Die Winkelwiese entzweit die Altstadt

Masslos oder bald ein Denkmal? Die Abgabe der Winkelwiese im Baurecht sorgte an einem Podium für hitzigste Diskussionen.

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Es dauerte keine 20 Minuten bis sich die gespannte Atmosphäre erstmals entlud. Die Winkelwiese sei der falsche Ort, um ein Denkmal des 21. Jahrhunderts zu bauen, hatte der Projektgegner Jürg Peyer auf dem Podium gesagt, als jemand demonstrativ applaudierte – dafür, dass ein Denkmal gebaut werden soll.

Seit Monaten brodelt es in der Altstadt, weil die Stadt die Winkelwiese dem Millionär Frank Binder im Baurecht abgeben will. Am Donnerstagabend trafen Gegner und Befürworter nun erstmals an einer Podiumsveranstaltung aufeinander. Für die Gegner sassen der freisinnige alt Kantonsrat Jürg Peyer und SP-Kantonsrätin Andrea Sprecher auf dem Podium, für die Befürworter der mögliche Baurechtsnehmer Frank Binder und als Vertreter der Stadt Peter Ess, Direktor des Amtes für Hochbauten. Rund 120 Personen haben sich im Saal vom Weissen Wind eingefunden und wie sich im Laufe des Abends am Applaus zeigte, waren es vor allem Projektgegner.

Was ist es aber, was die Gegner am Projekt stört? wollte Podiumsleiter Michael Furger, Redaktor der NZZ am Sonntag, wissen. Andrea Sprecher kritisierte, dass einer allein so viel Platz beansprucht. Alleine der Wellnessbereich sei so gross wie vier Familienwohnungen. «Das ist masslos!» Zudem sei es alles andere als ökologisch, wenn jemand zwei bis drei Mal so viel Energie verbrauche wie andere Leute. Frank Binder sollte später darauf antworten, dass er die geplante Villa nicht alleine belegen würde. Neben ihm und seiner Partnerin würden seine Mutter und ein Haushälterpaar zuziehen, allenfalls kämen noch Kinder dazu. Zudem sei das Haus klimaneutral; dank Sonnenkollektoren und Erdsonden benötige es keine fossile Energie. «Das ist das Maximum, das man machen kann.»

Jürg Peyer seinerseits störte sich daran, dass in der Altstadt eine moderne Villa gebaut werden soll. «Hier passt man sich an und ordnet sich ein. Wenn das Projekt durchkommt, reisst es ein.» Zudem werde die Stadt nichts mit der Villa anfangen können, wenn sie in 62 Jahren an sie fällt: «Was will sie schon mit einem Pool im 4. Stock?» Ess entgegnete, Binder habe eine moderne Villa bauen müssen. «Wir haben ihm weitgehend gesagt, wie sein Haus aussehen muss.»

Beide Parteien schonten sich nicht: Die Gegner mussten sich anhören, sie hätten von Tuten und Blasen keine Ahnung vom Baurecht, die Befürworter, sie hätten nicht alle gleich behandelt. Das Publikum quittierte die Aussagen der gegnerischen Partei mit höhnischem Gelächter, die der eigenen Leute mit lautem Beifall.

In der Folge wurde vor allem über Zahlen diskutiert, über Wohnfläche, Grundfläche, Anzahl Geschosse. Für jede Partei stand ein Helfer am Hellraumprojektor und widerlegte eine Folie die Aussage des Gegners dann knallten sie sie wie ein Ass auf den Projektor. Klärung tat tatsächlich Not, denn im Abstimmungskampf kursierten verschiedenste Zahlen. Am Ende blieben wohl alle bei ihrer Überzeugung. Die Gegner beharrten darauf, dass die Wohnfläche des Neubaus mehr als doppelt so gross ist wie jene der heutigen Villa, Ess beteuerte, sie sei nicht wesentlich grösser. Die Zahlen seien «elastisch»: Man habe bei der Ausschreibung ein «Klötzchen» in den Park gestellt, damit sich Interessenten das Volumen vorstellen könnten, die genauen Masse wollte man erst beim konkreten Projekt festlegen.

Ob die Gegner Rekurs einreichten,wenn das Volk die Baurechtsvergabe gutheisse, wollte der Moderator von Peyer wissen. «Das ist anzunehmen», meinte er und schob nach: «Ich bin aber kein Hellseher.» Seiner Meinung nach hätte die Stadt ohnehin erst mit den Nachbarn reden müssen, bevor sie zu planen begann.

Eine Schlammschlacht im Quartier

Als die Runde geöffnet wurde, wollten die Wortmeldungen kein Ende nehmen. Ein Sprecher forderte, dass der Neubau ein Mehrfamilienhaus sein müsse, da schon die Vorgängerin der heutigen Villa eines war. Ein anderer verlangte, das Projekt müsse nochmals ausgeschrieben werden und zwar mit den gleichen Vorgaben, von denen nun Binder profitiere. Befürworter meldeten sich nur wenige, eine darunter war aber die «Frau vom Plakat» des Pro-Komitees. Sie sei – noch – SP-Mitglied, sagte sie. Aber sie frage sich, ob es in Zürich nicht dringendere Probleme gäbe als die Baurechtsvergabe. Ein anderer meinte, es sei völlig daneben, was sich Binder gefallen lassen müsse, die Leserbriefe der Gegner seien unter der Gürtellinie.

Eines der letzten Voten sorgte für einen kurzen Moment für betretenes Schweigen. Früher, so sagte die ältere Frau, habe man sich im Quartier noch gegrüsst, manchmal auch Feste gefeiert. Seit der Sache mit der Winkelwiese sei im Quartier aber eine Schlammschlacht in Gange. Es werde viel geredet und es gehe nicht mehr um die Sache, sondern, was wisse sie, um Macht. «Ich würde sogar sagen, es ist Neid.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2008, 20:54 Uhr

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