Die Nestbeschmutzer

Das Grossbürgertum habe sich vom Staat abgewandt und schaue vor allem für sich, finden die Gebrüder Meili. Mit ihren geerbten Millionen wollen sie dagegenhalten.

Wegen ihres Einsatzes für die Erbschaftssteuer mussten sie sich einiges anhören: Die Brüder Martin, Daniel und Marcel Meili. Foto: Pascal Gertschen

Wegen ihres Einsatzes für die Erbschaftssteuer mussten sie sich einiges anhören: Die Brüder Martin, Daniel und Marcel Meili. Foto: Pascal Gertschen

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Die Gebrüder Meili, Erben eines Millionenvermögens, tun, was sich für Menschen ihrer Herkunft nicht gehört: Sie reden über Geld, ihr Geld.

Die drei Brüder, geboren zwischen 1952 und 1956, sind in Küsnacht aufgewachsen, an der Sonnenseite des Lebens. Ihr Vater, Ernst Meili, erfand 1941 den automatischen Feuermelder. Seine Firma Cerberus beschäftigte bis zu 3000 Mitarbeiter, viele von ihnen in Männedorf.

Die Brüder, schwerreich dank väterlichem Unternehmererfolg, sorgten für die Überraschung im Wahlkampf um die Erbschaftssteuer-Initiative: Sie unterstützen die Befürworter mit mehr als einer halben Million Franken.

Neben dem Geld zählt auch die Geste. Die Meilis stehen hin und sagen: Erben verpflichtet, Reichtum soll man teilen. «So entkräften wir den Neidvorwurf», sagt Daniel Meili. Die Gegner hätten die Befürworter gerne als arme Linke verunglimpft, die den Reichen das Geld nicht gönnten. Das funktioniere nun nicht mehr. «Wir können nicht neidisch sein. Wir haben selber Geld.» Ausserdem seien sie keine Linken, sie verträten «klassisch liberale Werte». Keiner von ihnen gehört einer Partei an.

Der Geist der Diskretion

Fürs Interview wählen sie das Restaurant Volkshaus am Helvetiaplatz. Vertrautes Terrain. Schon vor Jahrzehnten sind sie von der Goldküste in die Kreise 4 und 5 gezogen. Einer der Brüder, Architekt Marcel, hat keine Zeit. Alle sind beruflich eingebunden, was sie nicht daran hindert, ein Interview nach dem anderen zu geben. Psychiater Daniel und Arzt Martin haben sich gewissenhaft vorbereitet, vor ihnen liegen Statistiken, Aufsätze, Gottfried-Keller-Zitate. Beim Sprechen wechseln sie sich ab, lächeln nachsichtig, wenn einer den anderen unterbricht. Ein eingespieltes Team.

Die Offenheit der Meilis ist nicht überall gut angekommen. Seit ihrem «Outing» vor gut einem Monat mussten sich die Brüder einiges anhören. Verlogen seien sie, Heuchler, Nestbeschmutzer. Als ob sich Reiche nicht für die Erbschaftssteuer einsetzen dürften.

Die Schweiz ist ein Erbenparadies. Bis zu 76 Milliarden Franken pro Jahr fliessen von einer Generation zur nächsten. Doch ausser den Meilis setzen sich keine anderen Grosserben für ihre Besteuerung ein. Aus der Liga der Superreichen hat sich einzig Investor Hansjörg Wyss für die Abgabe ausgesprochen. Sonst herrscht Stille. Oder Widerstand.

In den USA läuft das anders. Dort gibt es die Tax-Me-Bewegung. Sie besteht aus Milliardären und Millionären, die höhere Staatsabgaben für ihre Klasse fordern. Er wolle prozentual nicht weniger Steuern abliefern als seine Putzfrau, sagt der Milliardär Warren Buffett.

«Die Schweizer Reichen kommen aus einer anderen Tradition. Zurückhaltung steht zuoberst», sagt Martin Meili. «Private spenden Millionen für das neue Kunsthaus. Niemand von ihnen gibt sich zu erkennen.» In den USA gelte: Tue Gutes und sprich darüber. In der Schweiz: Tue Gutes und schweig. «Einige Menschen mit grossen Vermögen haben uns ermuntert, weiterzumachen», sagt Daniel. Diese würden aber niemals persönlich in der Öffentlichkeit auftreten.

Selbst die Meilis sind geformt vom Geist der Diskretion. Fragt man nach ihrem Vermögen, sprechen sie von einem «zweistelligen Millionenbetrag». Zwischen 10 und 99 Millionen also. Genauer werden sie nicht. Auch über sich selber reden sie nicht so gern. Höflich lenken sie das Gespräch zum Thema zurück, das sie antreibt: die «sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich».

