Die Trämler-Musik kämpft ums Überleben

Die Musik der Verkehrsbetriebe Zürich feiert dieses Jahr den hundertsten Geburtstag. Trämler geben längst nicht mehr den Ton an. Und der Verein leidet unter Mitgliederschwund.

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Es war das Jahr, als die Pulvermilch erfunden wurde und der Maggi-Würfel den Markt eroberte. Im Herbst 1908 regte ein Wagenführer eines «elektrischen Tramwagens» die Gründung der Strassenbahnermusik Zürich an. «14 Collegen», wie im ersten Protokoll geschrieben steht, versammelten sich im Restaurant Schifflände. Nach der Gründung beschlossen die «Collegen», 14 Instrumente für 1100 Franken von der «Musikalienhandlung Gebr. Hug» anzuschaffen. Einen Beitrag an den Kauf hatte der «Verein der Angestellten der Städtischen Strassenbahn» zu gewähren, um die Gründung der an diese Gewerkschaft gebundenen Musik zu ermöglichen. Sogleich begann die Truppe im Hinteren Sternen beim Bellevue zu üben. Bereits im Dezember folgten die ersten Auftritte an den Abendunterhaltungen der Angestellten des Depots Seefeld im Casino Tiefenbrunnen und des Depots Burgwies im Restaurant Burgwies, wo «vor der Öffentlichkeit ein Marsch vom Stapel gelassen» wurde. Der Beifall soll rauschend gewesen sein.

Fast neunzig Jahre am 1.-Mai-Umzug

Am 1.-Mai-Umzug 1909 spielte die Strassenbahnermusik Zürich erstmals an der Spitze der Trämler. Als Angestellte setzten sie sich gegen Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt zur Wehr. Nach nahezu neunzig Jahren formierte sich die «rote» Musik 1997 zum letzten Mal am Tag der Arbeit zur Demonstration. Dass die Kundgebung zunehmend von Chaoten missbraucht und von gewalttätigen Sachbeschädigungen überschattet wird, das ist «nicht im Sinne eines aufrichtigen Gewerkschafters», heisst es in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Musik der VBZ. Die Gewerkschaft hatte keine Freude, als die letzte noch am 1.-Mai-Umzug spielende Formation wegblieb.

Die Trämler geben im Verein ohnehin längst nicht mehr den Ton an. Nur noch drei VBZler sind dabei, die Mitglieder kommen jetzt aus allen Schichten: Vom Handwerker über den Banker bis hin zur Altersheimleiterin. Viele sind Nachkommen von einstigen VBZ-Angestellten. Auch die Parteizugehörigkeit spielt keine Rolle mehr. Märsche und Ouvertüren stehen nicht mehr an oberster Stelle, jetzt ist namentlich Schlager- und leichte Unterhaltungsmusik Trumpf. «The Best of the Beatles» gehört zum Standardrepertoire.

Heute findet sich die VBZ-Blasmusik jeweils zu einem Ständchen ein, wenn eine Tramschlaufe oder eine neue Linie der VBZ eingeweiht wird. Oder sie spielt auf, wenn einer aus ihren Reihen zu Grabe getragen werden muss. Obendrein gibt sie Konzerte in Altersheimen, ist in Quartieren zu Gast, in einer Woche zum Beispiel auf dem Lindenplatz in Altstetten. Auch konzertiert sie an jedem Anlass der Zürcher Blasmusiktage.

Auf die Hälfte geschrumpft

Seit fast einem halben Jahrhundert ist René Kammer mit von der Partie. Seine schönsten Erinnerungen sind Vereinsreisen, zum Beispiel Mittelmeerkreuzfahrten, die man sich damals privat nicht leisten konnte. Unvergessen sind auch die Maifeiern. Als die Arbeitermusik am frühen Morgen die Menschen in den Spitälern und Altersheimen weckte. Als alle nach dem Auftritt im Restaurant Rosengarten an der Kalkbreite zusammensassen, wo es Fleischkäse mit Kartoffelsalat gab und innert zehn Minuten 50 Liter Bier flossen. Tempi passati.

Während der Blütezeit zählte die Truppe über 70 Aktive, nun ist der Mitgliederbestand auf die Hälfte geschrumpft. Ein Drittel sind Frauen. René Kammer und seine Kollegen sorgen sich um die Zukunft. «Wir haben grosse Mühe, neue Leute zu finden, und müssen aufpassen, dass wir nicht in den Sog des allgemeinen Vereinssterbens geraten.» Jetzt, da die Musik hundert Jahre überlebt hat, sei die Hoffnung erst recht da, «dass es uns gelingt, auf einem neuen Gleis in die Zukunft zu fahren».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2008, 08:02 Uhr

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