchtigten Spelunke Meyer’s beim Lochergut trifft. Der Ruhige und Schwarzlockige hört auf den Namen Arthur Fornallaz und ist 30 Jahre jung. Sein «hippeliger», in Sargans geborener blonder Bandgenosse heisst Lukas Müller, er ist 32. Über 100 Konzerte haben sie in den gut drei Jahren ihrer Bandgeschichte schon gegeben. Fornallaz’ Begründung für diese erstaunlich hohe Zahl: «Wer uns Geld und Essen gibt, für den spielen wir.» Debütiert, ergänzt Müller, habe man übrigens in WG-Zimmern. Derzeit wird den beiden eine besondere Ehre zuteil: Der Musik-Klub Exil stellt ihnen seine Mittwochs-Bühne für eine fünfteilige Konzertserie zur Verfügung.
Immer wieder Neil Young
Komponiert wird gemeinsam, im Studio in der Roten Fabrik. Müller spielt Bass, programmiert Sequenzer und drückt die Tasten der Synthies, die er – eine Passion – auch sammelt. Früher, in Sargans, spielte er fleissig Waldhorn. Weil Bands mit Waldhörnern auch im St. Galler Hinterland nicht allzu gefragt sind und er «immer nur tiefe Töne spielen wollte», riet man ihm zum Umsteigen auf den Bass. Gitarrist und Sänger Fornallaz dagegen erzählt, er sei der Enkel einer verhinderten französischen Opernsängerin und habe brav die klassische Gitarre erlernt – bis er mit 18 gegen den Willen der Eltern eine E-Gitarre kaufte.
Kennen gelernt haben sich die beiden im Jahr 2006, in der marxistischen Studentengruppe an der Universität Zürich. Müller studierte damals Musikwissenschaft, Fornallaz Ethnologie. Als ersten musikalischen Schritt coverte man das Stück «I’m a Child» von Neil Young, erkannte sich dabei rasch als Band und benannte diese nach dem Neil-Young-Song «Mr. Soul» – ein Stück, das der Altmeister über die Jahrzehnte in verschiedenen Versionen zwischen Lagerfeuergitarre und Disconummer mit Vocoderstimme aufnahm.
Ursprünglich hatten die beiden einen Plan, nun haben sie eine Vision. Den Plan haben sie mit den bisherigen Songs – bald soll auch noch ein Album dazukommen – weit vorangetrieben. Und die Vision? «Wir wollen ein richtig kapitalistisches Management finden», sagen sie im Chor. Wie singt doch Young in «Mr. Soul» so treffend? «You are strange, but don’t change.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 04:00 Uhr


































