Die Stadt der Wunder

Stege, Plätze, Parks und Brücken: Zürich beschenkt seine Menschen so reichlich, dass daraus ein Lebensgefühl entsteht. Und das Vergnügen geht weiter – mit dem Münsterhof.

Plötzlich entdecken wir hier Dinge, die wir bisher immer übersahen: Der autofreie Münsterhof. Foto: Doris Fanconi

Plötzlich entdecken wir hier Dinge, die wir bisher immer übersahen: Der autofreie Münsterhof. Foto: Doris Fanconi

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Leute, die gern zu Fuss in der Stadt Zürich unterwegs sind, berichten, dass seit einigen Wochen eine subtile Kraft auf sie wirkt. Ein Feinmagnetismus, der sie von ihren gewohnten Wegen ablenkt und zu einem bestimmten Ort zieht. Zum Fraumünster.

Am Münsterhof liegt es. Die Parkplätze sind mittlerweile aufgehoben, die den Fussgänger schreckten und alles unwirtlich machten. Stattdessen ist da eine Leere, die dem Auge schmeichelt und dem Gemüt wohltut. Herrlich, über die Münsterbrücke oder durch eine der alten Gassen sich diesem Platz zu nähern, und dann: wamm! Diese Offenheit, diese Grosszügigkeit!

Im April soll der Umbau – oder auch Rückbau – des Münsterhofs abgeschlossen sein. Das Jahr 2016 garantiert somit bereits jetzt eine gute Nachricht für alle: Zürich schenkt seinen Menschen einen mittelalterlichen Platz. Eine Kontemplierfläche. Einen Ort zum Anhalten für jene ohne Auto.

Die alte Kirche, in deren Stift der Hochadel seine Frauen als Äbtissinnen und Stadtherrinnen platzierte, ist endlich anständig betrachtbar, die Steinflanke aus einigem Abstand in ihrer ganzen Massivität und Wehrhaftigkeit erfassbar. Zurücktreten, den Kopf in den Nacken legen, die Augen zukneifen und sich vorstellen, man schreibe das Jahr 1489 oder so: das neue Ritual auf dem Münsterhof.

Der rückeroberte Platz

Man will plötzlich verweilen auf diesem befreiten, auf diesem rückeroberten Platz, der kirchenseitig ein Friedhof war, bis ihn später die Neuzeit schändete und zur Autofläche degradierte. Und indem man innehält, entdeckt man Dinge, die man immer übersah, weil man den Ort stets nur im En-passant-Modus wahrnahm.

Man liest etwa auf einer historischen Tafel, dass im Haus Luchsgrub Steinmetze ihre Bauhütte hatten. Oder man besinnt sich, dass gleich daneben an der Stelle des Zunfthauses zur Meisen zuvor der Einsiedlerhof stand. Die Niederlassung des mit Zürich assoziierten Abtes des Klosters Einsiedeln.

Billig ist die Rückverwandlung nicht, sie kostet samt flankierender Archäologie fast acht Millionen Franken. Es lohnt sich. Was kann eine Stadt Besseres tun, als ihr Altes neu zu ergründen und sich frisch zu erfinden? In Zürich geschieht das in den letzten Jahren derart intensiv, dass man von einer Art Lebensgefühl reden kann, das aufkommt.

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Um gleich noch einen Platz als Beispiel zu nennen: Der Sechseläutenplatz, einer der grössten Plätze auch im europäischen Vergleich, ist Tag für Tag ein Ereignis, wenn er nicht wieder einmal mit Zirkuswagen zugestellt ist. Die Schüler und Lehrlinge, die auf dem Quarzitboden aus Vals Platz nehmen, machen die Stadt jugendlicher. Frühlingshafter. Frischer. Die bereitstehenden Stühle formieren sich jeden Tag zu anderen Konstellationen.

Und es gibt Preziosen wie das unterirdische Archäologie-Schaufenster im Parkhaus Opéra; das ausgestellte Jagd­gerät verweist auf die untergegangene Welt der prähistorischen Zürcher.

Zürich hat die Fähigkeit, seine Bewohner, Begeher, Benutzer zu bereichern und zu beschenken. Der Cassiopeiasteg in Wollishofen, das leichtfüssige Stelzending, ist ein weiteres Exempel der nahen Vergangenheit. Auch in diesem Fall ist die Veränderung der Perspektive durch die Mittel der Architektur frappant: Plötzlich stehen wir nicht mehr am See, sondern auf dem See. Lang ist der Steg nicht, wenige Hundert Meter, aber er macht die Stadt ungewohnt. Wir sehen sie anders, sie scheint irgendwie breiter und etwas entrückt.

Der Cassiopeiasteg: Das ist Leichtigkeit des Seins am Zürichsee. Man will mehr von dieser moussierenden Empfindung. Und bekommt sie in den immer noch neuen Parks von Oerlikon. In dem einen, dem MFO-Park, steht ein begehbares Riesengerüst mit den Dimensionen eines Mehrfamilienhauses. Kletterpflanzen und Schlinggewächse machen es zur grünen Schachtel, zur Lebend­skulptur, in der man über Treppen in die Höhe steigt und endlich auf der obersten Plattform denkt: Dies ist ein dreidimensionaler Garten.

Stufen für die Lebenslust

Ebenso gut ist der 35-Meter-Spiralturm in Blau im nahen Oerliker Park. Erinnerung an den letzten Sommer: Um den Turm picknickten afrikanische Familien, die Kinder lachten und spielten, es roch betörend nach fremdem Essen. Leicht stieg man in dem Schraubengewinde auf – und oben hatte man wieder einen erfrischenden Blick auf die Stadt und spürte eine körperhafte Lebenslust nach all den Stufen.

Empfehlung: hingehen, geniessen, schauen, atmen. Und wer noch nicht mit dem Fernzug aus dem neuen unterir­dischen Durchgangsbahnhof Löwenstrasse Richtung Bern gefahren ist, mache sich das zum Vorsatz im neuen Jahr. Aus dem Tunnel schiesst der Zug ans Licht, steigt ein erstes Mal auf, erobert sich die Kohlendreieckbrücke, sinkt nieder zur Hardbrücke. Dann die zweite Rampe, es geht auf die Letzigrabenbrücke, die längste Bahnbrücke der Schweiz. Erhaben der Blick auf den geklinkerten Schlachthof von einst, dahinter der Alpenkranz mit rührenden Bergklötzchen.

Die Zürcher Doppelwelle ist Kindervergnügen auch für Erwachsene.

«Meinen Sie Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt / wo man Wunder und Weihen / immer als Inhalt hat?», schrieb einst der Dichter Gottfried Benn. Aus heutiger Sicht muss man antworten: Kleine und gar nicht mal so kleine Wunder liefert diese Stadt in letzter Zeit in hoher Kadenz. Zürich macht regelmässig Freude. 2016 wird sich an diese Regel halten, auf den Frühling hin wird die Pflästerung des Münsterhofs, derzeit noch Flickwerk, vollendet sein.

Das wird sicher grossartig.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.01.2016, 00:18 Uhr)

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