Die Street-Parade ist nicht mehr das grosse Geschäft
Von Janine Hosp . Aktualisiert am 09.08.2010 1 Kommentar
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Günstige Hotels sind ausgebucht
Ende Woche waren sämtliche 1- und 2-Sterne-Hotels in der Stadt Zürich komplett ausgebucht, wie Maurus Lauber, stellvertretender Direktor von Zürich Tourismus sagt. Das entspreche dem sehr guten Stand des Vorjahres. Die nächste Buchungswelle, die diese Woche anläuft, wird vom Wetter bestimmt; jetzt entscheiden sich die Gelegenheitsbesucher, ob sie nach Zürich kommen – die Freaks haben längst gebucht. Laut Lauber werden während der Street-Parade vermehrt auch Luxushotels gebucht. «Die Raver sind älter geworden. Sie gehen auf die 40 zu, haben einen guten Job und können sich teurere Hotels leisten.» Es sei dies auch ein Alter, in dem man mehr Wert auf Lebensqualität lege und sich die Nacht nicht mehr in Clubs oder auf der Strasse um die Ohren schlagen wolle.
So bietet das 5-Sterne-Haus Baur au Lac eigens ein Street-Parade-Special an: Für 870 Franken bekommen die Gäste ein De-luxe-Zimmer mit «Früchten und Aufmerksamkeiten des hauseigenen Chocolatiers» und müssen erst um 15 Uhr auschecken. Zudem bekommen sie zwei Tickets für die Party im Hotelpark. Dort haben sie die Möglichkeit, den Umzug aus nächster Nähe zu verfolgen, und wenn es genug ist, können sie sich am Buffet stärken. Es habe zwar keinen grossen Run auf das Special gegeben, aber das Hotel konnte einige Buchungen entgegennehmen, sagt die Marketing-Verantwortliche. Es seien erfahrungsgemäss nicht die typischen Raver mit Plateauschuhen und bunten Haaren, die ins Baur au Lac kämen. «Es sind eher Gäste aus dem In- und Ausland, die auch gern dazugehören wollen.»
Stichworte
Am Samstag ist es wieder so weit. Tausende werden einer grossen Völkerwanderung gleich die Bahnhofstrasse zum See hinaufströmen – und die Läden links und rechts liegen lassen. «Wir würden besser schliessen, denn Kunden haben wir eh kaum», sagt Michael Haag. Haag ist Sprecher des Kleiderkette Tally Weijl, die an anderen Tagen gerade beim Volk auf der Bahnhofstrasse draussen ziemlich gut ankommt. An einem Street-Parade-Samstag aber erzielt die Filiale nicht einmal die Hälfte des üblichen Umsatzes. Und so schrauben die Verkäuferinnen eben die Musik hoch und machen selber Party, um sich die Zeit bis Ladenschluss zu vertreiben.
Nicht viel anders wird es wohl in anderen Kleiderläden aussehen. Big etwa veranstaltete in früheren Jahren eigentliche Happenings, bot Visagistinnen und Coiffeusen auf, welche die Kundinnen stylten, und ein DJ legte dazu auf. «Das waren die 90er-Jahre», heisst es bei Big. Heute verkleiden sich viele Street-Parade-Besucher nicht mehr. Und wer sich dennoch herausputzt, der tuts zu Hause. Umsatzzahlen will das Geschäft nicht bekannt geben, aber wenn es zwei Stunden früher als üblich schliesst, können sie nicht allzu euphorisierend sein.
Viel Aufwand, kaum Profit
Eigentlich ist es absurd: Gegen 1 Million Menschen kommen am nächsten Samstag nach Zürich, und dennoch sinken in vielen Geschäften die Umsätze. «An der Street-Parade sind die Besucher definitiv nicht in Stimmung, Bücher zu lesen», erklärt Giulio Té von Orell Füssli. Und diejenigen, die in Stimmung wären, meiden die Stadt. Auch Globus-Sprecher Jürg Welti sagt: «Die Vorstellung, dass sich die Street-Parade positiv auf den Umsatz auswirkt, ist falsch.» Dabei wäre das Warenhaus mit seinen Standorten an Bahnhofstrasse und Bellevue perfekt positioniert. Aber sobald der Umzug begonnen habe, könne die Kundschaft gar nicht mehr zum Bellevue vordringen. Und die Raver würden sich lieber am Umzug vergnügen, als ins Restaurant zu sitzen, sagt Welti.
«Es ist nicht mehr so lustig», sagen selbst jene, die in früheren Jahren vom Anlass richtig profitiert haben, wie Victor Steffanelli vom Vorderen Sternen am Bellevue, zu dem auch Belcafé, Sternen-Grill und Rosalys gehören. «Wir haben einen grösseren Aufwand, aber nicht viel mehr Umsatz», sagt er. So dürfen die Betriebe keine Stände oder Bars vor ihrem Lokal mehr aufstellen, ohne den Organisatoren der Street-Parade Abgaben zu zahlen. Sie verzichten deshalb ganz darauf. «Das war vor fünf Jahren noch anders», sagt Steffanelli. Wenn einmal etwas laufe, würden die ansässigen Betriebe in ihrem Tun beschnitten. Dabei müssten sie auch Nachteile in Kauf nehmen; die Gäste, die sonst abends bei einer schönen Flasche Wein bei ihnen dinierten, blieben weg. Sehr gefragt sind hingegen die WCs des Vorderen Sternen. Damit sie nicht völlig verwüstet werden, stehen an diesem Tag zwei Personen im Einsatz: Eine reinigt laufend alle Toiletten, die andere verlangt eine Gebühr.
