«Die Wohnung ist nicht nur schön, der Mietpreis sinkt auch laufend»

Während die Stadt noch forscht, wie sich Zürich der 2000-Watt-Gesellschaft nähern kann, hat ein Neubau in der City dieses Ziel bereits erreicht. Davon profitieren die Bewohner – auch finanziell.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Stadt Zürich hat sich der 2000-Watt-Gesellschaft verpflichtet und will den Energieverbrauch pro Kopf reduzieren. Heute Dienstag präsentiert Energieforschung Stadt Zürich an einer Fachtagung erste Erkenntnisse ihrer Forschungsarbeiten und stellt laufende und geplante Projekte vor. Gleichzeitig werde «ein Blick über die Grenze nach Dänemark und Deutschland geworfen», heisst es in der Einladung zur Tagung.

Dabei ist der Blick über die Grenze gar nicht nötig. In Zürich existiert bereits seit zweieinhalb Jahren ein gutes Beispiel dafür, wie die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft in der Praxis effizient erreicht werden können. Die Bewohner des Hauses an der Badenerstrasse 380 haben sich gegenüber dem «Rest der Welt» sogar vertraglich dazu verpflichtet, ihren Energieverbrauch auf maximal 2000 Watt pro Person zu reduzieren – und dieser Vertrag ist für alle weithin sichtbar in grossen Lettern auf der Fassade festgehalten.

«Der Vertrag macht neugierig»

Die aussergewöhnliche Fassadengestaltung sorgt immer wieder für Aufsehen unter den Passanten. «Ich werde häufig darauf angesprochen. Die Leute fragen sich, was das soll. Der Vertrag macht neugierig und regt zu Diskussionen an», sagt Katrin Pfäffli. Die Architektin gehört zu den Erstbezügern des Hauses, das im Mai 2010 fertiggestellt wurde – und sie möchte ihre Wohnung am liebsten nie mehr verlassen.

«Wir leben in einer 4-Zimmer-Wohnung mit rund 95 Quadratmetern und bezahlen rund 2400 Franken pro Monat inklusive Nebenkosten. Sie ist perfekt und es lebt sich grossartig hier. Die Wohnung ist nicht nur sehr schön, der Mietpreis sinkt auch noch laufend», schwärmt sie. Einerseits werde ihr bei der Nebenkostenabrechnung jeweils ein Teil der Akontozahlung rückerstattet, andererseits werde der Mietzins immer sofort dem Hypozins angepasst. «Das habe ich in meinen bisherigen Mietverhältnissen nie so erlebt.»

Erstes sechsstöckiges Holzhaus der Stadt

Rolf Hefti, Geschäftsführer der Baugenossenschaft Zurlinden, der das Gebäude gehört, erklärt das vielschichtige Geheimnis dieser erfolgreichen Entwicklung. «Der Neubau an der Badenerstrasse ist das erste Gebäude, das wir nach dem Energieeffizienzpfad des Schweizerischen Ingenieur- und Architekturvereins (SIA) errichtet haben. Diese Vorgaben zur Verbesserung der Erstellungsenergie, der Betriebsenergie sowie der durch den Standort des Gebäudes ausgelöste Mobilitätsenergie spielten bei sämtlichen Aspekten des Neubaus eine Rolle – sei es bei der Fassadengestaltung, bei den Decken und Wänden oder bei der Inneneinrichtung.»

Das Gebäude ist zudem das erste sechsstöckige Holzhaus der Stadt Zürich. «Wir haben Holz gewählt, weil es ein nachhaltiger, natürlicher Baustoff ist und nur wenig graue Energie für die Verarbeitung notwendig ist», so Hefti. Ein Aspekt der Berechnungen für die Energieeffizienz eines Hauses sei nämlich auch der spätere Rückbau. «Ein Holzbau lässt sich leichter abbauen und das Material kann rezykliert werden.»

Heizen mit Grundwasser und Abwärme

Auch zum Beheizen des Hauses setzt man nachhaltig auf Wasser statt auf Öl. «Wir nutzen die Abwärme des Grundwassers. Die Wärmepumpe wird durch Strom betrieben, den wir über die Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Gebäudes gewinnen», erklärt er weiter.

