Die Verlangsamung Zürichs

Tempo 30 in den Wohngebieten ist laut der Stadt eine Erfolgsgeschichte: Seit Mai 1991 sind 134 Tempo-30-Zonen eingerichtet worden. Nun sollen ein paar Dutzend dazukommen.

Die Markierungen änderten immer wieder: Im Juni 2003 malen Strassenarbeiter Schachbrettmuster auf ein Belagskissen an der Ecke Josef-/Gasometerstrasse in Zürich.

Die Markierungen änderten immer wieder: Im Juni 2003 malen Strassenarbeiter Schachbrettmuster auf ein Belagskissen an der Ecke Josef-/Gasometerstrasse in Zürich. Bild: Keystone

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Die Vision lautete: Die Quartierstrasse gehört allen. Fussgänger wie Autofahrer und Velofahrer sollten sich sicher im Strassenraum bewegen können. Nachdem der Bundesrat 1989 die gesetzlichen Voraussetzungen für Tempo-30-Zonen geschaffen hatte, machte sich die Stadt Zürich rasch an die Planung und Umsetzung.

Vor genau 21 Jahren wurde zwischen der Winterthurer- und der Dübendorferstrasse in Schwamendingen die erste Tempo-30-Zone Zürichs eingeführt. In den folgenden acht Jahren kamen weitere 39 verkehrsberuhigte Abschnitte dazu. Diese sind vorwiegend mit baulichen Mitteln wie kleinen Rampen, Belagskissen und Trottoirnasen ausstaffiert worden. Zudem wurden Parkplätze versetzt oder schräg angeordnet.

«Omeletten» und «Helikopterlandeplätze»

Die neuen Zonen waren heftig umstritten. Mitte der 1990er-Jahre waren mehr als zwei Drittel der ausgeschriebenen Zonen durch Einsprachen blockiert. Trotzdem wollten bald auch weitere Quartiere Tempo-30-Zonen. Weil Zürichs Kassen leer waren, änderten die Stadträtinnen Esther Maurer (SP) und Kathrin Martelli (FDP) 1999 ihre Strategie. Auf teure Baumassnahmen wurde verzichtet.

Stattdessen «verzierte» man die Strassen nach dem Vorbild Englands und Skandinaviens mit Bodenmarkierungen: weisse Querbalken als optische Bremsen und Rondelle – im Volksmund auch «Pommes frites» beziehungsweise «Omeletten» oder «Helikopterlandeplätze» genannt. Sogenannte Mehrfachsignalräcke (mehrere Verkehrstafeln zwischen zwei Eisenstangen) und Signalpoller bildeten den Eingang der Zone. Auf Schwellen wurde fortan verzichtet.

Charmeoffensive gegen renitente Autofahrer

So konnte das Tempo der Einführung der Tempo-30-Zonen deutlich erhöht werden. Allein im Jahr 2000 kamen weitere 82 dazu. Dazu lancierte die Stadt eine Charmeoffensive. Mit der Kampagne «Mit 30 fängt das Leben an» sollte mehr Akzeptanz geschaffen werden. Ziel: Die Autofahrer überzeugen statt schikanieren.

Mittels Geschwindigkeitsmessungen und Unfallauswertungen wurden die Tempo-30-Massnahmen überprüft. Befund: Zwar passten die Autofahrer die Geschwindigkeit an, aber ihr Tempo war immer noch zu schnell. Die Bodenmarkierungen zeigten keine Wirkung, Poller mitten in den Belagsrondellen hingegen schon. Man stellte auch fest, dass eine schöne Strassenraumgestaltung viel beitragen konnte. Eine schlechte Gestaltung führe teils aber zu aggressiverem Verhalten wie bremsen, beschleunigen und wieder bremsen.

Weniger Unfälle mit Kindern

Positiv entwickelten sich die Unfallzahlen. Insbesondere die Anzahl Vorkommnisse mit Kindern nahm um beachtliche 20 Prozent ab. Auch waren weniger Schwerverletzte zu beklagen als in den Vor-Tempo-30-Zeiten.

Da man sich damals noch in der Pionierphase befand, kam es zu einem Wildwuchs an Markierungen in der ganzen Schweiz. Der Bund stoppte diese Entwicklung und führte 2002 Richtlinien ein. Auch Zürich hat diverse Eigenkreationen wieder entfernen müssen. Die «Omeletten» und weissen «Pommes frites» verschwanden wieder.

Nun kommt der nächste Ausbauschritt

Fortan waren nur noch vier Bodenmarkierungen zulässig: Hinweis auf Kinder bei Schulen, die Zahl 30 am Boden, Leitlinien auf Kreuzungen sowie weisse Dreiecke oder Schachbrettmuster für die Kennzeichnung von Schwellen. Nicht vom Streichkonzert betroffen waren die erhöhten «Omeletten», also die Belagskissen, sowie die Poller, da diese die Aufmerksamkeit der Autofahrer erhöhen.

Inzwischen sind in der Stadt Zürich 134 Tempo-30-Zonen eingerichtet. Die Stadt bilanziert positiv: Die Lebensqualität ist dank weniger Lärm und mehr Sicherheit gestiegen. Nun soll ein weiterer Ausbauschritt folgen. Heute Mittwochnachmittag präsentiert Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen (SP) rund vier Dutzend neue Zonen, die mit Tempo 30 lärmsaniert werden sollen.

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Erstellt: 30.05.2012, 12:44 Uhr

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