Weniger Besucher als noch vor 10 Jahren
Auch den Organisatoren der Street-Parade ist nicht entgangen, dass der Anlass nicht mehr das grosse Geschäft ist. Rechneten sie vor zehn Jahren noch damit, dass der durchschnittliche Besucher 150 Franken ausgibt, so sind es heute noch 100 bis 120 Franken. «Die Raver kaufen weniger Kleider und kaum mehr Filme», sagt ihr Sprecher Stefan Epli. Gleichzeitig kommen weniger Besucher an die Street-Parade als zu deren Höhepunkt im Jahr 2000. Damals schätzten die Organisatoren die Zahl der Teilnehmer auf 1 Million, heute erwarten sie noch 700 000 bis 900 000. Im schlechtesten Fall halbiert sich dadurch die Summe, die die Raver – hauptsächlich in Zürich – liegen lassen: Im Jahr 2000 waren es geschätzte 150 Millionen Franken, nun sind es noch 70 bis 108 Millionen.
Wer verdient dann noch an der Street-Parade? Einige Befragte tippen auf die Partyveranstalter, aber selbst die winken ab. «Unsere Marge ist auf 6 Prozent zusammengefallen», sagt Arnold Meyer, der im Hallenstadion mit der Energy die grösste Party der Schweiz durchführt, dieses Jahr bereits zum zwanzigsten Mal. Vor zehn Jahren, sagt er, habe er noch eine Marge von 30 Prozent erzielt. Aber damals waren die DJs auch noch keine Stars und gaben sich mit einer kleineren Gage zufrieden. «Vor 20 Jahren habe ich einem DJ noch 1000 Mark für einen Auftritt bezahlt, heute verlangen die ganz Grossen 50 000 bis 100 000 Franken.» Zudem sei die Konkurrenz unter den Partyveranstaltern mittlerweile enorm. «Die Energy ist finanziell alles andere als interessant. Wir machen das nur noch, damit es gemacht ist.»
Eine schwarze Null für die SBB
Und was ist mit den SBB? Schliesslich setzen sie am Wochenende 105 Extrazüge ein, die nicht schlecht ausgelastet sein dürften. «Wir streben eine schwarze Null an», sagt ihr Sprecher Roman Marti. Den Einnahmen stünden viele zusätzliche Ausgaben für Material, für Lokführer, Zugbegleiter und Sicherheits- und Reinigungspersonal gegenüber. Bei schönem Wetter, wenn «viele Leute im euphorischem Zustand» Zug fahren, könne es sein, dass der Reinigungsaufwand beträchtlich sei.
Andreas Zürcher, Geschäftsführer der City-Vereinigung Zürich, schätzt, dass Fachgeschäfte bis zu 40 Prozent weniger Umsatz erzielen als an einem durchschnittlichen Samstag. Wirklich profitieren würden Lebensmittelläden, sofern es ihnen gelinge, das Sortiment auf die Bedürfnisse der Raver auszurichten. Bei der Migros etwa registriert man an diesem Tag ein völlig verändertes Einkaufsverhalten: Statt Salat werden Energydrinks en masse gekauft, statt Käse, Eistee im Tetrapack. Scheint die Sonne, sind Glaces der Renner, bei Regen Plastikmäntel. Umsatzzahlen gibt die Migros laut ihrer Sprecherin Eve Pfeiffer nicht bekannt. Bereits am Abend zuvor beginnen die Angestellten alle irgendwie verfügbaren Kühler für die Energydrinks zu räumen, damit sie möglichst kalt verkauft werden können.
Niemand klagt
Dennoch: Über die Street-Parade mag niemand klagen. «Wir finden es wichtig, dass Zürich den Hunderttausenden, vielleicht noch wenig kaufkräftigen Besuchern in bester Erinnerung bleibt», sagt Andreas Zürcher. Denn dann, so seine Überlegung, kämen sie in einigen Jahren wieder – und kauften tüchtig ein.
Trotzdem gibt es sie noch, die Gewinner der Street-Parade. Neben den Hoteliers (siehe Kasten) sind dies die Taxifahrer. Sie haben am nächsten Wochenende «Silvester im Sommer», und zwar gleich an drei Tagen hintereinander, wie Remo Santi sagt, Präsident der Taxikommission der Stadt Zürich. Dann hänge fast an jeder Tür ein Kunde. Im Gegensatz zum Silvester seien die Leute fröhlich, und es liege weder Schnee noch Eis auf der Strasse. «Uns steht ein wunderbares Wochenende bevor», schwärmt er. Die Taxihalter rufen nun alle Fahrer auf, sich hinters Steuer zu setzen: «Wenn die Beeren reif sind, soll man mit dem Chörbli in den Wald gehen.»
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Erstellt: 08.08.2010, 23:33 Uhr
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1 Kommentar
Wahrscheinlich hat Zürich ganz "Zürich like" die Preise für alles und allem, besonders für diesen Tag wieder phantastisch in die Höhe veranschlagt, bzw. getrieben...nicht das grosse Geschäft? Andere Städte sehen das nicht so, aber die bleiben auch auf dem Boden mit Ihren Preisen. Antworten






