Die Telefonkabine, das Stübchen in der Stadt

Wer heutzutage eine Telefonkabine nutzt, gilt als Ewiggestriger. In handylosen Zeiten aber waren die Kabinen oft umkämpft. Ein Bildband zeigt Zürichs noch übrig gebliebene 300 Publifone.

Zürich Hardbrücke: Eines von 300 verbliebenen Publifones in der Stadt. Foto: Oliver Jäschke

Zürich Hardbrücke: Eines von 300 verbliebenen Publifones in der Stadt. Foto: Oliver Jäschke

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Die Telefonkabine ist ein Gegenstand, der die Menschheit scharf in zwei Gruppen trennt. In diejenigen Leute, die schon einmal in einer standen. Und in die anderen, denen diese Erfahrung abgeht.

Gleich mehr davon – doch vorerst etwas zum Auslöser dieses Artikels. Diese Woche erscheint der Bildband «Zürichs Telefonkabinen auf der Spur». Der Zürcher Fotograf Oliver Jäschke dokumentiert die 300 Kabinen der Stadt in allen Wetterstimmungen und Lichtvarianten, in den Spielarten der Umgebung, in den Unterschieden der Modelle.

Da ist der eckige Klassiker bei der Schifflände Bürkliplatz. Da ist das modernere Rundmodell, das stets irgendwie zu hoch wirkt aufgrund seines ­Oberbaus; einsam steht ein solcher Stelz­zylinder zum Beispiel beim Strandbad Mythenquai. Da ist aber auch das ­schaurig ramponierte und vandalisierte Allerweltsmodell auf dem verschatteten Hardplatz (kürzlich wurde es abgebaut, bei Jäschke lebt es weiter).


Zürich Helvetiaplatz. Foto: Oliver Jäschke

Jäschkes Band löst Erinnerungen aus bei all den Leuten, die in Zeiten lebten, als es noch kein Handy gab. Die Fernkommunikation war damals strikt ortsgebunden: Telefoniert wurde zu Hause, im Büro, auf der Post oder eben in der Kabine. Wehe dem, der unterwegs in der Stadt dringend etwas mit dem besten Freund abmachen wollte – und nun stand etwa ein Tamile in der Kabine, der der fernen Mutter den monatlichen Sehnsuchtsanruf abstattete, gegen das internationale Kabelrauschen anschrie und vor Heimweh weinte.

So etwas konnte endlos dauern, man gab mit Vorteil sofort Forfait und zog weiter. Gut dran war, wer wusste, welche Telefonkabinen in der Nähe einigermassen versteckt lagen und daher tendenziell unbesetzt waren. Das war wertvolles urbanes Know-how.

Ein Karton für die Nacht

Kabinen gab es auch, in denen Junkies sich ihr Heroin zuführten: Blut an der Scheibe, Spritze am Boden. Oder aber es stank nach Erbrochenem. Unrat lag herum. Alkis liebten die Telefonkabine als temporäre Wohnung und legten deren Boden für die Nacht mit Karton aus. Alfred Polgar, der Wiener Feuilletonist, schrieb vor etlichen Jahrzehnten: «Aber ist denn das Wesentliche einer Telefonzelle das Telefon? Nein, das Wesentliche sind die vier Wände. Die Enge. Die Ruhe im Lärm. Die immerhin markierte Ab­gegrenztheit gegen Dunkel und Kälte. Die Stübchen-Illusion.»

Zürich Hauptbahnhof, Gleis 12/13. Foto: Oliver Jäschke

Die Telefonkabine als kleines Haus also, als Zuflucht vor den winterlichen Giftwinden. Allerdings waren da auch die Tage der Hitze. Sommers am See in der gleissenden Sonne herrschten hinter Glas 40 Grad. Man riskierte während des Anrufs zu kollabieren und war ­binnen Sekunden schweissnass. Und um den grossen Polgar gleich in einem weiteren Punkt zu ergänzen: Er hat etwas Wesentliches nicht erwähnt. Nämlich das Telefonbuch in seinem grauen Klappgestell.

