Die Stunde der Idioten

Zwischen drei und fünf Uhr morgens ist die härteste Streife der Stadtpolizei Zürich. Denn dann werden betrunkene Männer aus den Nachtclubs gespült.

«Sie sind entweder besoffen oder sonstwie drauf»: Nela K. und andere Club-Besucher über die Schattenseiten des Zürcher Nachtlebens.
Video: Jan Derrer, Constantin Seibt

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Ein Mann in einem Club sucht seine Freundin. Das Misstrauen packt ihn. Mit jeder Minute ist er sicherer, dass sie ihn betrügt. Er befiehlt ihrer Kollegin, sie solle sie finden. Sie weigert sich, er droht, sie geht nach draussen, er folgt ihr und beschimpft sie. Zwei Brüder, die eine Zigarette rauchen, versuchen zu vermitteln. Der Mann schlägt nach ihnen. Die Brüder verpassen ihm ein blaues Auge. Der Mann schwört Rache. Er steigt in seinen BMW, zückt das Handy und organisiert zwei Kollegen und ein Messer. Eine halbe Stunde später hält der BMW wieder vor dem Club, der Mann steigt aus und stösst einem der Brüder elfmal das Messer in den Körper. Während dieser stirbt, verletzt der Mann den zweiten Bruder schwer. Dann flieht er.

Der Prozess

Diesen Dienstag beginnt der Prozess im Kaufleuten-Fall, einem der blutigsten und sinnlosesten Fälle der letzten Jahre. Dutzende Experten werden aussagen, um die Tat zu erhellen: Polizisten, Ärzte, Psychologen. Doch genügt den Profis als Erklärung am besten die Uhrzeit: Es geschah Punkt vier Uhr morgens.

Es ist die Zeit, in der Amateure ihre Schwerverbrechen begehen. Meist ohne Vorbereitung. Sie gehen zu einer Party und wachen wieder auf: der eine im Krankenhaus, der andere in der Zelle.

326 Gewaltdelikte

Der Kaufleuten-Mord ist – so schrecklich er ist – ein nahezu klassischer Fall. Die Kriminalstatistik sieht eine starke Häufung von Delikten gegen Leib und Leben von drei bis fünf Uhr morgens: Freitag-, Samstag- und vor allem Sonntagmorgen.

Auch der Ort ist typisch: 326 von 852 schweren Gewaltdelikten in Zürich fanden im Umkreis von 50 Metern eines Clubs statt.

Und das Messer ist die Waffe, die die schlimmsten Verletzungen verursacht. Ein befragter Kampfsportler sagte: «Bei einer Pistole hast du gute Aussichten zu entkommen, wenn du vier, fünf Meter entfernt bist. Und zickzack rennst. Messer sind ernster. Sie sind die Waffe von wütenden Leuten. Selbst echte Profis haben Respekt. Der Wing-Chung-Meister Lo Man Kam sagt: ‹Du hast eine faire Chance gegen ein Messer, wenn du bereit bist, einen Arm zu opfern.›»

Amateure

Der Milieu-Anwalt Landmann prägte ­einen Ausdruck, der in der Zürcher ­Gerichtspraxis zunehmend häufig verwendet wird: «Die Stunde der Idioten».

Das Phänomen dahinter ist in jeder grösseren Stadt bekannt: Es beginnt, wenn die Nachtlokale und Discos schlies­sen. In diesem Moment passieren zwei Dinge: Eine ganze Menge Leute werden auf die Strasse gespült. Und in den Nachtlokalen macht der Sicherheitsdienst Schluss. Die Leute, die auf die Strasse gespült werden, sind überwiegend Männer, oft betrunken, müde und nicht selten frustriert: Wer einen Partner für die Nacht gefunden hat, ist längst gegangen. Was bleibt, ist der Eindruck eines Abends, in dem sich alle anderen besser amüsiert haben.

Ausserdem stehen sich plötzlich ganze Gruppen gegenüber, die tagsüber nichts miteinander zu tun haben. Dann genügt ein Funke, damit es explodiert: ein Blick, eine Geste, ein blödes Wort. Meist gibt es erst Geplänkel. Und dann eskaliert es rasend schnell.

