Die Seefeldisierung findet überall statt

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 23.03.2010 2 Kommentare

Nicht nur im Kreis 8, sondern fast in der ganzen Stadt steigen die Mietzinse, nachdem die Wohnungen saniert worden sind. Das zeigt eine Befragung von Zu- und Wegzügern.

Warum Leute von Zürich wegziehen, warum Leute nach Zürich ziehen.

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Wer heute nach Zürich zieht, tut dies nicht in erster Linie, weil es hier so schön ist. Oder weil das Ausgehangebot einzigartig wäre. Die meisten Zuzüger, nämlich 62 Prozent, kommen heute in die Stadt, weil sie hier einen Ausbildungsplatz oder einen Job gefunden haben. Vor allem jene aus dem Ausland nennen diesen Grund. Vier Jahre zuvor waren es erst 44 Prozent. Dies ergibt eine Befragung, welche die Stadt im Herbst 2009 durchführte.

«Dank der Bolognareform ist es heute problemlos möglich, für eine gewisse Zeit im Ausland zu studieren», erklärt Brigit Wehrli-Schindler, Direktorin der Stadtentwicklung. In den letzten Jahren seien zudem attraktive Arbeitsplätze geschaffen worden, Zürich sei heute ein wichtiger Zuzugsraum. Da viele Studenten und Arbeitnehmer aus dem Ausland nur für eine begrenzte Zeit nach Zürich kommen, ist der wichtigste Grund für den Zuzug zugleich auch der wichtigste für den Wegzug: 34 Prozent (2005: 22 Prozent) der Befragten geben berufliche oder ausbildungsbedingte Gründe dafür an.

Alles drängt in die Stadt

1998 befragte die Stadt erstmals Zu- und Wegzüger in den Kreisbüros, um herauszufinden, weshalb sie Jahr für Jahr Einwohner – vor allem Familien – an das Umland verliert. Inzwischen stellt sich aber genau das umgekehrte Problem: Alles drängt in die Stadt – auch Familien –, und es ist schwieriger geworden, eine Wohnung zu finden, die den eigenen Vorstellungen entspricht. Dennoch ist die Befragung nach Ansicht von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) wertvoll: Sie liefere dem Stadtrat wichtige Informationen für die Wohnpolitik und trage dank objektiver Daten zur Versachlichung der Diskussion bei.

Oft ziehen Familien ins Seefeld

Tatsächlich räumt die Befragung mit vielen Vorurteilen auf:

  • Die Seefeldisierung trägt ihren Namen zu Unrecht: Im Seefeld werden nicht mehr Wohnungen umgebaut und Mietzinse erhöht als in der übrigen Stadt. Zwischen 2005 und 2009 wurden dort 9,4 Prozent der Häuser umgebaut, in der ganzen Stadt waren es 8,6 Prozent. In etlichen Quartieren wurde mehr saniert als im Seefeld, vor allem in den Kreisen 1, 4, 5 und 6. «Fast in der ganzen Stadt zeigen sich dieselben Phänomene wie im Seefeld», sagt Mauch. Aber: Im Seefeld wird ein Haus häufiger als in anderen Quartieren komplett saniert, was zu höheren Mietzinsen führt. «Die Bauherren wissen, dass sie im Seefeld Leute finden, die dies zahlen können», erklärt Brigit Wehrli-Schindler. So erachten die Befragten aus dem Seefeld die Mietzinse auch als angemessen. Dennoch plant die Stadtentwicklung zusammen mit dem Quartierverein Riesbach ein Forum, in dem diskutiert werden soll, wie ein vielfältiges Quartier und eine nachhaltige Gebäudebewirtschaftung zu vereinbaren sind.

  • Im Seefeld wohnen nicht nur nomadisierende Manager. In die renovierten Wohnungen ziehen oft Familien ein.

  • In der Stadt werden nicht viele Häuser abgebrochen. Zwar fielen in den letzten fünf Jahren 2481 Wohnungen der Abrissbirne zum Opfer, das entspricht aber lediglich 0,24 Prozent. Im Seefeld waren es übrigens noch weniger (0,18 Prozent). Nach Ansicht der Fachstelle für Stadtentwicklung ist dies eher wenig. Für ein attraktives und energetisch vorteilhaftes Wohnungsangebot müssten es mehr sein.

  • Deutsche ziehen nicht häufiger in sogenannt statushohe Quartiere an Zürichs Südhängen und in der City und sie haben seltener Top-Löhne als der Durchschnitt. Der Anteil der «High Potentials» unter den Deutschen, die sich fast jede Wohnung leisten können, werde überschätzt, heisst es in der Studie. Die deutschen Einwanderer verteilten sich heute fast auf alle sozialen Schichten. Dies gilt hingegen nicht für viele Zuzüger aus angelsächsischen Ländern, die im Durchschnitt höhere Löhne beziehen als Einheimische.

  • Die Steuerbelastung ist kein Hindernis, um in die Stadt zu ziehen. Sie spricht etwa gleich oft für einen Zuzug wie gegen einen Wegzug.

Durchmischung erhalten

Und welche Schlüsse zieht Stadtpräsidentin Corine Mauch aus der Befragung? Der Stadtrat müsse sich dafür einsetzen, dass in Zürich eine gute soziale Durchmischung erhalten bleibe, etwa mit gemeinnützigem Wohnungsbau. Dabei müsse er nicht nur das Seefeld im Auge haben, sondern die ganze Stadt.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2010, 04:00 Uhr

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2 Kommentare

Erich Huwyler

19.03.2010, 10:19 Uhr
Melden

Was jetzt? UNTER- oder ÜBERschätzt? Deutsche ziehen nicht häufiger in sogenannt statushohe Quartiere an Zürichs Südhängen und in der City und sie haben seltener Top-Löhne als der Durchschnitt. Der Anteil der «High Potentials» unter den Deutschen, die sich fast jede Wohnung leisten können, werde unterschätzt, heisst es in der Studie. Antworten


Küdde Rechsteiner

23.03.2010, 11:10 Uhr
Melden

Erich Huwyler: Ist mir auch aufgefallen, wurde in der Zwischenzeit aber korrigiert. Antworten



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