Man suchte den richtigen Band he­raus, blätterte und blätterte. Ging es um ein Restaurant, wurde man oft nicht ­fündig. Man stellte nämlich zähneknirschend fest, dass irgendein Vorgänger die Seiten mit den Restaurants heraus­gerissen hatte. Übrigens waren diese Telefonbücher meist ziemlich verschmuddelt, was aber noch viel mehr auf die Telefonhörer zutraf. Hielt man mit der Wange nicht Abstand, war man allenfalls mit einem hartnäckigen Gesichtsekzem über drei Wochen geschlagen.

So war das, als es noch kein Handy gab. Wobei die Unterscheidung in früher und heute natürlich zu simpel ist. Die Telefonkabine hat selber eine bewegte, wechselvolle Geschichte hinter sich, sie mutierte ein ums andere Mal. Weltweit die erste öffentliche Sprechstelle soll 1878 in Amerika montiert worden sein, in New Haven, Connecticut. 1881 war es in Zürich auch schon so weit, in der Fraumünsterpost.

Berühmt wurde gut 20 Jahre später die Kabine am Bellevue. Die Tramgesellschaft hatte sie eingerichtet für die Dienstanrufe der Tramfahrer. Diese ­hatten einen Schlüssel. Alle anderen Be­nutzerinnen und Benutzer hingegen mussten zehn Rappen Eintritt in einen Münzschlitz einwerfen, womit gleich das Ortsgespräch bezahlt war – eine frühe Art von Prepaid.

Schlaumeier hielten, wenn sie fertig waren, dem nächsten Warter enfach die Tür auf, sodass dieser gar nichts zu ­zahlen brauchte. Im Jahr 1939 bekam ­Zürich dann den ersten regulären Münzfernsprecher.

Permanent wandelte sich die Telefonkabine durch die Jahre, im Design, aber auch in der Ausstattung der Apparate. In den 80er-Jahren tauchten die Telefonkarten auf. Es folgten Modelle, die Kreditkarten akzeptierten. 1997 schliesslich war das Jahr, als die Telefonkabine den Zenit ihres Erfolgs erreichte. 61 000 Stationen waren im Land installiert.

Das Handy war da allerdings längst präsent als prestigiöser Konkurrent. Heute ist es ein Jedermannsding ge­worden und lässt die übrig gebliebenen Telefonkabinennutzer wie Loser aus­sehen. Oder wie Ewiggestrige – nicht von ungefähr ist dieser Artikel über die Telefonkabine zum Gutteil in der Vergangenheitsform geschrieben. Das Gros der Leute, gerade in der Stadt, hat aufs Handy gewechselt.

«Publifon faktisch obsolet»

1999 gab es in der Stadt Zürich 762 Publifone, also Kabinen und andere öffentliche Sprechstationen. Mitte dieses Jahres waren es um die 300. Der Abbau schreitet voran; nur noch ein gutes Jahr ist die Swisscom aller Wahrscheinlichkeit nach verpflichtet, ein Grundangebot an Telefonkabinen zu unterhalten; derzeit ist der Entwurf der Fernmel­deverordnung in der Vernehmlassung. Publifone seien mittlerweile ein «Nischengeschäft», heisst es bei der Swisscom. Von 2004 bis 2014 sei die Anzahl Publifon-Gespräche um 90 Prozent zurückgegangen.

Wird es in zehn Jahren in Zürich noch Telefonkabinen geben? Die Swisscom-Medienstelle lässt es offen. Sie sagt immerhin, die flächendeckende Ver­breitung von Handys mache Publifone «faktisch obsolet». Hinfällig.

Was, wenn die Telefonkabine ganz verschwindet? Dann gibt es immerhin noch die Fotos von Oliver Jäschke. Seine Lieblingskabine im Buch, sagt er am Telefon, sei das ehrwürdige Doppelmodell an der Zurlindenstrasse 111. Er habe es vor gut zwei Jahren fotografiert. Mittlerweile seien die beiden Kabinen allerdings entfernt worden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.11.2015, 23:00 Uhr

Oliver Jäschke: Zürichs Telefonkabinen auf der Spur. Eigenverlag. 45 Franken.

www.jaeschke.ch

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