Gewalt geht von Unerfahrenen aus

Gewalt geht dabei fast nie von Profis aus: etwa Zuhältern oder Dealern. Diese kennen die Nacht. Sondern von Unerfahrenen. «Viele Delinquenten wissen am nächsten Morgen nicht mehr, worum es ging», sagt Landmann: «Im Extremfall geht es Ihnen wie dem Taximörder. Sie gehen in den Ausgang, werfen ein paar Pillen ein und erwachen auf einem regennassen Parkplatz, geweckt von der Polizei. Und die fragt Sie, ob Sie das waren, der dem Fahrer im Taxi neben Ihnen die Kehle durchgeschnitten hat.»

Die Zeit zwischen drei und fünf gilt auch als härteste Streife bei der Polizei. Seit etwa 2000 ist die zweite Nachthälfte Hauptgeschäftszeit. Deshalb entwickelte die Stadtpolizei auch das Konzept «Night Police»: mit 30 Leuten mehr. Der Gemeinderat strich es aus dem Budget.

Die Schicht ist hart: von halb 7 bis 12.30, dann nach kurzem Schlaf von 18.30 bis 6.30 Uhr morgens.

Dabei geht es etwa wie folgt zu.

Auf Streife

Vorletztes Wochenende. Langstrasse. Zwei Uhr. Spielschluss Italien - England (2:1). Aus dem Streifenwagen wirkt die Menschenmasse völlig unüberblickbar. Ausser man hat die professionellen ­Augen der Polizei.

«Schlägerei. Ein Schwarzer drückt ­einen Mann an die Wand.»

Die Türen gehen auf. Rauszuspringen aus dem dunklen Wagen in die Menschenmenge fühlt sich für Ungeübte an, als tauche man ins Meer. Man verliert die Orientierung. Als ich wieder klar wurde, war der Fall schon gelöst.

Das mutmassliche Opfer, der Mann im weissen Hemd, der an die Wand ­gedrückt worden war, stand in Handschellen da.

Der Schwarze, der ihn gegen die Wand gedrückt hatte, sagte zur Polizistin: «Du weisst, ich bin ein Arschloch, aber ich mache nichts richtig Dummes.»

Ein Penner mit Rollkoffer, der exakt wie Albert Einstein aussah, zeigte auf den Schwarzen und sagte feierlich: «Er hat notwehrrechtlich richtig gehandelt.»

Das alles ging etwas schnell. Ich war verwirrt. «Der Typ hier hat die Handtasche von seiner Freundin offenbar gestohlen», erklärte einer der Polizisten. «Wir überprüfen jetzt den Ausweis.»

Zeit verging. Der Handtaschendieb stand müde da, ein halbes Kilo Gel in den Haaren und alle Melancholie der Welt in den Augen. Die Streife bestellte den Kastenwagen. Einstein sagte: «Auch die Freundin hat es richtig beurkundet.»

Dann kam der Kastenwagen, und der Schwarze sagte: «Ich will keine Anzeige machen.» Und er wendete sich zu dem Dieb und sagte: «Aber Bruder, ich sag dir . . .» Er beendete seine Rede nicht, weil seine Freundin, eine füllige Latina, den Dieb mit der Handtasche zu schlagen versuchte.

«Jetzt sind viele Diebe unterwegs», erklärte die Polizistin. «Heute ist es dafür perfekt.»

«Profis?»

«Nein, Anfänger», sagte sie: «Die, die auf leichte Beute gehen. Vor allem Betrunkene.»

Auf der Wache

Auf der Wache stellte sich heraus, dass der Verhaftete mit den traurigen Augen kein weisses Blatt war. Sondern der schlechteste Dieb der Welt: Vor zehn Tagen war er eingereist. Und war zum fünften Mal festgenommen worden.

«Wirklich kein Profi», sagten sie.

Mit der Bearbeitung des Falls – Fingerabdrücke, Computer, Verhör auf Arabisch, Rapport – war die Nacht schon halb gelaufen.

«Das ist übrigens die Haupthürde, an der die meisten Bewerber bei der Polizeiprüfung scheitern: Deutsch», erklärte der Einsatzleiter beim Kaffeeautomaten: «Polizist, das ist heute ein Schreibberuf.»

