Die Partycrasher
Von Marcel Reuss. Aktualisiert am 20.12.2011 101 Kommentare
Sieht in der Razzia einen Erfolg: Der Medienchef der Stadtpolizei Zürich, Marco Cortesi, nimmt Stellung.
«Wir werden auch künftig kontrollieren»
Im Verhältnis zu den über 300 Gästen haben Sie im Klub Zukunft am Samstag relativ wenig Drogen gefunden. Kamen Sie am falschen Tag?
Wir haben 26 Portionen Kokain und 10 Dosen Ecstasy sowie etwas Marihuana gefunden. Das ist doch eine beachtliche Menge. Wir veranstalten nicht aus Freude solche Kontrollen. Ausserdem haben wir zwei Schlagruten und ein Springmesser konfisziert, alles verbotene und gefährliche Waffen.
Haben sich die Betreiber des Klubs etwas zuschulden kommen lassen?
Den Betreibern der Zukunft kann man bei den Drogen keinen Vorwurf machen. Es ist nicht möglich, jeden Gast vor dem Einlass bis auf die Haut zu filzen. Auf Waffen sollten sie aber besser kontrollieren.
Bezeichnen Sie die Aktion als Erfolg?
Mit Blick auf die beschlagnahmten Waffen hat sich die Aktion in der Zukunft gelohnt. Die Zustände müssen auch nicht so sein wie vor Jahren im Klub Spidergalaxy, als wir gleich kiloweise Drogen fanden.
Verfolgt die Polizei künftig eine strengere Gangart gegenüber den Klubs?
Die Polizei goutiert weder auf der Strasse noch in Klubs Drogenhandel. Wir werden Klubs und Bars auch künftig kontrollieren, wenn wir Hinweise auf Drogen erhalten oder selber solche feststellen. Jeder Klub muss damit rechnen, dass die Polizei eine Kontrolle durchführt. Sehr häufig sind solche Kontrollen in der jüngeren Vergangenheit aber nicht vorgekommen. (bg)
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Seit fünf Minuten stehe ich an der Bar, kaum länger im Klub. Für ein schnelles letztes Bier. Ich werde es nie erhalten. Denn in dem Moment, der meiner gewesen wäre, stürmen Polizisten hinter den Tresen. Was genau geschieht, wird die Stadtpolizei am Samstag so umschreiben: «Polizeikontrolle in Partyklub im Kreis 4 – Drogen und Waffen sichergestellt.» Würde ich Medienmitteilungen verschicken, meine hätte so gelautet: «Ernüchternde Partynacht im Klub Zukunft. Zwei fragwürdige Aktionen.»
Vielleicht 30, 40 Polizisten haben inzwischen den Klub gestürmt. Aufgeregtes Chaos. Einige wenige dämmern betrunken vor sich hin, andere diskutieren. Alle wissen, dass sie kontrolliert werden – bloss wann? Dazwischen all die jungen Polizistinnen und Polizisten, die wirkten wie Models aus der Polizeiwerbung. «Ich bin da, wo es passiert!» Sie sind da, angespannt, aber es passiert nichts – aus meiner Sicht, bis ich aus ihrer Sicht einen Fehler mache. Ich fotografiere. Ein Bild. Ein Polizist winkt mich autoritär zu sich. Wegen des Rechts am Bild. Er droht sofort mit Verzeigung. Ich suche schwitzend im Handy und merke: Deeskalation ist mein Job. Als ich das Bild gefunden habe, gibt er es frei.
Gilt hier die Schuldvermutung?
In der Zwischenzeit haben etliche zu rauchen begonnen. Und während Einzelne deswegen harsch zurechtgewiesen werden, frage ich mich, wo ich gelandet bin. Nicht am Bellevue beim illegalen Steineschmeissen, sondern in einem legalen Klub, in dem gefühlt für jeden die Schuldvermutung gilt und der Polizei zum Teil das Fingerspitzengefühl abgeht. Für die Razzia mögen sie ihre Gründe haben. Das Bewusstsein, dass sie gerade 300 Leuten die Feier verderben, fehlt. Juristisch ist das auch nicht vorgeschrieben. Ich finde, es hätte das Beisammensein erleichtert.