Wichtig sei gemäss Hefti jeweils auch eine gewerbliche Erdgeschossnutzung in den Liegenschaften der Baugenossenschaft Zurlinden. Im Gebäude an der Badenerstrasse ist beispielsweise eine Migros-Filiale eingerichtet. «So wird die Quartierversorgung gewährleistet und die Mobilität reduziert, denn für den Einkauf brauchts kein Auto.» Es habe in diesem Fall zudem den Vorteil, dass die Abwärme der Kühlgeräte in der Migros für das Warmwassersystem des Hauses genutzt und damit das Gebäude beheizt werden könne.

Nebenkosten liegen bei 50 Franken pro Monat

Die verschiedenen Massnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs zeigten bereits bei der ersten vollen Nebenkostenabrechnung Wirkung. «Im Normalfall wird ein Akonto-Betrag von rund 150 Franken pro Monat berechnet, um die Abweichungen der Nebenkosten aufzufangen», so Hefti. «Im Gebäude an der Badenerstrasse haben wir diesen Wert bereits halbiert. Nun liegt er effektiv bei 50 Franken pro Monat.»

Die Genossenschaft musste also allen Bewohnern einen Teil der Akontozahlungen ausbezahlen. «Das hat sogar mich überrascht. Und es zeigt mir, dass wir mit unserem Projekt auf dem richtigen Weg sind und effektiv Energie sparen konnten.»

Bewohner erreichen das Soll noch nicht

Während mit dem Gebäude die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft bereits zu 100 Prozent erreicht werden konnten, liegt der Energieverbrauch einiger Bewohner der 54 Wohnungen noch immer etwas über dem Soll – vor allem, weil sie zum Teil noch ein Auto besitzen. «Wir haben aber nach Mietern gesucht, die sich grundsätzlich für das Thema Energiesparen interessieren und sich um das Erreichen unserer Ziele bemühen», sagt Hefti.

Der Vertrag mit dem Rest der Welt, der an der Hausfassade festgehalten ist, ist zwar ein Werk der dänischen Künstlergruppe Superflex, das bei einem «Kunst am Bau»-Wettbewerb als Sieger hervorgegangen ist. Die aufgeführten Ziele wolle man allerdings tatsächlich verfolgen, betont Hefti weiter. «Es existiert auch ein entsprechender Vertragszusatz, den wir symbolisch mit unseren Mietern abgeschlossen haben.»

Katrin Pfäffli ist bereits auf gutem Weg, die Ziele zu erreichen. «Ich bin grundsätzlich keine Energieverschwenderin. Ich lebe eher energiesuffizient – also genügsam», sagt sie gegenüberTagesanzeiger.ch/Newsnet. Ihr Bedarf an energierelevanten Gütern sei «wohl eher unterdurchschnittlich». So habe sie beispielsweise kein Auto. «Nicht, weil ich dadurch meinen Energieverbrauch senken will», fügt sie hinzu, «sondern weil ich in der Stadt Zürich keines brauche. Es wäre ein Verlust an Lebensqualität, wenn ich ein Auto haben müsste».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 13.11.2012, 11:14 Uhr)

Artikel zum Thema

Wenn Elektroöfen die 2000-Watt-Gesellschaft verheizen

Die Stadt will die 2000-Watt-Gesellschaft. Bei Notwohnungen im Erismannhof drückt sie aber beide Augen zu. Mehr...

Die Zürcher müssen verzichten lernen

Die Stadt Zürich will bis 2050 zur 2000-Watt-Gesellschaft reifen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Zürcher Bevölkerung ihren Lebensstil ändern – auch bei der Mobilität. Mehr...

2000-Watt-Gesellschaft: Nebst Datenlücken auch falsche Zahlen

Zahlensalat statt präziser Fakten: Das Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP) liefert falsche Daten zur 2000-Watt-Gesellschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Marktplatz

Die Welt in Bildern

Pretty in pink: Mitglieder der UMNO (United Malays National Organisation) erwarten die Ankunft von Parteipräsident Najib Razak an der Generalversammlung in Kuala Lumpur in Malaysia. (27. November 2014)
(Bild: Vincent Thian (AP, Keystone)) Mehr...