Die Stadtpräsidentin erzählt Märchen
Von Janine Hosp. Aktualisiert am 07.12.2009
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Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden, belagert von einer Schar Kinder und erzählt die Geschichte des kleinen Hasen mit den himmelblauen Ohren. Auf ihrem Schoss sitzt ein dunkelhäutiges Mädchen, das zuvor verloren neben ihr gestanden ist. Worum es bei der Geschichte geht, verstehen nur die Kinder, aber es muss packend sein: Sie hängen der Erzählerin vom ersten Satz an gebannt an den Lippen und markieren die Höhepunkte mit Ahhhs und Ohhhs.
Corine Mauch, Zürcher Stadtpräsidentin, erlebt keine geruhsame Adventszeit. Am 7. März sind Wahlen in Zürich, und ihre Partei, die SP, scheint fest entschlossen, ihren Wählerschwund zu stoppen – mit Mauch. Sie schickte sie am Samstag zum Kinderhüten, und am nächsten Donnerstag ordnet sie sie zu einem «persönlich-politischen Abendspaziergang» ab. Was ihr nächste Woche bevorsteht, will die Partei noch nicht verraten.
Es braucht ein Überangebot
Rund 20 Kinder tummeln sich am Samstagmittag im Singsaal der Fachschule Viventa. Ihre Eltern haben das Angebot der SP10 angenommen, sie für ein paar Stunden gratis zu betreuen. «Absolut wunderbar», sagt Erdem Keser, der soeben seine beiden Kinder abgegeben hat. Er arbeite in der Nacht im Engrosmarkt, seine Frau am Tag im Spital, und erstmals seit Jahren könnten sie nun einige Stunden zu zweit verbringen. Andere Eltern haben ihre Kinder mehr aus Solidarität zur SP nach Wipkingen gebracht – schliesslich sollte der medienwirksame Anlass seine Wirkung nicht mangels Kinder verfehlen.
Statt in der Kälte Flyer zu verteilen, die niemand will, besetzt die SP mit dem Anlass demonstrativ ein Thema, für das sich auch ihre Konkurrenten, die Grünen, seit Jahren engagieren. «Die SP hat viel dazu beigetragen, dass die Stadt Zürich in der Kinderbetreuung eine Pionierrolle spielt», sagt Kopräsidentin Andrea Sprecher. Das heutige Angebot sei zwar gut, es brauche jedoch ein Überangebot, damit alle Bedürfnisse gedeckt werden könnten.
Die Kinder lässt die SP von Gemeinderatskandidaten hüten, stellt ihnen aber, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht, professionelle Betreuerinnen zur Seite. Die Stadtpräsidentin indessen beschränkt sich aufs Märchenerzählen. Sie habe es mit grossem Vergnügen getan, sagt sie, bevor sie an die nächste Veranstaltung entschwindet – im Wissen, dass ihr als Kindergärtnerin oder Hortnerin alle Türen offen stehen, falls sie wie ihr Vorgänger einmal amtsmüde würde.
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(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.12.2009, 04:00 Uhr