Endlich eine Lautsprecherdurchsage. Das Dumme, in unserer Ecke versteht die keiner. Auch die Polizisten nicht. Die müssten den Mann am Mikrofon darauf hinweisen, doch das tun sie nicht. Steht wohl nicht in ihrem Jobprofil, denk ich mir. Und: Manchmal sind Polizisten einfach nur Befehlsempfänger.
So sitzt man. 20, 30, 40 Minuten, bis dann doch Bewegung in die Masse kommt. Weil irrtümlicherweise alle glauben, es gehe nun los, drängen die meisten zum Ausgang. Die typische Konzertsituation, jedoch mit Polizisten als Wellenbrecher. Die haben Mühe, die Leute in Zaum zu halten.
Mitgefühl für den «Scheissjob»
Und wieder passiert ewig nichts. Es wäre nun höchste Zeit für eine weitere Durchsage der Leitstelle. Aber ans Mikrofon geht keiner, auch der Kommunikationschef nicht. So passiert, was in solchen Mengen immer passiert. Die einen drücken, die anderen erzählen von ihren Kleinkindern, die bald auf der Matte stünden, die Dritten fluchen. Auszubaden haben das die jungen Polizisten. Am Anfang reden sie noch. Dann stehen sie stumm und angestrengt da, vor ungeduldigen Gesichtern, die keine Armlänge von ihnen entfernt sind. «Scheissjob», denke ich, empfinde Mitgefühl, weil man sie so verheizt.
Dann passiert, was in solchen Mengen ebenfalls immer passiert. Einer tickt aus, stösst einen Polizisten weg. Sofort umklammern ihn zwei andere, wollen ihn nach draussen zerren. Bevor sie so weit sind, packt ein dritter Polizist den Mann an der Nase. Es wirkt wie Frustablassen für eine Freitagnacht, die für ihn genauso im Eimer sein muss. «War das wirklich nötig?», fragt einer aus der Menge. Er diskutiere nicht über seine Arbeit, sagt der Polizist. Sein Ton sagt: «Mund halten!» Ich merke mir zum zweiten Mal: Deeskalieren ist nicht Sache der Polizei. Wenn mich im Übrigen nicht alles täuscht, ist es derselbe Polizist, der zuvor einen anderen Besucher, der ebenfalls fotografiert hatte, ziemlich rabiat umgedreht hatte, um diesem danach den Fotoapparat direkt vors Gesicht zu drücken.
Die freundlichen Filzer
«Ich muss aufs WC», bettelt zum wiederholten Mal jemand. Er wird (in diesem Punkt ist der Kundenservice beinahe vorbildlich) durch die Sperre zur Toilette geführt. Eineinhalb Stunden später gehe ich selber durch den Checkpoint und werde gefilzt. Die Behandlung ist dabei, um auch das zu sagen, erstklassig, der Polizist sehr freundlich.
26 Portionen Kokain hat die Polizei in der Zukunft gefunden. 10 Ecstasytabletten, 3 verbotene Waffen. Man habe ein Zeichen setzen wollen, teilte man mit. Dass man Drogenmissbrauch nicht toleriere. Dealer werden dieses Zeichen gerne zur Kenntnis nehmen. Um ihren Stoff fachgerecht zu entsorgen, dürfen sie mit mehr als genug Zeit rechnen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.12.2011, 06:45 Uhr
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101 Kommentare
Da wäre noch ein allseits bekannter Club am Pelikanplatz mit Erfolgsgarantie in Sachen Drogenrazzia. Erstaunt mich immer wieder, dass die Polizei dort nie auftaucht. Vielleicht, weil zu viele iherer Kollegen ihre Freizeit dort verbringen? Antworten
Skandal, einem Tagijourni wurde der Freitagabend! Wir wär's morgen mit "Frau Meier hat wegen Schneefall ihr Tram verpasst" oder "Herr Müller hatten wegen zu viel Glühwein am nächsten Morgen Kopfschmerzen". Professionelle Distanz unterscheidet eine seriöse Zeitung von einem Provinzblatt - aber damit tut sich Zürich ja auch in anderen Bereichen schwer. Antworten

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