Die Unwillkommenen

Die schwierige Wirtschaftslage in Europa bringt viele schlecht ausgebildete Arbeitsmigranten nach Zürich. Die hiesigen Hilfswerke stehen vor einem Dilemma: Sie wollen keine Anreize schaffen, müssen im Notfall aber helfen können.

Will Arbeitsmigranten aus Europa nur bedingt aufnehmen: Pfuusbus der Pfarrer-Sieber-Werke.

Will Arbeitsmigranten aus Europa nur bedingt aufnehmen: Pfuusbus der Pfarrer-Sieber-Werke. Bild: Keystone

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Arbeitsmigranten aus Europa bereiten zurzeit mehreren städtischen Hilfswerken Sorgen. Im Pfuusbus von Pfarrer Sieber sind mehr als die Hälfte der 27 Schlafplätze durch sie besetzt. Bei der Zürcher Stadtmission gibt man täglich 80 Mahlzeiten heraus. Normal wären 50. «Wir stossen langsam an unsere Kapazitätsgrenzen», erklärt deren Leiterin Regula Rother. Kürzlich wurden deshalb verschiedene Hilfswerke bei Stadtrat Martin Waser vorstellig, um ihre Anliegen und Erkenntnisse vorzustellen.

Das Problem: Die Arbeitsmigranten sind meist schlecht ausgebildet und sprechen kein Deutsch. «So haben sie kaum Chancen, hier eine Arbeit zu finden», erklärt Rother. Und in Zürich gilt: «Ohne Arbeit keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit.» Die Hilfswerke stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Einerseits wollen sie keine Anreize schaffen, welche die Arbeitsmigranten zu einem längeren Aufenthalt in Zürich animieren. Andererseits wollen sie – angesichts der immer kälter werdenden Nächte – deren Gesundheit nicht in Gefahr bringen.

Busbillett in die Heimat

Im Pfuusbus löst man dies zurzeit damit, dass die Arbeitsmigranten dort höchstens drei Nächte verbringen dürfen. «Und dies während der gesamten Saison von November bis April», wie Walter von Arburg von den Sozialwerken Pfarrer Sieber erklärt. Einheimische Obdachlose könne man zurzeit noch immer unterbringen. Bei zu wenig Platz würde man sie an die Notschlafstellen der Stadt verweisen, die grundsätzlich keine Migranten aufnehmen.

Bei der Stadtmission bietet man keine Übernachtungsmöglichkeiten an. Einzig für Spezialfälle wie Familien mache man Ausnahmen. «Wir versuchen ihnen zu erklären, dass sie hier keine Chance auf eine Arbeit haben.» Unterstützt werden sie mit Mahlzeiten. Auch Busbillette in die Heimat bezahlt man ihnen. Doch nicht jeder will gehen. «Ein Rumäne sagte mir kürzlich, dass er zu Hause gar nichts bekomme und hier wenigstens eine Suppe. Weshalb sollte er zurückgehen?», erinnert sich Rother.

Europaweites Phänomen

Rund 10 bis 15 Arbeitsmigranten melden sich täglich bei der Stadtmission. Dabei sind längst nicht alle aus Süd- oder Osteuropa. Auch einzelne Hartz-IV-Empfänger aus Deutschland wollen hier ein neues Leben beginnen. Von allen werden die Personalien aufgenommen. «Wenn wir jemandem ein Busbillett nach Hause bezahlt haben und er nach drei Monaten wieder bei uns vorstellig wird, bezahlen wir kein neues.»

Rother gibt an, dass Zürich bei weitem nicht die einzige Metropole sei, die zurzeit vor diesem Phänomen steht. Auch in Stockholm oder deutschen Städten nimmt die Zuwanderung aus Europa zu. «Vielen Ländern geht es richtig schlecht, da beginnen auch die Bildungsfernen zu wandern.» Erst wenn die Temperaturen unter null sinken, will die Stadtmission Übernachtungsmöglichkeiten für die innereuropäischen Wirtschaftsflüchtlinge bereitstellen. Ein Konzept sei bereits ausgearbeitet und «könnte innerhalb einer Woche in Betrieb genommen werden», wie Rother erklärt. Hier werden die Hilfswerke die Stadt um finanzielle Unterstützung angehen.

Die Stadt klärt ab

Im Gespräch mit Stadtrat Waser habe man noch keine konkreten Forderungen gestellt. «Einen von der Stadt zur Verfügung gestellten Raum zum Duschen und Kleiderwaschen» würden die Hilfswerke aber begrüssen. «Wichtig war uns einfach, dass die Stadt unsere Erkenntnisse hört und sieht, dass hier etwas im Gange ist», erklärt Rother.

Bei der Caritas Zürich könnte man sich vorstellen, dass die Stadt eine Anlaufstelle schafft, welche die Arbeitsmigranten möglichst von einer Rückkehr in ihre Heimat überzeugt, wie deren Sprecher Ariel Leuenberger erklärt. «Das Problem ist, dass sie zurzeit oft von einer Stelle zur nächsten geschoben werden. Und oft können die Sozialarbeiter nicht helfen, weil sie deren Sprache nicht sprechen.»

Bei der Stadt hat man ein offenes Ohr für die neuen Herausforderungen der Hilfswerke, wie Thomas Meier, Sprecher des Sozialdepartementes erklärt: «Aufgrund des Gesprächs sind wir gegenwärtig daran, die Situation zu analysieren und mögliche Massnahmen zu prüfen. Sobald diese Arbeiten abgeschlossen sind, werden wir den Hilfswerken unsere Einschätzung mitteilen.» Doch die Stadt geht mit den Hilfswerken in einem Punkt einig: «Klar ist, dass wir verhindern werden, dass Zürich zum Anziehungspunkt für Menschen ohne berufliche Perspektive in unserer Stadt wird.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.11.2012, 12:38 Uhr)

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