Bangen um einen der ältesten Zürcher Baumriesen

Einer der wenigen Mammutbäume in der Stadt Zürich wird das nächste Jahr wohl kaum überleben. Die Bauarbeiten der neuen Limmattalbahn könnten sein Ende bedeuten.

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Leser-Reporter Robert T. ist entrüstet, und er kann seine Wut am Telefon nur mit Mühe unterdrücken: «Einer der schönsten Mammutbäume in der Stadt Zürich soll der Limmattalbahn weichen. Das tut mir im Herzen weh und ist unbegreiflich. Für den Baum ist dies das sichere Todesurteil.» Der Mann weiss, wovon er spricht. Sein Spezialgebiet sind Mammutbäume. Allein in der Stadt Zürich hat er ungefähr 50 öffentliche wie private Exemplare aufgespürt, fotografiert, vermessen und säuberlich dokumentiert.

Der von ihm beschriebene Mammutbaum steht in Altstetten an der viel befahrenen Hohlstrasse 602 vor dem Eingang der Bank Julius Bär. Wenige Meter davon entfernt, befindet sich der Bahnhof Altstetten. «Der Baum ist ein absolutes Prachtexemplar. Das Bankgebäude wurde damals extra um den Baum herum gebaut», sagt T.

Beim Mammutbaum handelt es sich wissenschaftlich um einen Sequoia giganteum. Er ist kerngesund, ungefähr 120 Jahre alt und um die 15 Meter hoch. Solche Baumarten können sehr alt werden. Der älteste Mammutbaum in der Stadt ist über 150 Jahre alt und steht im Belvoirpark. Im Zürcher Baumkataster sind 56 Mammutbäume in städtischen Anlagen aufgeführt.

Keine Überlebenschance

Im November vergangenen Jahres haben die Stimmbürger den Bau der Limmattalbahn mit 64 Prozent Ja-Stimmen an der Urne gutgeheissen. Das heisst: Ab 2017 wird die neue Bahn gebaut. Im Rahmen dieser Arbeiten muss die Hohlstrasse verbreitert werden. Und kommt dadurch dem Baum gefährlich nahe.

Der dazugehörige Velostreifen reicht dann bis auf wenige Zentimeter an den Mammutbaum heran. Robert T. hat Einblick in die Baupläne und ist überzeugt: «Diese gravierenden Bauarbeiten wird der Baum nicht überleben.»

Bank fordert Gutachten an

Für die Bank Julius Bär, auf deren Grundstück der Mammutbaum wurzelt, ist der Holzriese seit vielen Jahren ein Wahrzeichen, das den Eingangsbereich verschönert. «Der Baum bedeutet uns sehr viel. Wir wollen verhindern, dass er gefällt werden muss», sagt Jan Vonder Mühll von Julius Bär. Zwar laufen die Verhandlungen zwischen Bank und Limmattalbahn AG betreffend Enteignung noch. Aber wegen des Mammutbaumes habe man explizite Forderungen gestellt.

Vonder Mühll: «Durch die Bauarbeiten und die Verschiebung der Strasse zum Baum hin, wird dieser mit Sicherheit tangiert werden.» Er befürchtet, dass das Wurzelwerk und die Äste bis auf eine Höhe von sechs Metern geschnitten werden müssen. «Deshalb haben wir verlangt, dass ein Gutachten zum Baum erstellt wird.»

Spezialistin begleitet Bauarbeiten

Julie Stucki, Sprecherin der Limmattalbahn AG, bestätigt, dass ein entsprechendes Gutachten bei einer Spezialistin in Auftrag gegeben wurde.

Die Sorgen der Baumfreunde betreffend den Mammutbaum kann sie verstehen und beruhigt die Gemüter: «Der Baum muss aus Platzgründen wegen der Limmattalbahn nicht gefällt werden.» Man sei bemüht, alle Massnahmen zu treffen, die notwendig seien, um ihn während der Bauarbeiten in seiner jetzigen Form zu schützen. Eine Baumspezialistin werde die Bauarbeiten begleiten.

Eine kleine, keinesfalls repräsentative Umfrage vor Ort zeigt, dass die Mehrheit der Passanten skeptisch bleibt. Eine ältere Einwohnerin bringt es auf den Punkt: «Einen solch alten Baum darf man in seiner Ruhe nicht stören.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.03.2016, 11:02 Uhr)

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