Bürgerliche Staatsfeindlichkeit

Das Schweigen der Reichen habe auch mit einem «Mentalitätswandel» zu tun, sagen die Meili-Brüder. «Seit den 80er-Jahren hat das Bürgertum eine zunehmend feindliche Einstellung dem Staat gegenüber eingenommen. Liberal sein hiess plötzlich: gegen den Staat sein», sagt Martin Meili. Dabei seien in der Schweiz die meisten Kantonsregierungen und der Bundesrat stets bürgerlich, also liberal dominiert gewesen.

Für Martin Meili gibt es zwei Arten von Liberalismus: jenen, bei dem der Eigennutz immer auch dem Gemeinwohl dienen müsse. Und den «hedonistischen» Liberalismus, in dem jeder nur für sich schaue. «Leider setzt sich die zweite Variante immer stärker durch.»

Ähnlich sieht es Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin und Mitentwicklerin der Erbschaftssteuer-Initiative. Sie ist während der 60er- und 70er-Jahre am Zürichberg aufgewachsen. Damals habe gegolten: Von nichts gibts nichts. Leistung zählt, nicht Herkunft. «Fast alle waren sich ihres Glücks der privilegierten Geburt bewusst. Sie engagierten sich sozial und auferlegten sich eine gewisse Bescheidenheit», sagt Badran. Eine solche «paternalistische Gönner-Ethik» funktioniere nur, wenn sich alle freiwillig daran hielten. «Doch die Selbstverständlichkeit, etwas zurückzugeben, ist verschwunden.» Früher hätten die Reichen gedacht: «Ich muss dankbar sein für meinen Reichtum.» Heute heisse es: «Die Gesellschaft muss dankbar sein für meinen Reichtum.»

Dem widerspricht die Publizistin und Dozentin Esther Girsberger. Auch sie ist am Zürichberg aufgewachsen, wo sie bis heute wohnt. «Viele hier unterstützen Stiftungen und soziale Projekte. Das entspricht einem echten Bedürfnis.» Dass sich unter Reichen der Egoismus ausgebreitet habe, stimme zumindest am Zürichberg in dieser Absolutheit nicht. «Viele Familien fühlen sich hier verwurzelt. Sie wollen der Stadt etwas zurückgeben und setzen sich mit anderen sozialen Verhältnissen auseinander.»

Ein Profi in Sachen Grosszügigkeit ist Ellen Ringier. Die Gattin von Verleger Michael Ringier hat in den letzten 25 Jahren «einen guten Teil» ihres persönlichen Vermögens in soziale Anliegen gesteckt, wie sie sagt. Zusätzlich sammelt sie regelmässig selber Geld. Dabei beobachtet Ellen Ringier Folgendes: Jüngere Reiche stünden vermehrt unter Druck, die Ansprüche ihrer Familie – Häuser, Ferien, Privatschulen, Autos – möglichst früh zu erfüllen. «Oft bleibt da nicht viel übrig zum Spenden. Es reicht gerade für Charity-Anlässe, wo auch das Spenden ein Statussymbol ist», sagt Ringier.

Auch Stolz trieb sie an

Im Gegensatz zu anderen Millionen­erben haben sich die Gebrüder Meili nie auf dem väterlichen Vermögen ausgeruht. Daniel Meili sagt: «Ich war zu neugierig, zu aktiv. Nur die Beine hochzulagern, hätte mich gelangweilt.» Martin: «Es hat auch mit Stolz zu tun. Ich wollte etwas Eigenes erreichen.»

Das ist allen drei gelungen. Daniel, der Psychiater, gehörte in den 90er-Jahren zu den Wegbereitern einer fortschrittlichen Drogenpolitik. Martin, der Arzt, arbeitet in einer Gruppenpraxis in Schwamendingen, wo er ein Quartiergesundheitszentrum aufbaut. Marcel Meili gründete mit Markus Peter das international angesehene Architekturbüro Meili & Peter und ist Professor an der ETH. Keiner der drei war finanziell je vom Vermögen des Vaters abhängig.

Schon lange vor dessen Tod im Jahr 2006 überlegten sich die Brüder, was sie mit den Millionen Sinnvolles anstellen könnten. Sie gründeten Datuma, eine Firma, die Geld in kulturelle, soziale und technologische Initiativen steckt. Ohne Datuma gäbe es weder das Kino Riffraff noch das Hotel Rothaus. «Unserem Vater gefiel das», sagt Martin. Ihm sei es nie allein ums Geldverdienen gegangen. «Er wollte die Welt positiv beeinflussen. Das führen wir weiter.»

Dabei haben sie erst angefangen. «In den nächsten 25 Jahren entscheidet sich, wohin die Schweiz geht», sagt Daniel Meili. Vieles weise darauf hin, dass sich die Gesellschaft stärker aufspalte. «Staatliche Leistungen wie Schule, Gesundheitswesen oder Infrastruktur werden dadurch unter Druck geraten.»

Ein solches «Auseinanderdriften» wollen die drei Meilis unbedingt verhindern. Auch wenn sie dafür als Heuchler beschimpft werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2015, 00:35 Uhr

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