Es war Zeit, ein paar Dinge zu fragen. Dabei ergab sich etwa Folgendes: Vor 2000 war um zwei Uhr Schluss. Seither ist die zweite Nachthälfte die intensivste Zeit. +++ Das Wichtigste, um Betrunkene zu beruhigen: Reden. Reden. Reden. +++ Bei Verhaftungen muss man immer die Hände sehen. (Messer!) +++ Als Polizist fürchtet man Familiengewalt weit mehr als jede Schlägerei. Denn die Emotionen sind hartnäckiger. Und man betritt die Wohnung des Kunden: sein Reich. Das macht viele Leute aggressiv. Und überall, etwa in der Küche, gibt es potenzielle Waffen. +++ Motiv bei Schlägereien ist oft, Frauen zu beeindrucken. +++ Das klappt aber selten: «Nach unseren Beobachtungen ist diese Strategie überbewertet. So wie teure Autos.» +++ Zürich ist eine ziemlich sichere Stadt: Für die über 10 000 Leute, die sich im Ausgang drängen, passiert relativ wenig.

Tatsächlich war die Bilanz der Nacht für warmes Wetter mild: 20 Schlägereien, 17 Lärmklagen, 9 Diebstähle, 7 Trunkenheitsfälle, 6 verdächtige Situationen, 3 Hilfseinsätze, 3 Verkehrsdelikte, 2 freilaufende Hunde, 2 Unfälle, 2 Familienstreitereien, 1 Raub, 1 Falschgeld, 1 Sprayer, 1 angefahrene Katze, 1 Sex in der Öffentlichkeit, 1 Unfug.

Die Clubs

Die Stunde der Idioten ist uralt. Nur ihre Zeit variiert: «Vor 30 Jahren war die wildeste Zeit an der Langstrasse um sechs Uhr abends. Gruppen von Geschäftsherren zogen, schon stockbetrunken, von Striplokal zu Striplokal», so ein erfahrener Clubbetreiber. «Später in den 80er-Jahren lagen die Schnapsleichen um 1 Uhr im Niederdorf. Die Nutzniesser waren die uralten Prostituierten, die wie Muränen aus ihren Löchern kamen und mit einem ‹Komm, Schatzi› die Betrunkenen in den Hauseingang zogen.»

Und wer macht Ärger? Polizei, Clubprofis und Türsteher sind sich einig: Es ist am Anfang des Abends fast unvorhersehbar, wer am Ende randaliert. Der Clubchef: «Der Ärger umfasst alle Nationalitäten und Schichten: Tamedia-Mitarbeiter, Anwälte, Stardesigner – ich habe schon alle gesehen, die sich zum Idioten gemacht haben.»

Der Hauptunterschied zu früher seien die 24-Stunden-Kioske mit Billigbier. Die Teenager bräuchten nicht in Clubs, würden also nicht von der Security kontrolliert. «Jedes Wochenende ist Zürich ein Riesenbottellón.»

«Wir sind eine 24-Stunden-Gesellschaft, aber nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tag: Rund um die Uhr starten die Events. Die Stadt wird mediterranisiert: Jede Badi ist heute auch Bar, Restaurant, Club, WM-Public-­Viewing.»

Die Tricks

Was tun? Die Profis haben zur Stunde der Idioten folgende Tricks:

Clubs wie die Zukunft etwa entlassen die Leute gestaffelt und haben Öffnungszeiten bis morgens um sieben. Dazu benutzen sie das, was sie steuern können. Sie kochen ihre Gäste die letzten eineinhalb Stunden mit sanfter Musik weich. Die Türsteher machen es so: Sie hören sich jeden Quatsch geduldig dreimal an, dann rufen sie den Kollegen. Vor der Aufgabe, dasselbe noch einmal zu er­zählen, kapitulieren die meisten Betrunkenen. Der Anwalt Valentin Landmann rät, gegen zwei Uhr nach Hause zu gehen. Und wenn später, dann auf direktem Weg: kein blöder Witz, keine Debatte, kein Seitenblick. Sondern so langweilig wie möglich zu wirken. Ausserdem soll man sich nicht vor den ­tätowierten Schränken hüten, sondern vor den Normalen. Und schliesslich, falls es Ärger gibt: sich schnell zurückziehen.

Das Erschreckende an der Stunde der Idioten ist, so der Clubprofi, dass sich Leute unter Alkohol, Müdigkeit und Drogen nicht mehr spürten. Und dann verwandelten: «Vom Schaf zum Wolf.»

Doch alle Idiotie sei, genau betrachtet, nur der Unfall von dem, was der Exzess bietet: «Die Grenzen fliessend werden zu lassen. Andere und sich selbst schöntrinken. Im Kopf Ferien machen. Ein anderer sein.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.06.2014, 23:56 Uhr)

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