Die «Virenschleudern» sind zurück
Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 30.03.2010 3 Kommentare
Zurück zur Tüechli-Praxis: Schüler müssen wieder mit Stofftüchern ihre Hände trocknen. (Bild: Nicola Pitaro)
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Die Schweinegrippepandemie, vor der im Herbst die halbe Welt gezittert hatte, ist fast unbemerkt vorbeigezogen – auch in Zürich. In den Schulen haben die Hauswarte längst aufgehört, Klinken und Geländer zu putzen, und die Lehrer schütteln ihren Schülern wieder ungeniert die Hände. Nun sorgt aber eine Mail aus dem Stadtzürcher Schul- und Sportdepartement für Irritation. Mit dem Ende der Pandemie werde die Lieferung von Papierfalztüchern und Nachfüllseife eingestellt, heisst es im Schreiben, und das Trocknen der Hände müsse wieder wie vor der Schweinegrippe mit den althergebrachten Stofftüchern erfolgen.
Lilo Lätzsch, Sekundarlehrerin am Zürichberg, kann das nicht verstehen. Im Herbst habe das Schuldepartement noch gewarnt. Der Direktor der Schulgesundheitsdienste, Daniel Frey, bezeichnete die Stofftücher als «Virenschleudern», und den Eltern wurde als erste Präventionsmassnahme geraten, die Handtücher zu Hause durch Papiertücher zu ersetzen. Lätzsch wünscht sich darum – mit einem Augenzwinkern – die Schweinegrippe zurück, damit «das hygienische Steinzeitalter in Zürich endlich ein Ende hat».
Rückkehr zur Tüechli-Praxis nur provisorisch
Marc Caprez, Sprecher des Schul- und Sportdepartementes, bestätigt, dass vorerst keine Papiertücher mehr geliefert würden. Als Grund nennt er die fehlenden Behälter für die Tücher. Im Herbst seien die Papiertücher notfallmässig verteilt worden. Doch in den Schulzimmern seien sie mehr oder weniger lose aufgelegen.
Mit der Rückkehr zu den Stofftüchern zeigt die Stadtverwaltung ein Einsehen mit den Hauswarten, die die gebrauchten Tücher jeden Abend in den Schulzimmern verstreut einsammeln mussten. Caprez betont aber, dass die Rückkehr zur alten Tüechli-Praxis nur provisorisch sei. Mittelfristig würden alle Schulzimmer mit Papierbehältern ausgerüstet. Diesem «dringenden Wunsch» schliesst sich auch Daniel Frey an, denn die Stofftücher seien auch dann unhygienisch, wenn nicht gerade die Schweinegrippe grassiere. Über schmutzige Handtücher würden andere Infektionskrankheiten wie Hepatitis A übertragen.
3000 Schulzimmer umrüsten
Frey zeigt aber für die Stadtverwaltung Verständnis. Immerhin müssten etwa 3000 Schulzimmer umgerüstet werden. Dies wird Kosten von etwa einer Million Franken verursachen. Offen ist zudem, ob am Ende wirklich Papiertücher oder doch eher Handföhns montiert werden. Zuständig dafür ist die städtische Immobilien-Bewirtschaftung (Immo). Dort verteidigt Sprecher Marc Huber die vorübergehende Rückkehr zur Stofftuch-Lösung. Es sei nicht so einfach, alle 120 Schulen und alle Horte und Kindergärten umzurüsten. «Wir können den Hauswarten nicht einfach Bohrer und Dübel in die Hand drücken.»
In vielen Schulhäusern seien Vorgaben der Denkmalpflege und Normen zu berücksichtigen. In Kindergärten sei ein Papierkasten nicht auf gleicher Höhe zu montieren wie in einer Sekundarschule. Weiter will die Immo den Sanierungszyklus eines Schulhauses beachten. Wenn eine Gesamtsanierung ansteht, werde nicht noch ein Papierbehälter ins alte Schulzimmer gehängt, sagt Huber. Wann die Stofftücher in den Schulen verschwunden sein werden, kann er noch nicht sagen. Es bestehe allerdings aus seiner Sicht kein Handlungsdruck. Daniel Frey meint dazu: «Wenn die Stadt Zürich etwas macht, dann macht sie es richtig.» Er ist aber überzeugt, dass Zürich eine vorbildliche Lösung finden werde.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.03.2010, 15:32 Uhr






